Eisenbahn-Fans schippen Kohle, putzen Lok und setzen sich selbst ans Steuer

Mit Volldampf zum „Kleinbahnerdiplom“

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Wolfgang Moll vom DEV erklärte die Steuerung der Lok.

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. Normalerweise lenkt Nils Tangemann Straßenbahnen durch Hannover. Doch an diesem Tag kniet der 19-Jährige vor der Ofenluke der Dampflok „Hoya“ und bemüht sich, mit einer Schippe die Kohle und den Ruß von der jüngsten Fahrt herauszuholen. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt.

Georg und Gudrun Mesterharm sowie Nils Tangemann (von links) haben das „Kleinbahnerdiplom“ in der Tasche.

„Kriegst du etwas raus?“, fragt Eric Arndt vom Deutschen Eisenbahn-Verein (DEV) in Bruchhausen-Vilsen, der heute Nils‘ Ausbilder ist. Denn der „Straßenbahner aus Leidenschaft“ – wie Nils sich selbst bezeichnet – möchte das „Kleinbahnerdiplom“ der Museumseisenbahn erwerben, und die Reste des alten Feuers zu entfernen, gehört an diesem Tag zu seinen Aufgaben. „Nicht richtig“, gibt er zu und schiebt sich die blaue Eisenbahnermütze, die er vom DEV geschenkt bekommen hat, in den Nacken. Arndt klettert zu ihm ins Führerhaus der Lok, und kurz darauf kippt er eine Schippe voller Kohlen und Ruß in die bereitstehende Schubkarre. „Alles eine Frage der Übung“, sagt Arndt.

Es ist das dritte Mal, dass der DEV Interessierte einlädt, sich zum „Kleinbahner“ ausbilden zu lassen. Sie können die alten Loks von den Rädern bis zum Schornstein erkunden und sogar – wenn die „Ausbildung“ abgeschlossen ist – einmal unter Aufsicht so ein Dampfross steuern. „Die Gäste sollen die Möglichkeit bekommen, uns und natürlich die Loks näher kennenzulernen“, erläutert Bernd Furch, Pressesprecher des Vereins.

Bisher wird das Angebot zum „Kleinbahnerdiplom“ gut angenommen. Maximal vier Leute können jeweils an dem dreitägigen Kursus teilnehmen. Am ersten Tag gibt es ein lockeres Kennenlernen, am zweiten wird ordentlich gearbeitet, und am dritten bekommen die Besucher ihre Diplome ausgehändigt. „Vorwissen braucht man nicht, nur Liebe zu den alten Maschinen“, sagt Furch.

„Kleinbahnerdiplom“ in Bruchhausen-Vilsen

Die haben Gudrun Mesterharm und ihr Mann Georg allemal. Das Ehepaar aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg macht gemeinsam mit Nils Tangemann den aktuellen Kursus und holt gerade Holz in Schubkarren herbei, mit dem die Lok befeuert werden soll. „Ich war schon immer sehr dampfbegeistert“, sagt die 58-Jährige und blickt strahlend auf das Gefährt aus dem Jahr 1899. Die Züge erinnern sie an ihre Jugendzeit.

Nils Tangemann ist inzwischen mit der Reinigung des Kessels fertig und steigt mit einem Rußfleck an der Nase und schwarzen Flecken auf der Hose zufrieden aus dem Führerhaus. „Wer will das Feuer machen?“, fragt Eric Arndt. „Ich!“ Gudrun Mesterharm lässt sich nicht lange bitten. „Da kann ich meine pyromanische Neigung ausleben“, sagt sie und lacht. Versonnen blickt die gelernte Bürokraft in den Kessel, in dem die Flammen unter leisem Knacken die Holzscheite verzehren, die ihr Mann und Nils ihr anreichen. „Genau das mag ich so an den Loks, die Nähe zu den Elementen. Außerdem fasziniert mich der Gedanke, dass nur mit Dampf an die 22 Tonnen bewegt werden“, sagt Gudrun Mesterharm.

Bernd Furch weiß, was sie meint. „Bei den Dampfloks hört man das Plätschern des Kühlwassers, das auf die Gleise tropft, das Zischen des Dampfs, das Knistern der Flammen, und man riecht das Schmierfett, das Öl und den Rauch. Das ist Bahnfahren mit allen Sinnen.“ Man fühlt, dass auf dem Bahnhofsgelände Bruchhausen-Vilsen Menschen mit der selben Leidenschaft zusammenkommen. Die Atmosphäre in der Gruppe ist locker, der Umgang so vertraut, als würde sie sich schon lange kennen.

„Seht mal!“, ruft Nils und deutet auf den Schornstein der Lok, aus dem weißer Dampf hervorquillt. Da eine Lok vier Stunden braucht, bis sie heiß ist, bleibt nun Zeit für die „Körperpflege“ der eisernen Dame. Mit Tüchern und Sprühflaschen bewaffnet, machen sich die drei Teilnehmer und Eric Arndt ans Werk. Auch die Räder werden mit Heizöl eingerieben, bis alles glänzt. Am Ende kontrolliert Arndt jeden Zentimeter der Lok genau und schickt seine Schützlinge zum Nachwischen, wenn etwas nicht ganz sauber ist. „Ich bin da sehr penibel“, gibt er zu. „Außerdem bin ich der Meinung, dass man eine Lok erst richtig kennenlernt, wenn man sie auch gründlich putzt. Dann wird jede Niete und jede Schraube vertraut.“ Den Teilnehmern macht das Putzen nichts aus. Hinterher ist die „Hoya“ ausgehfein – und die Lappen und Handschuhe sind pechschwarz. „Vielleicht sollte mal jemand eine Waschanlage für Loks erfinden“, scherzt Georg Mesterharm, der einen Laden für Elektromikroskope betreibt.

Jetzt geht Bernd Furch mit den drei Gästen über das Gelände, erklärt ihnen die Verhaltensregeln auf einem Bahnhof und erläutert ein paar Besonderheiten. Hier können die „Kleinbahner-Azubis“ zeigen, was sie sich zu Hause bereits an Wissen angeeignet haben. Denn vor Beginn eines Kursus‘ schickt der DEV Unterlagen an die Teilnehmer, damit sie sich schon mal in der Theorie vorbereiten können.

Zurück an der „Hoya“, wird das Gestänge geölt und Öl nachgefüllt. Dann wird noch mal Holz nachgelegt und über die Lok geputzt. Nun wird es langsam ernst. Arndt bittet seine Schüler ins Führerhaus und beginnt, die Bedienung der Bahn zu erklären, zeigt, wo sich die Bremse und das Gaspedal befinden, welcher Hebel wofür dient und wie alles funktioniert. Nach einer Mittagspause dürfen die drei Teilnehmer einzeln die „Hoya“ unter Aufsicht ein wenig vor und zurück rangieren.

„Dieser Kursus ist super, richtig exklusiv“, sagt Gudrun Mesterharm sichtlich begeistert. „Wir haben schon einige Loks in Deutschland und auch in der Schweiz besucht, aber hier kann man eben aktiv mitmachen und nicht nur zuschauen. Das macht Spaß.“ Sie schaut zu den Museumseisenbahnern. „Zudem ist es berührend zu sehen, mit wie viel Liebe und Leidenschaft die Menschen diese alte Technik für die nächsten Generationen am Leben erhalten.“

Der nächste „Kleinbahnerdiplom“-Kursus läuft vom 7. bis zum 9. August. Mehr Informationen unter Telefon 04252/930093.

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