Drei Männer sprechen über den Beruf

„Das Erzieher-Sein kann man nicht wirklich lernen“

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Stephan Neddermann, Marius von Beckerath und Marcus Anlauf (von links) arbeiten als Erzieher im Kindergarten Löwenzahn in Bruchhausen-Vilsen. 

Br.-Vilsen - Marius von Beckerath, Marcus Anlauf und Stephan Neddermann sind als Erzieher im Kindergarten Löwenzahn in Bruchhausen-Vilsen und betreuen bei den Gruppen Hase, Igel und Mäuse Kinder zwischen drei und fünf Jahren. Dass gleich drei Männer in einem Kindergarten arbeiten, ist ungewöhnlich. Zudem werden die Erzieher und Erzieherinnen vom FJSler Felix Förster und dem Praktikanten Moritz Weidinger unterstützt. Die drei Erzieher sprachen mit Redakteurin Vivian Krause über ihren Beruf.

Denken Sie, dass ein Mann als Erzieher mehr Chancen hat als eine Frau?

Marius von Beckerath: Ich glaube, man wird als Mann eher zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich würde aber nicht unbedingt sagen, dass man sofort die besseren Chancen hat, man hat aber vielleicht schneller einen Fuß in der Tür. Marcus Anlauf: Während meiner Ausbildung sagten die Lehrer: „Du kannst als guter Erzieher während deiner Ausbildung mit einem Viererschnitt schneller einen Job kriegen, als wenn sich eine Erzieherin mit einer Zwei bewirbt.“ Weil es einfach zu viele Frauen in diesem Beruf gibt. So haben die Lehrer uns schon klar gemacht, dass man als Mann bessere Chancen hat, einfach, weil eine Unterpräsenz da ist. Ich habe mich nie schriftlich bewerben müssen, sondern die Einrichtungsleitung rief bei mir an und fragte, ob ich dort arbeiten möchte. Stephan Neddermann: Natürlich ist es sowieso so, dass Erzieher sehr gesucht werden und Lücken schnell gefüllt werden müssen.

Inwiefern gibt es in der Arbeit mit Kindern geschlechterspezifische Unterschiede?

Stephan Neddermann 

Seit August 2017 ist Stephan Neddermann im Kindergarten Löwenzahn tätig. Der 45-Jährige war zuvor Koordinator in der Grundschule. Derzeit absolviert der in Bruchhausen-Vilsen Lebende eine Ausbildung zum Fachwirt für Erziehungswesen. Er war einst Postbote, machte nach dem Zivildienst eine Umschulung zum Erzieher.

Neddermann: Das ist typenabhängig. Ich finde diese Geschlechterrollentrennung echt schwierig. Von Beckerath: Das Klischee „Jungs in der Bauecke“ gibt es immer noch. Neddermann: Ich würde sagen, meine Kollegin bringt ein anderes „Mama-Sein“ mit, alleine durch die Statur, durch die Körperlichkeit. Aber trotzdem kommen die Kinder auch zu mir kuscheln oder wollen mit mir was basteln. Es gibt Väter, die ich erlebe, die Schwierigkeiten in ihrer eigenen Rollenfindung haben. Da kann das manchmal echt hilfreich sein, wenn wir zum einen für die Kinder da sind und ein Rollenbild verstärken, und gleichzeitig aber auch Eltern Orientierung bieten, die vielleicht noch nicht so gefestigt sind in ihrer Rolle. Anlauf: Seit ich Familienvater bin, habe ich einen ganz anderen Draht zu Vätern. Sie trauen sich, Punkte anzusprechen, die sie vielleicht mit der Kollegin nicht besprechen würden. Auch erlebe ich in dem Job das Kräftemessen zwischen Jungs. Ich habe noch keine Kollegin gesehen, die sich in den Sandkasten setzt und rauft. Das verrückte Toben wird ja Männern zugeschrieben. Und da wird von Frauen schon mal ängstlich geguckt. Es ist nicht so, dass wir als Männer ein Hulk sind. Auch Jungen dürfen weinen.

