Drogenberatung und Ersatzmedikamente

Ein Leben im Rausch: „Hauptsache, man ist angeturnt“

Ein Drogenkonsument zieht Heroin in eine Spritze.
+
Heroin, hier auf einem Löffel, kann mit dem Ersatzstoff Methadon substituiert werden.

Der Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige macht darauf aufmerksam, dass Drogen kein Nischenthema sind, man aber auch etwas gegen die Sucht tun kann. In Diepholz gibt es Anlaufstellen für Betroffene.

  • Ersatzstoffe, sogenannte „Substitute“ ermöglichen ein fast normales Leben mit der Sucht.
  • Im Landkreis Diepholz darf nur ein Suchtmediziner die Substitute verschreiben.
  • Zahl der Drogentoten bleibt 2019 in Niedersachsen konstant.

Martfeld – Sabine Petersen ist 23 Jahre alt, als sie merkt: „Das überlebst du nicht.“ Für die junge Frau steht fest: „Entweder du suchst dir Hilfe oder du machst Ende.“ Es ist 1988 irgendwo in Bayern. Petersen, die eigentlich anders heißt, ist seit fünf Jahren drogenabhängig – und sie steht vor einem Abgrund. Kein Dach über dem Kopf, kein Geld, keine Perspektive. Doch dann fasst Petersen einen Entschluss. Heute wohnt die 55-Jährige in Martfeld, ist berufstätig, hat zwei Kinder, steht mitten im Leben und lacht gerne und viel. Abhängig ist sie immer noch. Was ist passiert?

Sucht und Drogen:Anzahl Betroffene Personen in Deutschland
Raucher:12 Millionen
Alkoholabhängige:1,6 Millionen
Medikamentenabhängige:2,3 Millionen
Problematischer Konsum von Cannabis und anderen illegalen Drogen600.000
Problematisches oder pathologisches Glücksspielverhalten:500.000
Onlineabhängige:560.000

Quelle: BerichtSucht und Drogen, Bundesministerium für Gesundheit

Substitute für Drogen ermöglichen Suchtkranken ein Leben fast ohne Einschränkungen

„Ich habe den Strohhalm ergriffen, der mir geboten wurde“, berichtet die Martfelderin am Telefon. Ein Suchtberater konnte ihr damals einen Platz für eine Langzeit-Therapie in Nürnberg besorgen. Es war die rettende Hilfe in größter Not. „Ich war politox“, so Petersen. Polytoxikomanie oder Mischkonsum bedeutet, dass die Süchtigen abhängig von mehreren Drogen gleichzeitig sind. „Hauptsache, man ist angeturnt.“ Von Tabletten und Hasch bis hin zu Heroin und Kokain war bei Petersen alles dabei. Von Nürnberg aus zog sie schließlich in den Landkreis Diepholz. Das Leben für suchtkranke Menschen war hierzulande anfangs nicht leicht. „Damals hat sich der Landkreis nicht so ins Zeug gelegt“, sagt Sabine Petersen. Das sei heute anders.

Neben einer Psychosozialen Beratung (PSB) erlauben Abhängigen heute Ersatzstoffe, sogenannte Substitute, ein Leben fast ohne Einschränkungen zu leben. Der bekannteste Austauschstoff: Methadon. Da der allerdings müde machen kann, bekommt Petersen einen vergleichbaren Wirkstoff verschrieben: das Schmerzmittel Buprenorphin. Gut dosiert, hilft es Menschen, die von Opioiden wie Heroin abhängig sind, ein normales Leben zu führen.

Methadon

„Methadon und Heroin zählen zu den Opioiden und konkurrieren um die Bindung an den entsprechenden Opioidrezeptoren, in diesem Fall vor allem um die an μ-Opioidrezeptoren. In der Substitutionstherapie wird Methadon oral verabreicht. Daher flutet es nicht so schnell an wie bei der Injektion von Heroin.“ Quelle: gelbe-liste.de

Zahl der Drogentoten bleibt in Niedersachsen konstant

In Niedersachsen sind im vergangenen Jahr 80 Menschen in Folge von Drogenkonsum gestorben. Das hat das Landeskriminalamt (LKA) am Montag in Hannover mitgeteilt. Der deutliche Anstieg aus dem Jahr 2018 habe sich damit nicht fortgesetzt. Damals sei die Zahl um 16 auf 81 Menschen gestiegen. Mit insgesamt 69 Toten waren Männer auch im vergangenen Jahr in der Überzahl. Das Durchschnittsalter lag bei 40 Jahren, wobei das jüngste Opfer 18 Jahre alt war.

Die häufigste Todesursache bei Drogenabhängigen bleibt nach Angaben des LKA der starke Konsum von Heroin. Insgesamt stieg die Zahl der Drogentoten in Deutschland um fast zehn Prozent auf 1398 an.

Heroin, hier auf einem Löffel, kann mit dem Ersatzstoff Methadon substituiert werden.

