Projekt zur Erinnerung an NS-Opfer

Flecken bekommt Stolpersteine - Rat stimmt für Umsetzung

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Gunter Demnig verlegt europaweit Stolpersteine – vielleicht auch bald im Flecken.

Br.-Vilsen – Der Rat des Fleckens Bruchhausen-Vilsen begrüßt die Verlegung von Stolpersteinen im Ortskern. Tim Schöning, Lehrer am Gymnasium Bruchhausen-Vilsen, stellte dem Rat den Fortschritt des Projekts vor.

Die AG „Schule ohne Rassismus“ des Gymnasiums beschäftigt sich seit 2016 mit dem Thema „Stolpersteine in Bruchhausen-Vilsen“, hatte darüber im Sozialausschuss der Samtgemeinde im Mai 2016 berichtet. Auf Initiative der damaligen Schüler begann die Arbeit in der Gemeinde an dem Gedenkprojekt, das von dem Künstler Gunter Demnig europaweit dezentral organisiert und durchgeführt wird. „Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen solche Stolpersteine in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas“, berichteten die Schüler 2016. Demnig zitiere den Talmud mit „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Mit den Steinen vor den Häusern werde die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten.

Nach der Vorstellung des Projekts vor drei Jahren begann die AG, die unter der Leitung von Tim Schöning arbeitet, mit der Recherche der Schicksale verfolgter Menschen in der NS-Zeit. Einige Familien, die deportiert wurden, konnten die Schüler ausfindig machen, unter anderem die Familien Hanau, Lindenberg, Meyer und Salomon. Geholfen haben den Schülern bei der Recherche das Samtgemeindearchiv, die Gemeindeverwaltung, ehemalige und aktuelle Bürger sowie Nachkommen.

„Dazu zählt auch Ulrike Meyer, die heute in Bremen lebt“, berichtete Tim Schöning dem Rat. „Sie ist ein Glücksfall für uns gewesen, denn sie hatte schon selbstständig über ihre Familie recherchiert, deren Verzweigung bis Südamerika reicht.“ Da Meyer am Sitzungstag beruflich verhindert war, übernahm Tim Schöning die Präsentation der Ergebnisse über sechs um 1935 in Bruchhausen-Vilsen ansässige jüdische Familien. „Jüdische Familien sind schon seit mehr als 300 Jahren im Ort dokumentiert“, sagte Schöning. Die Recherchen hätten die Namen der Familien Lindenberg, Meyer, Schragenheim und Falk ergeben, „wobei die Lindenbergs und Schragenheims im Leinengroßhandel tätig waren, die Meyers und Falks im Leder- und Viehhandel“. In der Präsentation von Ulrike Meyer waren Fotos der Familien zu sehen sowie dazu dokumentiert, soweit bekannt, das Schicksal der einzelnen Mitglieder.

Anhand einer Karte zeigte Tim Schöning zusammen mit Fleckenbürgermeister Lars Bierfischer, an welchen Stellen die Stolpersteine verlegt werden könnten. Viele der alten Wohnhäuser stehen heute nicht mehr. Ehemalige Wohnorte von Opfern des Nationalsozialismus waren in der Bruchhöfener Straße am Eingang Kohlwühren, am Engelbergplatz, an der Bushaltestelle neben dem Casa Alessia, am Platz vor Bullenkamp, vor dem heutigen Hörakustiker Schmitz sowie vor der Eisdiele. An diesen ehemaligen sollen im öffentlichen Bereich der Gehwege kleine Gedenksteine in den Boden eingelassen werden, die Passanten an die Verbrechen und die Schicksale der Opfer erinnern. „Alle heutigen Grundstücks- oder Hauseigentümer wurden informiert und haben ihr Einverständnis erklärt“, sagte Lars Bierfischer.

Insgesamt würden laut Tim Schöning nach derzeitigem Stand rund 25 Steine verlegt werden können. Zur Verlegung des ersten Steins komme Gunter Demnig immer persönlich. Wann das in Bruchhausen-Vilsen der Fall sein wird, konnte Schöning jedoch nicht sagen. „Wir werden jetzt erst einmal Kontakt mit Herrn Demnig aufnehmen.“

Hermann Hamann (SPD) präsentierte nach dem Vortrag seine eigenen Recherchen zu dem Thema, die auch auf den Unterlagen des verstorbenen Historikers Heinrich Bomhoff basieren. Er verwies auf ein Projekt des Kreisheimatbunds zur „Weimarer Republik zwischen Hunte und Weser“ sowie einen Vortrag am 19. Oktober im Kreismuseum zum Thema „Die NSDAP in Syke und Umgebung“. An Tim Schöning übergab er einen großen Stapel Papiere seiner eigenen Untersuchungen. „Wir freuen uns immer über weitere Dokumente und Mithilfe von Bürgern“, sagte Schöning, der im Gymnasium zu erreichen ist oder per Email an tim.schoening@gym-bruvi.wwschool.de.

Ein Bürger erkundigte sich, ob es eine Dokumentation und eine Infoveranstaltung gebe. Beides sei angedacht, erläuterte Schöning.

Bürgermeister Bierfischer sagte: „Mein Wunsch wäre es, ein Buch darüber herauszugeben, das zum Beispiel von der Geschichtswerkstatt erstellt werden könnte.“

Bernd Schneider (Bündnis 90/Die Grünen) erkundigte sich nach dem Fortbestand der AG. „Das hängt immer von den Schülern ab, aber wenn sie wollen, dann wird natürlich auch weiter recherchiert“, sagte Tim Schöning.

Werner Pankalla (CDU), zeigte sich begeistert von dem Projekt. „Großartig, dass ihr euch mit diesem Thema befasst“, lobte er drei anwesende Schüler der AG. Der Rat sagte über alle Parteien hinweg die Unterstützung der Politik zu.

Sponsoren gesucht:

Gesucht werden noch Sponsoren für das Projekt „Stolpersteine in Bruchhausen-Vilsen“. Einige Bürger hätten sich laut Tim Schöning bereits gemeldet, die Kosten für einen Stein zu übernehmen. Auf der Homepage des Initiators Gunter Demnig (www.stolpersteine.eu) ist nachzulesen: „Die Verlegung eines Stolpersteins kostet 120 Euro inklusive Vorbereitungsarbeiten, Materialkosten, Fertigung und Versand/Lieferung. Die Steine werden von unserem Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlaender in Handarbeit angefertigt.“  

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