Deutschlehrerin geht mit Gruppe über Brokser Markt / Größtenteils „toller Tag“

Böllerschüsse lassen Flüchtlinge zusammenzucken

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Mohammed aus dem Libanon steigt mutig ins Kinderkarussell.

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. Tala war noch nie zuvor auf dem Brokser Heiratsmarkt und ist auch noch nie Autoscooter gefahren. Die Neunjährige aus dem Libanon ist ganz heiß darauf, endlich mal in so ein Fahrzeug zu steigen. Nur allein ist das ja blöd. Zum Glück macht die zehnjährige Romina aus Albanien mit. Und dann geht es los. Rasant brausen die beiden Mädchen los und nehmen schnell Talas Vater und ihren kleinen Bruder ins Visier, die in einem anderen Autoscooter unterwegs sind. Es rumst kräftig, die Mädchen jubeln und lachen. Am Rand der Fahrbahn stehen die Mütter und Geschwister, Sabine Lorenz vom Verein „Lebenswege begleiten“ und noch rund zehn weitere Flüchtlinge und amüsieren sich ebenfalls.

Dabei ist dieser Besuch auf dem Brokser Markt am Freitagnachmittag gar nicht nur als Vergnügen gedacht. Er ist eigentlich Teil des Deutschunterrichts, den Sabine Lorenz gibt. „Ich gehe oft mit den Flüchtlingen durch das Dorf und bringe ihnen die Sprache anhand von Alltagssituationen bei, zum Beispiel beim Einkaufen.“ Die Leute seien unheimlich wissbegierig: „Sie wollen Deutsch lernen und nehmen auch immer Blöcke mit, um sich Notizen zu machen. Ich habe heute auch welche mitgenommen, falls einer sich etwas aufschreiben will und seinen vergessen hat.“

Auch ihre Kamera hat Lorenz dabei, damit schießt sie fleißig Fotos. Erinnerungen, aber vor allem Material für die nächste Unterrichtsstunde, bei der all die Situationen auf den Bildern beschrieben werden sollen.

Doch das gilt hauptsächlich für die Eltern. Die Kinder, die in der rund 15-köpfigen Gruppe die Überzahl bilden, genießen den bunten Markt, wie ihre deutschen Altersgenossen. Für Shaziba Mubarik aus Pakistan steht allerdings schon zu Beginn fest, welche Attraktionen sie besuchen möchte und welche nicht. „In der Schiffsschaukel fahre ich nicht mit“, erklärt die 13-Jährige ernst, die schon gut Deutsch spricht, und klopft sich mit der Hand auf die linke Brust. „Da schlägt das Herz dann so.“

Überhaupt keine Ängste scheint der fünfjährige Mohammed aus dem Libanon zu kennen. Erst steigt er beim Kinderkarussell auf ein kleines Motorrad, reitet danach auf einem echten Pony und sitzt anschließend mit Mama und Papa begeistert in einer Gondel des Riesenrads. Am höchsten Punkt ruft er ausgelassen: „Hallo Bruchhausen-Vilsen!“

Einzig suspekt ist ihm der komplett silberne Mann, der auf einem Stuhl in der Nähe der Ponys sitzt, eine gruselige Maske mit Sonnenbrille trägt, sich zwar bewegt, aber kein Wort spricht. Auch die anderen Kinder, die sich neugierig und scheu zugleich um den Mann gruppieren, wissen nicht recht, was sie von der Gestalt halten sollen. „Rede mit mir“, bittet Tala, doch der seltsame Mann schweigt, lädt sie aber mit freundlichem Winken ein, ein Foto mit ihm zu schießen.

Die Gruppe um Sabine Lorenz bewegt sich wie all die anderen auf dem Markt: Man unterhält sich, trifft Bekannte, verliert sich im Gewühl, wartet aufeinander, die Kinder geben Tempo und Ziele vor. Nur ein einziger Vorfall erinnert daran, dass diese Besucher einen anderen Hintergrund als die übrigen Gäste des Brokser Markts haben. Als plötzlich die Böllerschüsse zur Eröffnung des Volksfests abgefeuert werden, werden die Kinderaugen vor Entsetzen ganz groß und panische Blicke den Eltern zugeworfen, die ebenfalls zusammenzucken. „Alles gut“, beruhigt Sabine Lorenz ihre Schüler. „Das ist ganz harmlos.“ Achmad Mubarik nickt gefasst und erklärt: „Wenn in Pakistan so etwas zu hören ist, dann weiß man, es ist wieder was passiert.“

Am Ende des Rundgangs gibt es dann noch für jeden ein Eis. Auch für die Deutschlehrerin, die von ihren Schülern eingeladen wird. „Das war ein toller Tag“, schwärmt Lorenz und kostet ihr Eis. „Da werden wir in der nächsten Unterrichtsstunde viel zu besprechen haben.“

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