Ein Fest für Prinzessin Sophie

Die erlauchte Gesellschaft feiert mit dem einfachen Volk

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Hausherr Günther Oerding eröffnete das Fest zum 350. Geburtstag Sophie Dorotheas.

Br.-Vilsen - Von Horst Friedrichs. „Und er hat ja eine sooo große Nase!“ Geradezu empört und mit ausholenden Handbewegungen beschreibt die Leinenweberin Sophie den adligen Verehrer, mit dem die bedauernswerte Prinzessin Sophie Dorothea verkuppelt werden soll. „Ein ganz rauer Kerl soll er sein“, ergänzt die Kräuterfrau Berta. Und das ist nur ein kleiner Teil der höfisch-hannoverschen Klatschgeschichten aus dem 17. Jahrhundert, die die beiden Frauen am Wochenende auf dem einstigen Schlosshof und heutigen Amtshof in Bruchhausen-Vilsen verbreitet haben.

Sophie und Berta, von vielen Auftritten im Luftkurort wohlbekannt, würzten am Sonnabend ein besonderes Fest wortreich und mit viel Situationskomik. Vor zahlreichen begeisterten Zuschauern lieferten sie ein beredtes Beispiel dafür, wie Gesellschaftsklatsch gegen Ende des 17. Jahrhunderts auch im „einfachen Volk“ verbreitet wurde. Den Heerscharen von Personal in fürstlichen und königlichen Häusern fiel dabei wohl eine tragende Rolle zu, gab es doch kaum eine andere Übermittlungsform als das getuschelte Wort. Sophie und Berta, alias Christiane Wimmer und Christiane Mewes, führten eindrucksvoll vor Augen und Ohren, wie Klatsch und Tratsch in einer Zeit verbreitet wurden, in der es weder Yellow Press noch Medien gab, die den heutigen auch nur ansatzweise ähnelten.

Kräuterfrau Berta (links) und Leinenweberin Sophie erzählten Klatschgeschichten um Prinzessin Sophie Dorothea. 

Vom Schmunzeln bis zu lautem Lachen reichten die Reaktionen auf die Erzählungen der beiden Brokser Originale. Sie nahmen ihr Publikum mit in eine Lebenswelt, die von Reichtum und Standesdünkeln geprägt war – doch ebenso von unsäglichen Schicksalsschlägen. Anlass für das Fest war der 350. Geburtstag der Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, die häufig in Broksen zu Besuch gewesen war, bevor sie als Verbannte von Schloss Ahlden in die Geschichte einging – nicht zuletzt als Protagonistin etlicher herzzerreißender Schmonzetten. Denn immerhin musste sie in dem Schloss nahe Rethem an der Aller die letzten drei Jahrzehnte ihres Lebens in völliger Abgeschiedenheit verbringen – und das wegen einer außerehelichen Beziehung, einer heimlichen Liebschaft, wie es damals hieß. Die Prinzessin soll ihren großnasigen, rauen Ehemann mit einem Grafen betrogen haben.

Das damalige Jagdschloss der Eltern Sophie Dorotheas ist heute der Amtshof (Amtshof 2) in Bruchhausen-Vilsen. Dessen Hausherr, Dr. Günther Oerding, eröffnete das zweitägige Fest zu Ehren der berühmten Prinzessin am Sonnabendnachmittag vor etlichen Gästen, die sich auf dem alten Schlosshof versammelt hatten. Flankiert wurde Oerding von historisch fundierten Persönlichkeiten, deren prachtvolle Kostüme es den Zuschauern leicht machten, sich in die Zeit vor mehr als drei Jahrhunderten zu versetzen.

Gästeführer Dieter Borcherding ist: Hans-Adam von Hammerstein

Hans-Adam von Hammerstein, seines Zeichens Amtmann und Schlossverwalter für den Herzog von Celle, wurde dargestellt von Gästeführer Dieter Borcherding. Eleonore von der Knesebeck (Annemarie Schlake), Kammerzofe der Prinzessin, gehörte ebenso zum erlauchten Personenkreis im Renaissance-Outfit wie Kammerdiener Hildebrandt (Jörg Herrmann), der in den Diensten von Sophie Dorotheas Liebhaber stand, also des Grafen Philipp Christoph Königsmarck, eines Obristen am hannoverschen Hof. Als beeindruckende graue Eminenz präsentierte sich der Ideengeber des Fests, Wilfried Müller vom Verschönerungsverein, als Kammerrat von dem Busche, zugleich Richter des Ehegerichts. Zeremonienmeister Gustav August Grote (Kultur- und Kunstvereins-Vorsitzender Peter Schmidt-Bormann) vervollständigte die Runde der ehrwürdigen Perückenträger.

Günther Oerding eröffnete das Fest mit einer Begrüßungsansprache und einem Überblick über die Geschichte des Hauses, das er 1978 erwarb und mit umfangreichen Renovierungsarbeiten aus seinem Dornröschenschlaf erweckte. Zurzeit, sagte er, entstehe ein Anbau für Praxen unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen.

Dieter Borcherding als Hans-Adam von Hammerstein begann seinen geschichtlichen Rückblick mit der Zeit vor 800 Jahren, als es die Grafen von Bruchhausen gab – und ein Prämonstratenserkloster nahe dem heutigen Luftkurort. Borcherding schilderte die Zeit des Einflusses der Grafen von Hoya, die den Zusatz „und Bruchhausen“ gern unter den Tisch fallen ließen, bis hin zur Welfenherrschaft nach dem Tod des letzten Hoyaer Grafen.

Sophie und Berta wechselten sich anschließend – bei einem Rundgang durch den Schlosspark – mit Erzählungen aus dem Leben der Prinzessin ab. Das Festprogramm mit einer Kaffeetafel im Park, einer Lesung mit Bärbel Rädisch und einem Festmahl endete am Abend mit einem Serenadenkonzert von Jonas Potratz und seinen Freunden unter Lichterglanz im Schlosspark. Am Sonntag fand ein Gottesdienst mit Pastor Joachim Dallmeyer und mit dem von Dietrich Wimmer geleiteten Posaunenchor Bruchhausen-Vilsen statt. Danach trat der höfische Tanzkreis Lüneburg in historischen Kostümen auf.

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