Interview mit Werner Schmitz

25 Jahre mit ALS: Ein Leben in einer anderen Welt

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Werner Schmitz

Br.-Vilsen - Von Kurt Henschel. Was macht eigentlich Werner Schmitz so den ganzen Tag? Wie geht es dem komplett gelähmten 60-Jährigen aus Bruchhausen-Vilsen, der seit nunmehr 25 Jahren an einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erkrankt ist und lediglich über seine Augen und einen Spezial-Computer mit der Außenwelt kommunizieren kann?

Werner Schmitz lebt  in einer angemieteten Wohnung im Herzen des Luftkurorts. Vom Drumherum bekommt er nicht viel mit, denn er ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. „Ich schaue da mal eben hin“ – das ist für ihn unmöglich.

Wie nimmt er seine Umgebung in seiner relativen Abgeschiedenheit wahr? Was treibt ihn um? Interessiert er sich für die Tages-Realität oder lebt er in einer anderen Welt? Nachfolgend ein E-Mail-Interview mit dem heute 60-Jährigen, der ab und zu dem Zynismus zugeneigt und ein Freund von Wortspielen ist.

Herr Schmitz, Sie haben früher beim SV Bruchhausen-Vilsen Fußball gespielt. Ist Ihr Fußball-Interesse noch vorhanden?

Werner Schmitz: Ja, war es zumindest. Mich nervt aber die Dominanz des FC Bayern München und ich verfolge deshalb die Bundesliga nicht mehr. Das ist mein innerer Boykott.

Wie verbringen Sie den Tag?

Schmitz: Ich schlafe lange, denn ich verpasse ja nichts. Ansonsten lese ich sehr viel, leider kein neues Buch mehr von Mankell.

Welches Buch ist gerade an der Reihe?

Schmitz: „Atemschaukel“, ein Roman von Herta Müller. Darin berichtet Leopold Auberg, ein 17-Jähriger aus Siebenbürgen, über seine Deportation in das Arbeitslager Nowo-Gorlowka in der Sowjet-Ukraine. Es geht um die Verfolgung Rumänien-Deutscher unter Stalin.

Abgesehen vom Lesen: Wie sieht Ihre Teilnahme am öffentlichen Leben aus?

Schmitz: Die gibt es praktisch nicht. Selbstständig kann ich nichts unternehmen. Ich war aber mit Freunden im Weserstadion und auch im Kino in Hoya, um mir die Geschichte über Stephen Hawking, meinem berühmten Krankheits-Genossen, anzuschauen. Sowas ist immer sehr mühsam zu organisieren und zu realisieren, weil immer eine Pflegekraft in meiner Nähe sein muss und ich ein Spezialtaxi benötige.

Was bringt Ihnen ein Besuch im Fußballstadion, obwohl Sie Ihren Kopf nicht bewegen können?

Schmitz: Okay, vom Spiel selbst sehe ich nicht sonderlich viel, aber mir ist eher die Atmosphäre wichtig. Die sauge ich auf und freue mich, mittendrin sein zu dürfen.

Sie waren früher als Kämpfer bekannt und sind es immer noch. Woher nehmen Sie die Kraft, Ihr Leben zu genießen, obwohl viele Menschen meinen, dass das so kein Leben sei?

Schmitz: Es gibt auch in einer solchen Lage schöne Momente. Ich freue mich beispielsweise, dass ich über Spezial-Computer mit der Außenwelt kommunizieren kann, obwohl es mir nicht möglich ist, mich verbal zu verständigen. Da ich sehr viel lese, verinnerliche ich schöne Dinge und male sie mir für mich aus. Ich verzweifle nicht – ich hänge an meinem Leben.

Heißt das, Sie haben sich mit Ihrer Krankheit arrangiert?

Schmitz: Zwangsläufig, denn es gab niemals die Aussicht auf Heilung. Dennoch könnte ich mir ein Leben ohne ALS auch heute noch gut vorstellen.

Was ist für Sie Bruchhausen-Vilsen, wo Sie ja auch aufgewachsen sind?

