Friedrich zu Dohna berichtet im Dillertal

Vom Fürstensohn zum Flüchtlingskind

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Rund 350 Gäste lauschten im Dillertal dem Vortrag.

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. Das zehnjährige Mädchen sitzt gerade im Badezuber, als die Nachricht ihre Eltern erreicht: „Alles zusammenpacken, Montag geht‘s los.“ Was sie in dem Moment fühlen mag, ist schwer vorstellbar.

In nur wenigen Tagen soll sie ihre Heimat verlassen und ins Unbekannte aufbrechen, wohin ist eigentlich egal – Hauptsache gen Westen, Hauptsache in Sicherheit. Gemeinsam mit Eltern und Nachbarn, auf Karren oder zu Fuß, bei 23 Grad Kälte. Sie hat sicher Angst, doch sie weiß auch, dass sie keine Wahl hat, denn der Feind rückt immer näher und die Gerüchte über seine Taten lassen viele erschaudern. Diese Geschichte ereignete sich nicht in diesen Tagen in Syrien, sondern vor rund 70 Jahren in Schlobitten. Ihr folgte der wohl größte geschlossene Flüchtlingstreck aus Ostpreußen. Organisiert hatte ihn Alexander Fürst zu Dohna, der zwar bereits seine Familie in Sicherheit gebracht hatte, es aber als seine Verpflichtung ansah, auch die Menschen, die auf seinen Ländereien lebten und arbeiteten, zu retten.

Mittlerweile ist er verstorben. Doch sein Sohn, Friedrich Graf zu Dohna, lässt auch heute noch Menschen an diesem bewegenden Teil seiner Familiengeschichte teilhaben. Kürzlich kam er dazu in das Restaurant Dillertal in Bruchhausen-Vilsen. Eingeladen hatte ihn der Lions-Club Grafschaft Hoya und damit offenbar eine gute Wahl getroffen, denn der Saal platzt fast aus allen Nähten. Rund 350 Gäste sind gekommen, um Graf zu Dohna auf seiner Reise in die Vergangenheit zu begleiten.

Gemeinsam mit dem inzwischen über 80-Jährigen betreten sie mithilfe einer Computeranimation virtuell das prachtvolle Schloss Schlobitten. Zu Dohna erklärt und ergänzt die Führung mit persönlichen Kommentaren: „Vor dieser Uhr habe ich als Bub’ oft gestanden und das Pendel in Form eines Schiffes beobachtet. Und auf diesen Wegen habe ich Fahrradfahren gelernt.“ Für ihn und seine Geschwister sei es ein toller Ort gewesen – eben sein Zuhause. Heute ist es eine Ruine in einem polnischen Dorf. „Meine glückliche Kindheit endete 1944“, sagt zu Dohna.

Sein Vater habe es schon früh geahnt. „Er hat im Kessel von Stalingrad gekämpft. Er wusste, der Krieg würde kommen und alles nehmen.“ Und dieses „alles“ war für Alexander zu Dohna: 7 000 Hektar Land, eine wertvolle Trakehner-Zucht, 600 Angestellte, ein ehrwürdiges Schloss voller Kunstgegenstände und Erinnerungen an seine Vorfahren und seine Familie.

Heimlich bereitet er den Treck vor, den er selber anführen will. Dann kommt das Signal zum Aufbruch: „Zwischen uns und der russischen Front steht kein deutscher Soldat mehr.“ Zu Dohna und rund 500 Menschen machen sich auf den Weg. Die Stimmung ist gedrückt. „Weg wollten wir alle nicht“, sagt eine Frau in einem aufgezeichneten Interview, das zu Dohna abspielt. Zum Abschied geben die Köchinnen seinem Vater noch die Schlüssel zu den Gebäuden, nachdem sie alles sorgsam verriegelt haben. Alexander zu Dohna lacht ungläubig: „Wozu noch? Es ist alles vorbei!“ Er weiß, sein Zuhause ist verloren.

Dann geht es los, durch Schnee und Eis. Auf einem Kastenwagen sitzen vier Familien. Alte Männer, französische Kriegsgefangene und 15-Jährige sind die Gespannführer. Manchmal kommen die Teilnehmer in Häusern unter, mal schlafen sie in Ställen oder auch draußen. Die Verpflegung wird knapp, doch Not macht erfinderisch und aus den rechtschaffenden Arbeitern und Gutsleuten findige Diebe. „Wir haben geklaut wie die Raben“, sagt eine Treck-Teilnehmerin. Dennoch bleibt die Not groß. Nicht alle halten die Strapazen aus. Die Milch geht zur Neige, Babys verhungern. Zeit, sie würdig zu bestatten, bleibt nicht. In Tücher gewickelt, werden die kleinen Körper in Straßengräben gelegt. Nach neun Wochen und 1500 Kilometern erreicht der Treck die Grafschaft Hoya, erschöpft aber endlich in Sicherheit. Nur 330 Menschen von ehemals 500 haben es geschafft. Doch willkommen sind die Überlebenden nicht bei allen Einheimischen. „Ich wurde als Zwölfjähriger gefragt: Was ist flüssiger als ein Fluss?“, erinnert sich Friedrich zu Dohna. „Antwort: Ein Flüchtling, denn der ist überflüssig.“

Friedrich zu Dohna taucht aus seinen Erinnerungen auf und blickt in den vollbesetzten Saal. „1945 kamen Jungen und alte Männer hier her. Heute kommen meist junge Männer. Wir hatten den Vorteil, dass wir die Spache und die Kultur kannten. Doch wir haben auch etwas gemeinsam mit den Flüchtlingen von heute: Wir wollten was werden.“

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