Betreiber sind frustriert

Event Center Martfeld: Das ist die letzte Chance für die Familie Kurt

Das Event Center in Martfeld von außen fotografiert.
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Das Event Center in Martfeld: Damit dort Veranstaltungen organisiert werden können, müsste der Bauplan durch die Gemeinde geändert werden, heißt es vonseiten des Landkreises Diepholz.

Seit Jahren versuchen Nihat Kurt und seine Familie ein Event Center in Martfeld zu etablieren. Hilfe kam zuletzt von hilfsbereiten Bikern, Widerstand aber aus Politik und Nachbarschaft.

Martfeld – „Das hat uns sehr den Rücken gestärkt“, sagt Behiye Kurt. Sie ist genauso begeistert wie ihr Vater Nihat angesichts der Aktion, die sich die Motorradfahrer in der vergangenen Saison haben einfallen lassen: Die Biker, die im Bistro „Stevens“ von Nihat Kurt in Martfeld regelmäßig Halt machen, hatten eine Spendenaktion organisiert, um der Familie unter die Arme zu greifen.

Eine ganze Monatspacht kam auf diese Weise zusammen. Und noch immer gehen einzelne Spenden ein. „Wir sind alle sehr dankbar dafür“, fasst Behiye Kurt ihre Freude in Worte. Das Gefühl, dass es Menschen gibt, die an die Familie Kurt glauben und sie schätzen – das hallt noch immer nach.

Seit Langem keine Veranstaltungen mehr im Event Center Martfeld

Und doch: Die Familie ist frustriert. Denn Nihat Kurt ist nicht nur Pächter des Bistros, sondern auch des direkt angrenzenden Event Centers Martfeld. Dort dürfen keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Dabei hatte die Familie zuletzt wieder Hoffnung geschöpft. Mündlich sei ihnen seitens des Bauamts des Landkreises geraten worden, einen Antrag auf Genehmigung als „Gaststätte mit Saalbetrieb“ zu stellen. Diesen würde man dann auch genehmigen, hatte das Bauamt versprochen, so Nihat Kurt. Er engagierte einen Architekten und reichte die notwendigen Pläne ein.

Dann aber sei eine Ablehnung gekommen – „ohne Angabe von Gründen“. Das sieht Joachim Homburg, stellvertretender Fachdienstleiter des Fachdienstes Bauordnung und Städtebau beim Landkreis Diepholz, allerdings etwas anders. Zum Vorhaben „Erweiterung eines Bistros durch Nutzungsänderung einer Halle“ habe er sich bereits dreimal gegenüber der Familie zur Unzulässigkeit des Vorhabens geäußert. Zuletzt habe er dem Eigentümer und Bruder des Pächters, Devran Kurt, Ende Januar dieses Jahres erläutert, warum eine Erweiterung des Bistros durch eine Nutzungsänderung der Eventhalle nicht in Betracht komme. Dabei habe er sich auf das Urteil bezogen, dass das Verwaltungsgericht Hannover 2019 gefällt hatte. Danach stelle eine Nutzung der Halle eine Nutzung als Vergnügungsstätte dar.

Nutzung als Vergnügungsstätte laut Bebauungsplan unzulässig

„Eine solche Nutzung ist allerdings innerhalb des Baugebietes aufgrund der im Bebauungsplan festgesetzten Nutzungsausschlusses für Vergnügungsstätten unzulässig“, erklärt Joachim Homburg. Damit sei auch eine Gaststättenerweiterung durch die Nutzungsänderung der Halle planungsrechtlich nicht gestattet, da diese gegen den geltenden Bebauungsplan verstoßen würde. Kurzum: Joachim Homburg sieht derzeit keine Möglichkeit, das Event Center für gastronomische Zwecke zu nutzen.

Einen Ausweg aus der verfahrenen Situation beschreibt er aber schon: „Eine andere planungsrechtliche Situation könnte sich durch die Änderung des rechtsverbindlichen Bebauungsplanes ergeben. Zuständig hierfür wäre die Gemeinde Martfeld.“ Genau die hatte das Thema in den vergangenen Jahren bereits zweimal auf ihrer Tagesordnung. Die Abstimmung fiel dabei jedoch stets gegen eine Änderung des geltenden Bebauungsplans (B-Plans) aus.

