„Lebenswege begleiten“ koordiniert seit einem Jahr die Flüchtlingshilfe – eine Bilanz

„Die Flüchtlinge sind in sehr, sehr guten Händen“

Ingo Rahn - Foto: os

Br.-Vilsen - Der Verein „Lebenswege begleiten“ koordiniert seit dem 1. April 2015 im Auftrag der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen die Flüchtlingshilfe, also seit genau einem Jahr. Wie die Arbeit in den vergangenen zwölf Monaten aussah, was gut und was schlecht gelaufen ist, verraten Vorstandsmitglied Axel Hillmann, Mitarbeiter Ingo Rahn und Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann im Interview.

Wie läuft die Arbeit im Verein?

Bormann: Aus der Sicht der Samtgemeinde läuft es sehr, sehr gut. Die Zusammmenarbeit zwischen „Lebenswege begleiten“ und der Verwaltung ist beispielhaft im Landkreis. Das Projekt wird glücklicherweise auch überall als gelungen dargestellt. Wir sind wirklich sehr zufrieden, weil wir durch das Netzwerk, das „Lebenswege begleiten“ aufgebaut hat, sicherstellen, dass die Flüchtlinge, die bei uns leben, gut betreut werden. Wir wissen sie bei „Lebenswege begleiten“ in sehr, sehr guten Händen.

Hillmann: Wir wussten zu Anfang alle nicht, worauf wir uns einlassen. Niemand hatte Erfahrung mit dieser Tätigkeit. Ich glaube, dass wir den richtigen Riecher und die richtigen Leute an der richtigen Stelle hatten.

Was beinhaltet das Projekt?

Hillmann: Unser Projekt ruht auf drei Säulen. Die erste Säule bekleidet die Samtgemeindeverwaltung, die versucht, alle Flüchtlinge dezentral unterzubringen. Das ist bisher gut gelungen. Die zweite Säule beinhaltet die Asylbegleitung. Das ist der Part von „Lebenswege begleiten“. Wir haben ein Netzwerk von Ehrenamtlichen aufgebaut. Wir nennen sie Asylbegleiter. Das sind Personen, die die Flüchtlingsfamilien in Empfang nehmen und sie eine gewisse Zeit lang begleiten. Sie zeigen den Flüchtlingen zum Beispiel, wo das Ausländeramt ist und wo sie ihre Kinder für die Schule anmelden können. Wir haben inzwischen 24 Asylbegleiter, die im Idealfall als Tandem – Mann und Frau – je eine Familie betreuen. Für die Ehrenamtlichen gibt es alle zwei Wochen Treffen, währenddessen sie sich austauschen können. Die dritte Säule beinhaltet die Deutschvermittlung. Wir bieten seit Februar 2015 Deutschkurse an. Zunächst ausschließlich in Eigenregie. Mittlerweile haben wir eine Kooperation mit der Volkshochschule (VHS). Aktuell gibt es 18 Kurse, sechs davon betreut die VHS, einen die Samtgemeinde und elf „Lebenswege begleiten“. Unserer Meinung nach könnte die VHS noch mehr Kurse übernehmen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die VHS hat mehr Geld zur Verfügung als wir. Neben diesen drei Säulen beinhaltet das Projekt noch ein paar kleinere Sachen, zum Beispiel die Fahrradwerkstatt, die „Runden Tische“ in Kooperation mit den Kirchengemeinden und die Begeg-nungscafés.

Wie läuft das Projekt weiter?6270240

Hillmann: Seit dem 1. Januar gibt es die vierte Säule. Sie steht unter der Überschrift Integration. Das heißt, wir versuchen, den Flüchtlingsfamilien Bildung und den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dafür haben wir für dieses Jahr Personalzuschüsse in Höhe von 38 000 Euro beim Land Niedersachsen beantragt und bekommen. Das freut uns sehr.

Wie viel Geld hatte der Verein 2015 für die Flüchtlingsarbeit zur Verfügung?

