Ersatzdienst statt Bundeswehr

Bei Felix Brinker ist nichts vorhersehbar

+
„Der Plan für mein Leben war definitiv ein anderer“, sagt der 30-jährige Felix Brinker.

Br.-Vilsen/Hamburg - Von Florian Neuhauss. Alles begann mit einer schlechten Nachricht. Per Post teilte das Kreiswehrersatzamt mit, dass die Verweigerung von Felix Brinker abgelehnt worden sei. Statt Zivildienst also doch zum Bund... „Warum machst du keinen Ersatzdienst?“, fragte ihn seine Mutter. Dabei kannte sie die Antwort eigentlich schon. Ihr Sohn wollte anders als seine Mutter, sein Vater, sein Onkel und ein Cousin nichts mit Feuerwehr und Co. zu tun haben.

„Das kam für mich nicht infrage“, berichtet der 30-Jährige. „In meiner Kindheit musste ich immer mit, darauf hatte ich keine Lust.“ Eher aus Mangel an Alternativen und weil er sich zwar für sechs Jahre verpflichten musste, aber die 200 jährlichen Stunden Wehrersatzdienst flexibel ableisten konnte, trat er doch der Freiwilligen Feuerwehr Bruchhausen-Vilsen in Asendorf bei. Das war 2005. Mitglied der Ortsfeuerwehr ist er noch immer, seit vergangenem Jahr aber auch Brandoberinspektor bei der Berufsfeuerwehr in Hamburg – und sagt: „Ich kann mir keinen interessanteren und spannenderen Job vorstellen.“

Überraschend und nicht vorhersehbar hat er in seiner Aufzählung vergessen. Das Interview zu diesem Artikel stand nämlich unter keinem guten Stern. Beim ersten Versuch flogen pünktlich zum verabredeten Termin die Tore der Fahrzeughalle in Hamburg auf und Brinker fuhr unter Blaulicht und Sirene mit seiner Wachabteilung zum Einsatz. Beim zweiten Mal war der Löschzug bereits bei der Bekämpfung eines Großbrandes. Aber aller guten Dinge waren in diesem Fall mal wieder drei. Auch wenn mehrfach während des Gesprächs der Alarm in der Wache losging und Brinker kurz stockte, gab er doch immer wieder innerhalb einer Sekunde Entwarnung: „Ein Einsatz für den Rettungsdienst.“

Ähnlich wie beim Morsen ist der Alarm codiert. Beginnt er mit einem tiefen Ton, gilt er dem Rettungsdienst. Die weiteren Töne benennen dann ein konkretes Auto. Genauso ist es beim Löschzug, nur dass der Alarm mit einem hohen Ton startet.

„Ich höre immer schon das Knacken im Lautsprecher, bevor es losgeht“, erzählt der Familienvater. „Zu Beginn meiner Feuerwehrzeit bin ich bei bestimmten Geräuschen sogar zu Hause aufgeschreckt, weil ich dachte, dass es wieder soweit ist.“

Beim Ersatzdienst wurde es im Frühjahr 2006 von jetzt auf gleich ernst. Die Elbe überflutete die Altstadt von Hitzacker. „Um drei Uhr morgens wurden wir verständigt, um sieben waren wir da und sind sofort eingesetzt worden“, erinnert sich der gebürtige Bruchhausen-Vilser an den Beginn des 48-Stunden-Einsatzes. „Damals bin ich vom Feuerwehr-Virus infiziert und mitgerissen worden.“ Wie die Kräfte von Feuerwehr, THW und DLRG zusammengearbeitet haben, dass Hubschrauber im Einsatz waren und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Ort war, hat ihn geprägt.

Aus einem jungen Mann, der in Buchhausen-Vilsen sowie Syke zur Schule gegangen ist und eigentlich nichts mit der Feuerwehr zu tun haben wollte, wurde so über Nacht ein Begeisteter. Brinker studierte zunächst in Wuppertal Sicherheitstechnik (2006 bis 2009), wechselte dann aber an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften nach Hamburg in den Studiengang Rettungsingenieurwesen. Nach dem Studium bewarb sich der Bruchhausen-Vilser beim Baukonzern Hochtief als Sicherheitsberater und eben bei der Feuerwehr. Dort galt es, ein hartes Auswahlverfahren zu bestehen, unter anderem standen Tests in Logik, Mathe und Sport an. Drei Kandidaten wurden so aus 60 Bewerbern ausgewählt. Felix Brinker war einer davon. Nach zwei Jahren an der Feuerwehrakademie machte er 2015 seinen Abschluss.