Stichwort „Papa-Ersatz“ – baut das Kind nicht eine zu große Bindung zu Erziehern auf?

Anlauf: Du darfst die Situation und die Probleme nicht mit nach Hause nehmen. Wenn wir im Kindergarten sind, kann das Kind sich voll auf mich verlassen, aber wenn der Kindergarten vorbei ist und man sich dann beim Einkaufen sieht, gebe ich die Rolle als Erzieher ab, weil Mama dabei ist. Neddermann: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht wie eine Front aufstellen, die man nicht überwinden kann, sondern eher wegweisend und begleitend sein.

Ist es auch so, dass Väter mal eifersüchtig auf Sie sind?

Neddermann: Das ist zumindest nicht vorgekommen. Vielleicht sagen die Kinder mal „Stephan ist cooler“. Aber genauso höre ich, wie die Kinder sagen „Das kann Papa aber besser“. Vielleicht fand ich als Kind meine Erzieherin auch manchmal besser als meine Mama.

Inwiefern ist ein Mann notwendig im Kindergarten?

Marcus Anlauf 

Der 37-Jährige machte seine Erzieherausbildung in Nienburg. Zuvor absolvierte er eine Lehre zum Bäcker und seinen Zivildienst. In Bruchhausen-Vilsen arbeitet er seit April 2017. Zuvor durchlief er verschiedene Stationen, arbeitete unter anderem in der Jugendhilfe. Der Kampfsportpädagoge wohnt mit seinen Drillingen und seiner Frau in Bruchhausen-Vilsen.

Anlauf: Die Sicht auf eine Situation kann bei einem Mann anders sein. Wenn man sieht, die Kinder stoßen zusammen, wird kein Drama gemacht. Es geht halt weiter. Das erlebe ich zu Hause auch: Meine Frau geht anders auf das Weh-Wehchen ein. Ich sage: „Guck’, da fliegt das Aua.“ Fertig. Was nicht heißt, dass man sich nicht um das Kind kümmert, wenn es sich wirklich verletzt hat. Neddermann: Ich glaube, dass Männer manchmal Dinge nicht so persönlich nehmen wie Frauen. Anlauf: Im Kindergarten, wo ich früher gearbeitet habe, gab es zwei, drei Mal die Fälle, dass die Chefin mich gebeten hat, als Mann in einem Elterngespräch dabei zu sein. In anderen Kulturen wirkt es noch mal anders, wenn ein Mann dabei ist. Das habe ich hier noch nicht erlebt. Ich habe zu den Flüchtlingseltern einen guten Kontakt, ich genieße das, wenn ich mal zwei, drei Sätze auf Arabisch rauskriege und sie fühlen sich dadurch angenommen.

Holen sich Freunde bei Ihnen Erziehungstipps?

Anlauf: Im Freundeskreis passiert das schon mal. Neddermann: Wenn jemand Psychotherapeut ist, möchte er auch nicht, dass ich jeden Nachmittag bei ihm nachfrage. Das macht man einfach nicht. Vielleicht erzähle ich abends mal aus dem Kindergarten, aber eigentlich ist für mich um 12 Uhr Feierabend. Ich kann und darf und will das nicht mit in die Freizeit nehmen.

Sie sind hier in der Einrichtung als Männer zu dritt – sehr außergewöhnlich.

Marius von Beckerath 

Der 36-Jährige, der in Holtrup wohnt, entschied sich nach dem Zivildienst für die Ausbildung zum Erzieher. Er wollte zunächst mit Behinderten arbeiten, begeisterte sich aber dann für die Arbeit mit Kindern. Seine Ausbildung absolvierte er in Syke. Zuvor machte er eine Metallbaulehre. In Bruchhausen-Vilsen arbeitet er seit rund zwei Jahren.

