Ehrenamtliche werden nicht alleingelassen

Freiwillige Feuerwehr Bruchhausen-Vilsen: Nachbesprechung und Notfallseelsorge für Einsatzkräfte für besseren Umgang mit traumatisierenden Einsätzen

Der Lkw-Unfall auf der B 6 hinterlässt ein Trümmerfeld. Die beteiligten Einsatzkräfte der Feuerwehr können Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie diese beim Verarbeiten der Bilder in ihrem Gedächtnis benötigen.
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Der Lkw-Unfall auf der B 6 hinterlässt ein Trümmerfeld. Die beteiligten Einsatzkräfte der Feuerwehr können Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie diese beim Verarbeiten der Bilder in ihrem Gedächtnis benötigen.

Br.-Vilsen – Trümmerteile, Autowracks, eingeklemmte Personen, Blut und im schlimmsten Fall der Tod. Wenn die Freiwillige Feuerwehr zu einer technischen Hilfeleistung nach einem Verkehrsunfall gerufen wird, dann bieten sich den Einsatzkräften manchmal Bilder der Verwüstung, die sich auch lange nach dem Einsatz noch als Trauma ins Gedächtnis der Ehrenamtlichen einbrennen können. Gemeindebrandmeister Michael Ullmann versichert, dass Feuerwehrleute im Umgang mit diesen Situationen nicht alleingelassen werden. „In den Feuerwehrlehrgängen wird geschult, dass man Hilfe in Anspruch nehmen soll, wenn man sie braucht“, sagt er.

Am Dienstagabend kam es auf der B 6 in Bruchhausen-Vilsen zu einem solchen Schreckensszenario, als zwei Lkw nahezu ungebremst ineinander krachten und die Fahrer – ein Mann aus Diepholz und ein Mann aus den Niederlanden – dadurch in ihren Führerkabinen eingeklemmt wurden. Der Niederländer verstarb noch am Unfallort (wir berichteten). Allein diesen Vorfall zu beobachten, kann schon traumatisierend wirken. Die beteiligten Feuerwehrmänner und -frauen aus Bruchhausen-Vilsen, Asendorf und Syke waren sogar aktiv beteiligt. Sie bargen den leblosen Körper des Verunfallten aus dem Sattelzug. Auch um den schwer verletzten Diepholzer kümmerten sie sich. Während des Einsatzes mussten sie funktionieren, für Emotionen war in diesem Moment kein Platz.

Pastorin Meike Müller aus Schwarme ist kirchlich ausgebildete Notfallseelsorgerin und weiß, dass sich die Emotionen nach dem Einsatz – manchmal sogar erst nach Tagen – einen Weg ins Freie bahnen können, wenn die Einsatzkräfte zur Ruhe kommen. Dann können sie unvorbereitet zuschlagen. „Das ist ganz normal“, sagt sie im Gespräch mit der Kreiszeitung. Dadurch werde das Erlebte verarbeitet. „So arbeitet unser Gehirn. Es kann also auch vorkommen, dass Betroffene nachts vom Einsatz träumen“, meint sie. „Wir helfen der Feuerwehr bei der Nachsorge von akuten Notsituationen“, sagt sie über die Arbeit der Notfallseelsorger.

Durch ein unerwartetes Ereignis könne es vorkommen, „dass Menschen sich fühlen, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Da tut es dann gut, wenn sie jemanden zum Reden an ihrer Seite haben“, erklärt sie ihre Arbeit im Speziellen für die Feuerwehren.

Im Allgemeinen sei die Notfallseelsorge aber für jeden da, der in einer akuten Krisensituation stecke. „Wir sind Ansprechpartner für Menschen, die etwas Schlimmes erlebt haben“, sagt die Pastorin. Dabei seien Religion, Geschlecht, Alter, Herkunft und gesellschaftlicher Status allesamt irrelevant. „Wir helfen jedem“, erklärt Meike Müller.

Jeder Mensch verarbeite traumatisierende Situationen anders, meint Michael Ullmann, der den Einsatz am Dienstag leitete. „Manche stecken das besser weg als andere“, sagt er. Es gebe sogar Feuerwehrleute, die beim Einsatzstichwort „Verkehrsunfall“ freiwillig in die zweite Reihe treten, weil sie sich selbst gut genug einschätzen können und wissen, dass sie mit solchen Situationen nicht gut umgehen können. „Aber das ist überhaupt nicht schlimm“, meint der Gemeindebrandmeister. „Dann nehmen sie eine Kelle in die Hand und sperren den Verkehr oder sie helfen bei der Herausgabe von Geräten.“

Allgemein habe sich der Umgang mit solchen Situationen auch innerhalb der Feuerwehr gewandelt. „Die Führungskräfte sind viel sensibler geworden“, erklärt Michael Ullmann. Es sei gängige Praxis geworden, dass sich das Führungspersonal mit der Mannschaft nach möglicherweise traumatisierenden Einsätzen zu einer Nachbesprechung treffe. Dort werde das Erlebte intern aufgearbeitet. „Mancher muss einfach über das, was er gesehen hat, reden“, meint Ullmann. Bei den Nachbesprechungen könne jeder Einzelne offen sprechen.

Auch in Bruchhausen-Vilsen hat sich die Ortsfeuerwehr gestern unter den geltenden Abstands- und Hygienerichtlinien zur Nachbesprechung in Kleinstgruppen getroffen. Erst danach werde bei Bedarf eine individuelle Notfallseelsorge für die Einsatzkräfte angeboten. „Man muss das Ganze auch erst einmal sacken lassen und verarbeiten“, sagt Michael Ullmann.

Von Jannick Ripking

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