Schmitz: Mein Wohnort ist schon irgendwie ein Provinz-Kaff. Eigentlich fühle ich mich ja wohl hier, doch es ist mehr das Haus und ein ganz bestimmter Blick aus dem Fenster. Vielleicht ist es auch das Läuten der Kirchenglocken. Der Kirche, die ich immer zum Kindergottesdienst aufsuchen musste. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr lebte ich in einer Nachbarstraße. Kann sein, dass eine diffuse Geborgenheit der Kindheit zurückstrahlt.

Was vermissen Sie in Bruchhausen-Vilsen?

Schmitz: Ausstellungen, Museen, wie es sie beispielsweise in Berlin gibt, wären belebend für meinen Geist. Insgesamt ist mir der Ort partiell fremdgeworden.

Wie meinen Sie das?

Schmitz: Jede freie Fläche wird zugepflastert mit Eigenheimen.

Sie sind politisch engagiert und Mitglied im SPD-Ortsverein Bruchhausen-Vilsen. Was läuft diesbezüglich?

Schmitz: Bin nur noch in der Partei, aber nicht aktiv. Da mir die Tatsache missfällt, dass sich der Ortsverein vornehmlich mit sich selbst beschäftigt, halte ich mich da raus. Mögen andere Spaß am Klönschnacken und am Bierchen in geselliger Runde haben – diese Annehmlichkeit bleibt mir ohnehin verschlossen und ich möchte nicht Teil dieser nutzlosen Beschäftigung sein.

Was sagen Sie zur Partei „Die Linke“?

Schmitz: Ich halte es für fatal, dass die nicht mehr Druck bekommen, ihre außenpolitischen Wahnvorstellungen aufzugeben, um damit die Möglichkeit für eine realistische Option des Machtwechsels zu signalisieren. Nur mit den Linken ist ein SPD-Kanzler möglich. Doch Sigmar Gabriel bandelt mit dem Clement an. Sozialliberal reloaded? Nein, danke! Nicht mit mir. Und nebenbei bemerkt: Einen Grexit halte ich für zwingend geboten. Die Verelendung dort in Hellas wird steigen und die Kredite werden wir nicht zurückbekommen. Der Euro vereint nicht Europa, sondern er entzweit.

Zurück zu Ihrem Wohlbefinden, falls man es so nennen darf. Wie geht es Ihnen?

Schmitz: Mir geht’s gut, sogar sehr gut. Das ist natürlich relativ gesehen. Ich habe nun einmal ALS. Aber lassen wir das, noch scheint ab und zu die Sonne, vermittelt die Illusion sommerlicher Wärme, hellen Gemüts und spielerischer Leichtigkeit, doch das Wissen um den düsteren Herbst zieht schon auf, erreicht mich hingegen noch nicht.

Lesen lenkt Sie ab, erweitert aber auch Ihren Horizont. Bringt Sie das Lesen auch in eine andere Welt?

Schmitz: Da ich meine Metapher mit dem Lesen als eine Reise recht gelungen finde, wiederhole ich es ohne Bedauern: Es ist immer wie eine Reise, eine Reise in ein unbekanntes Land, gespickt mit Abenteuern, neuen Sichtweisen und mit der ganzen Lade menschlicher Gefühle. Ich bin vollends im Geschehen des Buches, das ich gerade lese, weit weg von der unmittelbaren, lokalen Wirklichkeit, sei es die des quasi vor meiner Haustür stattgefundenen Schafmarktes oder die des Brokser Marktes.

Herr Schmitz, wie sieht Ihr Schlusswort aus?

Schmitz: Ich bin total entfremdet von der konkreten Wirklichkeit um mich herum, lebe quasi in einer anderen Welt. Dabei begleitet mich als Fundament der ganzen Last eine nicht mehr angespannte Personalsituation beim Pflegedienst von Maike Kruse in Hoya, die mit ihrem Team nach wie vor die Rund-um-die-Uhr-Betreuung für mich sicherstellen kann.

Vielen Dank, Herr Schmitz.

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