Sie fühlen sich diskriminiert: Betreiber Nihat Kurt und seine Tochter Behiye.

„Wenn die Mehrheit es nicht will, ist da nichts zu machen“, sagt Bürgermeisterin Marlies Plate. „Mir tut es in der Seele leid, aber das ist Demokratie.“ Eine Chance, die Änderung des Plans erneut auf die Agenda des Rats zu setzen, sieht sie aktuell nicht. „Das müsste jemand aus dem Rat beantragen.“

Derweil ist Familie Kurt mehr als nur frustriert. Sie fühlt sich aufgrund ihrer Herkunft außerdem diskriminiert. Sie sind Jesiden und stammen ursprünglich aus der Türkei. „Meine Eltern wollen arbeiten und etwas auf die Beine stellen“, sagt Behiye Kurt. Die junge Frau ist in Deutschland geboren, hat schon als Asylbegleiterin gearbeitet und macht derzeit eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten.

„Unsere Familie kämpft seit Jahren für ihre Existenz“

Genau wie ihre Brüder, die bei der Bundeswehr arbeiten beziehungsweise eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker machen, unterstützt sie ihre Eltern. „Wir kommen unter der Woche abends her und helfen auch am Wochenende mit“, macht Behiye Kurt deutlich. „Unsere Familie kämpft seit Jahren für ihre Existenz. Aber wie lange können wir noch diese Geduld aufbringen?“

2011 erwarb die Familie das Objekt und baute es nach dem Erhalt eines Bauvorbescheids zu einem Event Center allen Auflagen gemäß um, die sie vom Landkreis Diepholz erhielten. Sie kümmerten sich um den Brandschutz und zogen eine Akustikdecke ein. „Wir haben sogar Dezibel-Messgeräte eingebaut, die die Musik automatisch abstellen, wenn diese zu laut wird“, sagt Behiye Kurt. Stufte der Landkreis das Event Center zunächst noch als Versammlungsstätte ein, änderte er seine Meinung 2012 – und wertete das Event Center fortan als Vergnügungsstätte.

Und genau die ist gemäß des B-Plans im Gewerbegebiet „Am Funkturm“ nicht zulässig. Der Gemeinderat Martfeld änderte den B-Plan nicht. Dennoch gab der Landkreis Diepholz der Familie Kurt eine Sondergenehmigung für maximal vier Veranstaltungen pro Jahr.

Verwaltungsgericht entscheidet 2019 gegen Event Center Martfeld

Nachdem ein Ehepaar aus der Nachbarschaft dagegen klagte und 2019 vor dem Verwaltungsgericht gewann, ist auch diese Regelung Geschichte. Der große Veranstaltungssaal steht seitdem leer. „Wir sind hier im Gewerbegebiet – und warum bekommt mitten im Ort das Dorfgemeinschaftshaus eine Baugenehmigung und wir hier eine Ablehnung?“, wundert sich Nihat Kurt. Würde er das Event Center so betreiben wollen, wie es ihm vorschwebt, würde sich ein bunter Veranstaltungsmix ergeben: „Wir hätten mit Sicherheit 90 Prozent nur deutsche Veranstaltungen: Abibälle, Theater, Kohltouren, Flohmärkte“, zählt Nihat Kurt auf.

„Wenn wir nicht so eine große Familie wären, wären wir schon lange pleite gewesen“, meint seine Tochter. „Wir machen alles – und trotzdem werden uns immer wieder Steine in den Weg gelegt“, stellt Behiye Kurt enttäuscht fest. „Wir wollen doch etwas Gutes für Martfeld tun“, sind sie und ihr Vater sich einig. Die Familie hofft jetzt erst einmal auf ein baldiges Ende des gastronomischen Lockdowns. Denn dann kann sie wenigstens ihre treuen Motorradfahrer wieder mit mehr als nur einem Kaffee zum Mitnehmen bewirten.

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