Einzelkämpfer in freier Natur

Joachim Hartmann hat Gewässer in der Region kartiert – eine spannende Aufgabe.
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Joachim Hartmann hat Gewässer in der Region kartiert – eine spannende Aufgabe.

5 000 Berichte mit  25 000 Kartierdaten und etwa genauso viele Fotos hat der Diplom-Biologe Joachim Hartmann angefertigt – als Einzelkämpfer in der Natur. Vier Jahre lang war er als Gewässerkartierer in der Region unterwegs, um Bachläufe zu überprüfen. In seinem Buch „Trockenfallungssneigung“ beschreibt er augenzwinkernd, was er erlebt hat.

Br.-Vilsen – Es ist ein trockener Begriff, mit dem Joachim Hartmann seinen Arbeitsbericht überschreibt: „Trockenfallungsneigung“ lautet der Titel seines ersten Buches, das er im Selbstverlag herausgebracht hat. Es befasst sich mit einem Thema, das in Zeiten des Klimawandels und der Konkurrenz ums Wasser aktueller ist denn je: der Zustand der Bachläufe und Fließgewässer in der Region.

Vier Jahre lang hat der 66-jährige Diplom-Biologe diese Lebensadern der Natur unter die Lupe genommen, indem er ihren Zustand und ihre Fließgeschwindigkeit akribisch kartiert hat. In dieser Zeit hat Joachim Hartmann insgesamt 500 Kilometer Uferböschungen durchschritten und versucht, die Natur dieser Gewässer „anhand formalisierter Klassifizierungen zu beschreiben und einzuteilen“, wie er es formuliert.

Diese Aufgabe im Rahmen der sogenannten „Detailstrukturgütekartierung“ reflektiert er in seinem Buch auf ganz besondere Weise. Er lässt sein Alter Ego Hans-Jürgen Trahmann von den Wechselfällen des Lebens und den unglaublichen Begegnungen bei seiner Arbeit erzählen – mit einem kräftigen Schuss Humor und Selbstironie.

Denn längst sind die Gewässer nicht mehr das, was sie einmal waren. Natürliche, mäandernde Strukturen sind vor Jahrzehnten durch schnurgerade, effektive Linienführungen ersetzt worden. Mit dem Ziel, die Erträge der Landwirtschaft zu steigern – was in den Nachkriegsjahren unbedingt notwendig war, um genügend Lebensmittel produzieren zu können.

Alles Geschichte. Heute ist Wasser ein hohes Gut – und die sogenannte „Trockenfallungsneigung“, sprich das zeitweise oder gänzliche Fehlen von Wasser in einem Gewässer, ein Alarmsignal.

Auch den Hombach, der Gewässerkundlern im vergangenen Jahr große Sorgen bereitete (wir berichteten), hat Joachim Hartmann alias Hans-Jürgen Trahmann kartiert. Wieder einmal ging es dabei an einer Pferdekoppel vorbei, erfahren seine Leser. Und deutlich mehr: „Er hasste das, weil die Pferdeliebhaber üblicherweise ihre Weiden mit großem Aufwand absperrten. Stacheldraht bis zum Wasser gespannt, hohe Zäune, die kaum zu überklettern waren, fast immer Elektrozaun-Einsatz, sodass sich jedes Mal die bange Frage stellte, was besser sei: sich direkt an der Wasserkante entlang zu hangeln oder unter dem Zaun hindurch zu den Pferden zu kriechen.“

Der Leser erlebt an anderer Stelle, wie Hans-Jürgen Trahmann auf unbekanntem Terrain stürzt, sich im Stacheldraht verheddert und verletzt – und zu allem Überfluss auch noch einen schmerzhaften Stromschlag ertragen muss. Leicht ist es nicht, das Leben als Gewässerkartierer.

Begegnungen mit Menschen der besonderen Art inklusive: Da ist einerseits die Pferdebesitzerin, die sich allein um die psychische Gesundheit ihrer Tiere sorgt, weil Hans-Jürgen Trahmann notgedrungen den alltäglichen Frieden der Weidetiere stören muss. Da ist aber andererseits die Bäuerin, die mit ihrem Trecker an die Kartierungsstelle herantuckert, weil sie sich große Sorgen um die Gesundheit des Gewässerkartierers macht. Schließlich hat sie sein Auto stundenlang unberührt am Straßenrand stehen gesehen.

Sondierstab, Tablet, GPS-Gerät und Digitalkamera sind dessen Handwerkszeug. Alle 100 Meter muss er 50 Fragen zu den verschiedensten Kriterien der Gewässer beantworten und Fotos aufnehmen.

Das Raster ist gründlich, sorgt für vergleichbare Strukturen in Niedersachsen. Wie ein feinmaschiges Netz legt sich diese Erhebung über die wasserführenden Lebensadern im Land. Nichts bleibt dem Zufall überlassen – nur die Wechselfälle des Lebens mit ihren tierischen Begegnungen.

„In der Gegenwart von Kühen war das Kartieren wesentlich entspannter“, erfährt der Leser von Hans-Jürgen Trahmann. „Die konnte er aus den Augenwinkeln betrachten und vor ihnen seinen Weg suchen.“ Der Kartierer verrät dem Leser weiter: „Falls sie zu nahe kamen, konnte er sie erschrecken, indem er auf sie zurannte und laut wurde. Dann nahmen sie Reißaus und blieben in respektvoller Entfernung.“

Es ist ein Protokoll der Menschlichkeit und der tierischen Erlebnisse bei der Umsetzung einer behördlichen Aufgabe, die den besonderen Charakter des Buches ausmacht. Ein Blick auf den Alltag aus einer ungewöhnlichen und doch vertrauten Perspektive. Denn Hans-Jürgen Trahmann begegnet auch aufgeregten Landwirten, die eine Kontrolle befürchten. Und erlebt den Balzgesang eines Kranichpärchens. Für Aufregung sorgt eine verlorene Brille. „Es gab aber auch Begegnungen mit wohlmeinenden Zeitgenossen, Rentnern, Bisamfängern und Landwirten“, fügt Autor Joachim Hartmann hinzu.

Seine Arbeit als Einzelkämpfer in der Natur möchte er nicht missen: „Wer hat schon so einen privilegierten Arbeitsplatz?“ Sein Buch soll ein unterhaltsamer Türöffner zum Thema Gewässer sein – in dem Wissen, dass seine Kartierung nur eine Momentaufnahme ist. Aber wichtige Erkenntnisse geliefert hat, die der NLWKN auf seiner Internetseite reflektiert.

Insofern richtet sich das Buch „Trockenfallungsneigung“ an Menschen, die sich mit dem Zustand der Gewässer in der Region befassen und fundierte Erkenntnisse gewinnen möchten – und an junge Menschen, so wünscht es sich der Autor, die mehr über einen Arbeitsplatz in der Natur erfahren wollen.

Das Buch

„Trockenfallungsneigung“ ist im Selbstverlag erschienen, kostet 16 Euro und ist per E-Mail unter Rudel-Books@ewe.net zu beziehen, ebenso in der Buchhandlung Böhnert in Bruchhausen-Vilsen. Informationen über weitere Buchprojekte von Joachim Hartmann gibt es unter www.Rudel-Books.net.

Fotos und Fakten zu den Gewässern der Region bietet der NLWKN: www.nlwkn.niedersachsen.de.

Von Anke Seidel

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