Hillmann: Wir haben für die Flüchtlingshilfe 2015 einen Zuschuss von der Samtgemeinde in Höhe von 25 000 Euro und private Spenden in Höhe von 13  800 Euro erhalten. Für 2016 hat die Samtgemeinde ihren Zuschuss auf 55 000 Euro erhöht. Für uns ist wichtig und erfreulich, dass der Anteil der öffentlichen Zuschüsse an unserer Personalkostendeckung gestiegen ist. Das bringt Sicherheit. Es ist ja nicht zu erwarten, dass das Spendenaufkommen so super bleibt. 2015 war es grandios.

Bormann: Wir finden die vierte Säule unglaublich wichtig. Landkreisweit sind alle Kommunen zurzeit dabei, die Flüchtlinge nicht nur in den vier Wänden „leben zu lassen“, sondern sie in das Alltagsgeschäft zu integrieren. Das ist eine Hercules-Aufgabe. Das ist nicht mal eben so gemacht. Wir haben um die 200 Asylbewerber in der Samtgemeinde. Wir können die Integration innerhalb der Verwaltung nicht leisten. Das geht einfach nicht. Das bekommen wir nicht hin. Daher ist es wichtig, dass wir einen Verein haben, der sich darum kümmert.

Wer arbeitet alles bei „Lebenswege begleiten“?

Hillmann: Zum Team, das sind die Hauptamtlichen, gehören Ingo Rahn, Meina Fuchs und Judit Hirscher. Zudem Alex Kues als Bundesfreiwilligendienstleistender und die 450-Euro-Minijobberin Hala Jadallah. Hinzu kommen die vielen Ehrenamtlichen und natürlich der Vorstand. Alle ziehen an einem Strang und tragen zum Gelingen des Projekts bei.

Wie viele Flüchtlinge wurden in den vergangenen zwölf Monaten abgeschoben?

Bormann: Das fällt in die Zuständigkeit des Landkreises. Das wissen wir nicht.

Rahn: Die Meldungen kommen bei uns nicht an. Wir merken irgendwann, dass eine Familie fehlt. Es gibt einige, die reisen sogar freiwillig aus, weil sie dann eventuell die Chance haben, irgendwann wiederzukommen.

Wie viele Flüchtlinge werden in nächster Zeit erwartet?

Rahn: Bis Ende Juli erwartet die Samtgemeinde 90 weitere Personen. Das ist natürlich ein großer Unterschied zu der Phase, die wir von Januar bis jetzt erlebten. Da kamen wöchentlich Flüchtlinge bei uns an. Manchmal wussten wir nicht, wo vorne und hinten ist. Manche Asylbegleiter betreuten während der Zeit mehrere Familien.

Hat sich die Stimmung innerhalb des vergangenen Jahrs gegenüber den Flüchtlingen geändert?

Rahn: Viele fragen, wo die ganzen Flüchtlinge überhaupt sind. Die meisten bekommen von ihnen nichts mit. Das heißt, sie fühlen sich auch nicht gestört. Wir wissen nichts von negativen Bestrebungen innerhalb der Bevölkerung.

Ist der Umgang mit den Flüchtlingen schwierig?

Bormann: Mit den Flüchtlingen ist das genau wie mit den Deutschen. Da gibt es welche, mit denen man sofort gut auskommt, und welche, mit denen man nicht sofort warm wird.

Rahn: Ich habe mal bei der Polizei nachgefragt. Die Beamten erklärten mir, dass die Flüchtlinge nicht krimineller sind als die Deutschen.

Bormann: Aufgrund der dezentralen Unterbringung fallen die Flüchtlinge in der Samtgemeinde im normalen Leben überhaupt nicht auf. Ich habe bisher nichts Negatives über die Flüchtlinge gehört. Das ist wirklich prima.

Rahn: Leider kann man ganz schnell was Negatives aufnehmen. Ich habe da ein Beispiel aus Asendorf. Dort ist einer Frau aufgefallen, dass mehrere Männer in eine Wohnung zu einer Familie gegangen sind, die wir betreuen. Schon wurde dort ein Puff betrieben. Das Gerücht ging sofort im Ort rum. Stänker gibt es leider überall. Man darf ihnen nur keine Plattform bieten. Das haben wir bisher gut hinbekommen.

Hillmann: Wir hoffen, dass die Situation so gut bleibt, wie sie jetzt ist.