Im Landkreis Diepholz gibt es derzeit nur einen Suchtmediziner, der die Substitute verschreiben darf: Dr. Christoph Lanzendörfer in Bassum. Auch Sabine Petersen ist Patientin bei ihm. Rund 100 Opiat-Abhängige behandeln er und seine Mitarbeiterin Mandy Gielow derzeit. Damit sind sie voll belegt – und das schon seit Jahren. Doch auch wenn die Nachfrage noch groß ist: Die Substituierten werden älter. Sabine Petersen gehört zu einer schrumpfenden Minderheit. Opiat-Abhängige wie sie gibt es immer weniger. Bei den jungen Menschen sind andere Drogen gefragt.

„Dieses Watteleben wollen die nicht, die wollen einen Kick“, macht es Jens Rusch kurz. Er leitet die Suchtberatungsstellen der Diakonie in Diepholz und Sulingen – und er blickt mit Sorge auf den Drogenkonsum bei Jugendlichen. Der Mischkonsum hat sich stark verbreitet. Heute werden Ecstasy, Amphetamine, Crystal Meth und Legal Highs bunt durcheinander konsumiert. So etwas habe es damals nicht gegeben, sagt Rusch. Hinzu komme, dass etwa die Konzentration des Cannabis-Wirkstoffs THC in den vergangenen Jahren um das 10- bis 15-Fache gestiegen sei.

„Hilfebedarf ist größer, die Auswirkungen der Drogen stärker“

Ob er heute mehr Klienten als damals hat, kann Rusch nicht sagen. Was aber feststehe: „Der Hilfebedarf ist größer geworden, weil die Auswirkungen der Drogen heute stärker sind.“ Problematisch sei dann, dass viele ihren Drogenkonsum verheimlichen würden. Daher fordert Rusch: „Wir sind als Gesellschaft gefordert, da hinzugucken. Die Rolle von Angehörigen und Institutionen ist da enorm wichtig.“

Die Kontaktstatistik der Suchtberatungsstelle Release von 2018. Viele Beratungen sind nur sehr kurz und werden nicht dokumentiert.

Ähnlich sieht das Gabriele Helmstedt von der Suchtberatung Release in Stuhr. Auch sie betont: „Es ist wichtig, dass alle Menschen wachsam sind.“ Zum Teil würden schon 13- bis 14-Jährige in ihre Suchtberatung kommen, die es aufgrund ihrer Abhängigkeit morgens nicht mehr in die Schule schaffen. „Das ist erschreckend“, findet Helmstedt.

Ein ähnliches Bild bei der Fachambulanz der Caritas in Bassum und Twistringen. Leiterin Melanie Borgmann bestätigt, dass „zunehmend junge Menschen“ zur Suchtberatung kommen würden, darunter viele Mischkonsumenten. Das Hauptklientel der beiden Caritas-Beratungsstellen würden jedoch Alkoholabhängige stellen. Aus Borgmanns Sicht ist es die „Droge Nummer eins“ in Deutschland (siehe auch Artikel unten).

Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige

Was am Ende die meisten eint: Sie haben schon Menschen an Drogen sterben sehen. Sabine Petersen nach eigenen Angaben sogar so viele, dass sie diese nicht mehr an zwei Händen abzählen kann. Der Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige am 21. Juli zeigt allerdings auch, dass Suchterkrankungen kein Nischenthema sind, sondern überall in der Gesellschaft auftauchen können. Über die Hälfte ihrer Klienten seien berufstätig und hätten damit einen strukturierten Tagesablauf, berichtet etwa Gabriele Helmstedt.

Unter ihnen befindet sich auch Sabine Petersen. Sie hat sich mit ihrer Suchterkrankung arrangiert. Ihre Substitution ist heute sehr niedrig eingestellt. Sie könne theoretisch ganz aufhören, aber „ich schaffe den Sprung nicht“, so die Martfelderin. Damit geht sie allerdings auch offen um. Nähere Bekannte wissen von ihrer Sucht – und auch ihre Kinder sind im Bilde. Immerhin ist ihr Sohn mit seinen 18 Jahren jetzt in einem entscheidenden Alter.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Maria Schrader gewinnt Emmy für "Unorthodox"

Maria Schrader gewinnt Emmy für "Unorthodox"

Wie werde ich Baumpfleger/in?

Wie werde ich Baumpfleger/in?

Das richtige Make-up bringt Frische ins Büro

Das richtige Make-up bringt Frische ins Büro

"Super-Poga" als Sieger am Ziel - "Fühlt sich verrückt an"

"Super-Poga" als Sieger am Ziel - "Fühlt sich verrückt an"

Meistgelesene Artikel

Nach Corona-Großtest in Sulingen: Keine Neuinfektionen festgestellt

Nach Corona-Großtest in Sulingen: Keine Neuinfektionen festgestellt

Nach Corona-Großtest in Sulingen: Keine Neuinfektionen festgestellt
Wie man lernt, einander auszuhalten

Wie man lernt, einander auszuhalten

Wie man lernt, einander auszuhalten

Kommentare