Persönlichen Geschichten aus der Nachkriegszeit

Als die Flüchtlinge und Vertriebenen nach Martfeld kamen

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Gespannt hörten die Anwesenden bei der Erzählrunde im Gemeindehaus zu.

Martfeld - Von Regine Suling. Sie wollten sie erzählen, ihre ganz persönlichen Geschichten. Und taten das so, als wäre all das erst gestern geschehen: anrührend und packend. Dabei liegen die Erlebnisse mehr als 70 Jahre zurück. 

Die Erzählrunde „Als die Flüchtlinge und Vertriebenen nach Martfeld kamen“ im Gemeindehaus entpuppte sich als schönes Erlebnis für alle, die dabei waren. Pastor Heinz-Dieter Freese hatte dazu im Rahmen der ökumenischen Friedensdekade eingeladen.

Aus der einen Stunde, für die die Runde eigentlich angesetzt war, wurden anderthalb – und die Gäste hätten bei Kaffee und Keksen noch weitaus mehr berichten können. Sie brachten unterschiedliche Perspektiven zusammen: Die derer, die zum Beispiel aus Schlesien und Ostpreußen im oder nach dem Zweiten Weltkrieg flüchten mussten oder von dort vertrieben wurden. Und die derer, die die Zugezogenen dann in Martfeld aufnehmen mussten.

Toiletten und fließendes Wasser gab es nicht

„Dafür waren die Bauernhäuser damals gar nicht ausgelegt“, erinnerte sich August Wessel. „Wir haben 1946 drei Familien mit insgesamt 13 Leuten dazubekommen, ohne Toiletten und fließendes Wasser zu haben.“ Seine Gattin Ilse ist selbst eine Geflüchtete. „Mit neun Jahren war ich so schwach, dass meine Mutter mich tragen musste.“ An ihre Ankunft in Martfeld erinnert sie sich immer noch gerne, damals kamen sie und ihre Lieben im Gasthaus Soller an. „Da gab es die erste warme Mahlzeit, das hatten wir damals schon lange nicht mehr gehabt.“

Eine weitere Besucherin in der Runde hatte sich gewundert, als sie als kleines Kind nach Martfeld gekommen war: „Sind wir wieder bei den Polen?“, wollte sie damals von ihrer Mutter wissen. Immerhin sprachen die Menschen so komisch – Plattdeutsch eben.

Dass die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber seinerzeit schlecht war, sagte Wilfried Nordbruch mit Blick in die Martfelder Chronik, in der sich auch Geschichten aus dieser Zeit wiederfinden. „Die Menschen haben sich aber mit der Zeit Respekt verschafft, weil sie auf den Höfen hart gearbeitet haben.“

„Wir sind von allen gut aufgenommen worden“

Ein Schwarmer, der im März 1946 von Ostpreußen über Aurich nach Krummhörn (Ostfriesland) gelangt war, berichtete nur Gutes: „Wir sind von allen gut aufgenommen worden.“

Pastor Freese merkte an, dass die Vertriebenen oftmals als Deutsche zweiter Klasse gegolten und mehr als einmal zu hören bekommen hatten: „Jetzt kommen die Polacken.“

Im Rückblick fällt die Bilanz positiv aus: Dass ihre besten und engsten Freunde Flüchtlinge waren und diese Freundschaften aus Kinderzeiten teilweise bis heute noch halten, berichteten einige Gäste der Gesprächsrunde.

„Die Martfelder haben viele Erfahrungen mit Flüchtlingen“, sagte Kocher Abdullah in bestem Deutsch. Er und seine Frau Shahen Mahmood haben auch Flüchtlingserfahrung, sie kamen vor gut anderthalb Jahren aus Kurdistan nach Martfeld. „Wir fühlen uns hier wohl. Die Leute, die wir hier kennen, sind wie eine Familie für uns.“

So war es auch für viele der Deutschen, die vor rund 70 Jahren nach Martfeld kamen – sie knüpften neue Bande. „Aufschreiben und weitersagen“, war dann auch der vielfach geäußerte Wunsch am Ende der Erzählrunde, damit das Erlebte niemals in Vergessenheit gerät.

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