Was gibt es sonst noch Positives zu berichten?

Hillmann: Ich komme aus Martfeld. Mittlerweile leben dort auch Flüchtlinge. Zu einer Familie gehören zwei Jungen, die die örtliche Grundschule besuchen. Die beiden haben sich auf dem Schulhof hervorgetan, weil sie extrem gut Fußball spielen. Das kam der Trainerin einer Fußballmannschaft des TSV Martfeld zu Ohren. Die Spieler haben darum gebeten, die Jungs in ihre Mannschaft aufzunehmen. Das wollen wir nun umsetzen. Es ist natürlich super, wenn die Initiative, die Neuankömmlinge einzugliedern, nicht nur von „Lebenswege begleiten“ oder den Flüchtlingen selber kommt, sondern auch von den Bürgern im Ort. Ich finde, dass ist eine wunderschöne Geschichte. So soll es laufen.

Rahn: Die Einbindung der Flüchtlinge in vorhandene Strukturen ist wichtig. Es ist nicht gut, dauernd nur etwas speziell für sie aufzubauen. Am besten ist es, sie in existierende Systeme zu integrieren. Das läuft meistens über Nachbarn, die sagen, komm doch mal mit, und über die „Runden Tische“.

Warum ist Ihre Mitarbeiterin Gunda Manke gegangen, und wie schlimm ist das Loch, das sie gerissen hat?

Hillmann: Gunda Manke ist aus persönlichen Gründen gegangen. Sie selber möchte nicht, dass das öffentlich behandelt wird. Das akzeptieren wir. Das Loch, das sie gerissen hat, ist groß. Schließlich hat sie das ganze Projekt damals zusammen mit Ingo Rahn initiiert. Sie hat zum Beispiel Asylbegleiter gesucht und gefunden und die „Runden Tische“ ins Leben gerufen. Ohne ihre Arbeit würden wir heute nicht so gut dastehen. Dass sie aufgehört hat, hat uns alle überrascht. Das war schon schlimm. Das ist jetzt aber ein gutes Vierteljahr her. Mittlerweile können wir sagen, die Lücke geschlossen zu haben. Gunda Mahnke hat auch selber mitgeholfen, indem sie die beiden neuen Mitarbeiterinnen Meina Fuchs und Judit Hirscher eingearbeitet hat.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Rahn: Wir hoffen, dass wir jetzt etwas Luft bekommen, um uns um Arbeitsplätze für Flüchtlinge und Schulprobleme kümmern zu können, also um die Integration.

Hillmann: Ich wünsche mir, dass wir irgendwann dahin kommen, dass, wenn man sich in der Samtgemeinde trifft und fragt, woher man kommt, damit nicht das Land gemeint ist, in dem man geboren ist, sondern der Ort, in dem man gerade wohnt.

Bormann: Für uns ist es wichtig, und das wünsche ich mir natürlich auch, dass es uns weiterhin gelingt, die Familien so unterzubringen, wie wir sie bisher untergebracht haben, nämlich dezentral. Ich hoffe, dass wir nicht darauf angewiesen sind, irgendwelche Massenunterkünfte zu schaffen. Das ist aus meiner Sicht auch einfach der falsche Weg. Integration ist in solchen Unterkünften deutlich schwieriger.

Mehr zum Thema:

Pflanzung neuer Bäume im St.-Jakobiwald Wittlohe

Pflanzung neuer Bäume im St.-Jakobiwald Wittlohe

Frühjahrskonzert in Diepholz

Frühjahrskonzert in Diepholz

Das sind die „Allradautos des Jahres 2017“

Das sind die „Allradautos des Jahres 2017“

Löws Ruckrede: "WM-Titel ist mein Ziel"

Löws Ruckrede: "WM-Titel ist mein Ziel"

Meistgelesene Artikel

Frühlingsmarkt lockt Besucher

Frühlingsmarkt lockt Besucher

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

„Best Place to Learn“: Lloyd Shoes setzt in der Ausbildung auf Teamarbeit

„Best Place to Learn“: Lloyd Shoes setzt in der Ausbildung auf Teamarbeit

Kommentare