Und danach galt es an der Feuerwache Hamburg-Rotherbaum gleich, Verantwortung zu übernehmen. Als Brandoberinspektor ist er die Nummer drei in seiner Wachabteilung und mitunter für 20 Einsatzkräfte verantwortlich. Durch seine Ausbildung darf der Vater einer Tochter einen Löschzug anführen, zu dem ein Einsatzleitwagen, eine Drehleiter und zwei Löschfahrzeuge gehören.

Dabei weiß auch der Leiter oft nicht, in was für einen Einsatz er die Abteilung führt. „Wir haben immer nur ein Stichwort, die Adresse und einen Einzeiler“, berichtet Brinker. „Beim Einsatz kann ganz harter Tobak oder absoluter Unsinn warten.“ Das ist ab und an nur ein defekter Rauchmelder. Die Feuerwehrleute haben aber auch immer wieder mit dem Tod zu tun: Wasserleichen in der Alster, eingeklemmte Personen unter Zügen oder Suizide. „Man hat dann immer bestimmte Bilder vor Augen, aber zum Glück ist es noch nie so schlimm gewesen, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Da Brinker anders als die meisten seiner Kollegen keine Ausbildung zum Brandmeister absolviert hat, ist er am Einsatzort in bestimmten Situationen außen vor. Deshalb bildet sich der 30-Jährige gerade nebenbei zum Rettungssanitäter fort. Das ist im mittleren Dienst, für den die Hamburger Feuerwehr händeringend nach Nachwuchs sucht, Bestandteil der Ausbildung. Im gehobenen Dienst, in den Brinker eingestiegen ist, jedoch nicht.

Beim kuriosesten Einsatz seiner noch jungen Karriere bedurfte es allerdings zunächst kaum Fachkenntnissen. In einem Wohnhaus hatte mal wieder der Feuermelder Alarm geschlagen, die Nachbarn verständigten die Feuerwehr. „Weil die Mieter in der betreffenden Wohnung die Tür nicht geöffnet haben, bin ich über das Fenster eingestiegen. Statt eines Feuers habe ich aber nur ein großes schwarzes Zelt vorgefunden“, erinnert sich Brinker. „Darin war eine große Cannabis-Plantage – offenbar haben Dämpfe den Alarm ausgelöst.“

Dass seine Wachabteilung ein paar Stunden später erneut in die Wohnung musste, weil sich vier Polizisten bei der Beweissicherung – verschiedene Chemikalien wurden zusammengekippt, was eine schmerzhafte Reaktion erzeugte – verletzt hatten, sei ein typisches Beispiel dafür, wie sich innerhalb eines Einsatzes „alles noch mal um 180 Grad drehen kann“, erklärt der Bruchhausen-Vilser.

„Wir sind immer dabei, wenn es spannend wird“, freut sich Brinker, der sich mittlerweile gern mit den Verwandten Feuerwehrgeschichten erzählt. „In Asendorf gibt es natürlich nicht so viele Einsätze, aber bei großen Hofbränden und schweren Unfällen auf der B6 oder den kleineren Landstraßen trotzdem viel zu tun.“

Auf die vergangenen gut zehn Jahre schaut der Wahl-Hamburger, der mit seiner Frau Janna und Tochter Greta im Stadtteil Bergstedt wohnt, ein wenig fassungslos zurück. „Der Plan für mein Leben war definitiv ein anderer“, sagt Felix Brinker und lacht. „Aber ich freue mich, dass alles anders gekommen ist. Der Bundeswehr sei Dank.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Chris Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France

Chris Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France

US-Golfstar Jordan Spieth gewinnt 146. British Open

US-Golfstar Jordan Spieth gewinnt 146. British Open

Green Circus auf dem Deichbrand Festival 2017

Green Circus auf dem Deichbrand Festival 2017

Holtebütteler Plattsnackers spielen „Chaos in’t Bestattungshuus“ 

Holtebütteler Plattsnackers spielen „Chaos in’t Bestattungshuus“ 

Meistgelesene Artikel

Norwegischer Urlauber will Benzin holen und "tankt" beim Schützenfest in Stuhr

Norwegischer Urlauber will Benzin holen und "tankt" beim Schützenfest in Stuhr

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

Kommentare