Von Beckerath: Die Tendenz ist ja, dass mehr Männer den Job machen. Aber man kann nicht sagen, jetzt kann sich vor männlichen Erziehern keiner mehr retten. Anlauf: Das Finanzielle ist ein Aspekt, der viele Männer nach der Ausbildung daran hindert, in die Kinderhilfe zu gehen. Ich habe bei meiner Arbeit in der Jugendhilfe 800 Euro mehr verdient. Aber mir ist die Zeit mit der Familie durch die geregelten Arbeitszeiten wichtiger. Von Beckerath: Es ist immer noch so, dass der Mann eigentlich für die Familie sorgt. Das ist sehr schwierig mit dem Gehalt eines Erziehers. Neddermann: Der Job muss einem ja auch liegen. Ich meine, ich bin 45 Jahre und sitze da und knete. Aber genau das ist das Wichtige. Ich sitze da und knete, die Sprache und die Wahrnehmung der Kinder entwickeln sich. Aber man sieht von außen nur das bisschen Kneten. Das ist es eben nicht. Wir müssen viele Fragen von Eltern, der Leitung, Therapeuten und bei Schuluntersuchungen beantworten. Daher müssen wir unsere Wahrnehmung aber auf Daueraufnahme stellen. Augenscheinlich ist die Wahrnehmung anderer so: Er geht um 8 Uhr hin, geht um 12 Uhr wieder, hat drei Kaffee getrunken – dafür braucht man auch nicht so viel Geld.

Was muss man denn als Erzieher mitbringen?

Anlauf: Von allem etwas, und dann muss man auf die Ergänzung durch die Kollegen hoffen. Ich habe Stärken, ich habe Schwächen und hoffe, dass meine Kollegen meine Schwächen aufgreifen. Auch wir machen einen Entwicklungsprozess durch, stellen uns immer wieder auf die neuen Kinder ein. Von Beckerath: Ich finde Strukturen wichtig. Anlauf: Emphatisch sein, feinfühlig sein, Interesse am Lernen, Freude am Lernen. Neddermann: Echtes Interesse am Kind. Das ist wie bei allen Sachen. Nur für etwas, was mich wirklich bewegt, kann ich auch etwas bewegen. Ich bin auf gar keinen Fall ein geduldiger Mensch, kann aber unfassbar geduldig sein. Das ist aber auch meine Aufgabe. Ich kann auch Lautstärke wahnsinnig gut aushalten, aber nur, weil ich das aushalten können muss. Ich muss viele Menschen, viele Meinungen, viele Mitarbeiter, viele Gefühle aushalten können. Das Erzieher-Sein kann man nicht so wirklich lernen. Das ist wie beim Singen, es gibt ein paar Dinge, die kann man auch da nicht nachjustieren.

Hat sich im Laufe der Zeit etwas an dem Job verändert?

Neddermann: Wir haben hier im Kindergarten 14 Sprachen. Das ist schon eine Herausforderung. Anlauf: In der Jugendhilfe gab es Ausschreibungen für Erzieher, die Prämien gekriegt haben, wenn sie beispielsweise Arabisch sprechen. Das haben wir so als Erzieher im Kindergarten nicht. Wenn man jetzt Erzieher hätte, die eine weitere Sprache sprechen, und dafür eine Prämie extra bekämen, wäre das vielleicht auch attraktiv.

Warum machen Sie den Job?

Anlauf: Mir macht der Job Spaß, keine Frage. Sonst hätte ich auch in der Backstube bleiben können. Ich strebe aber schon an, eine eigene Jugendhilfe-Einrichtung aufzubauen. Wie das läuft, das weiß ich noch nicht. Aber jetzt sind meine Drillinge sieben Jahre, jetzt genieße ich die geregelten Arbeitszeiten. Neddermann: Für mich ist das ein Baustein auf dem Weg. Meine Ausbildung zum Fachwirt endet 2018. Dann möchte ich in die Leitung einer Einrichtung gehen. Von Beckerath: Mir macht es Spaß. Ich will in der Hasengruppe bleiben.

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