Wegen Lockdown fehlt der Türöffner

Keine Praktika: Der Friseur-Innung Diepholz bricht der Nachwuchs weg

Vor einem geschlossenen Friseur-Betrieb steht ein Schild. Darauf steht, dass eine Friseurin gesucht wird.
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Die Friseur-Branche ist durch die Corona-Krise stark gebeutelt: Besonders die Azubis sind den ausbildenden Betrieben im vergangenen Jahr weggebrochen.

Coronabedingt vergeben ausbildende Friseurbetriebe keine Praktika mehr. Das hat Auswirkungen auf die Anzahl der Azubis. Jens Leßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Diepholz/Nienburg, spricht von einer Katastrophe.

  • Friseur-Innung Diepholz verzeichnet einen Azubi-Rückgang von 36 Prozent.
  • Betriebspraktikum dient als Türöffner für eine Friseur-Ausbildung.
  • Friseure glauben, dass nicht alle Betriebe die Corona-Krise überstehen werden.

Landkreis Diepholz – Die Corona-Krise hat eine gesamte Branche im Griff. „2020 war für Friseure ein katastrophales Jahr“, meint Jens Leßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Diepholz / Nienburg. „Es ist heftig“, sagt er über den Azubi-Rückgang von 36 Prozent im Friseurhandwerk im Landkreis Diepholz. So schlimm sei es keiner anderen Innung zwischen 2019 und 2020 ergangen. Um positiv in die Zukunft zu schauen, „fehlt mir momentan die Fantasie“, gibt er ungeschönt zu. Doch woran genau liegt es, dass der Friseur-Nachwuchs fehlt? Die Kreiszeitung hat nachgefragt.

„Ich kann das bestätigen“, sagt Gerald Runge, Lehrlingswart der Friseur-Innung Diepholz. Er leitet einen Friseursalon in Asendorf und bildet selbst aus. Bewerbungen würde er zwar entgegennehmen, „aber es kommt nichts rein“, sagt er. Ob das ausschließlich am Coronavirus liegt, kann er nicht beurteilen, aber es spiele definitiv eine Rolle.

Praktikum als Türöffner in Friseur-Ausbildung

Vor der Pandemie habe sich das Betriebspraktikum als Türöffner bewährt. „Man geht in der Regel schon davon aus, dass man vor der Ausbildung ein Praktikum macht“, sagt Runge. Durch das vorgeschaltete Praktikum erkenne der Ausbildungsbetrieb auf der einen Seite, ob ein möglicher Bewerber die für den Beruf nötigen Soft-Skills – also die charakterlichen Voraussetzungen – mitbringt. „Da sieht man direkt, ob derjenige ins Team passt.“ Auf der anderen Seite können sich Interessierte dadurch ein Bild vom Beruf machen und schauen, ob sie wirklich in die Ausbildung gehen wollen.

Man geht in der Regel schon davon aus, dass man vor der Ausbildung ein Praktikum macht. Da sieht man direkt, ob derjenige ins Team passt.

Gerald Runge, Lehrlingswart der Friseur-Innung Diepholz

„Praktika gebe ich momentan nicht aus“, sagt Tanja Strohmeyer, Obermeisterin der Diepholzer Friseur-Innung. Das damit einhergehende Infektionsrisiko wolle sie nicht auf sich nehmen. Sie meint zwar, dass die Zahl der Auszubildenden schon in den vergangenen Jahren rückläufig gewesen sei, dennoch habe dieser Umstand der negativen Entwicklung einen Schub gegeben. „Da hängt ein Rattenschwanz dran. Berufsmessen fallen weg, alles fällt weg“, sagt die Friseurmeisterin, die die Putzbüdel Salons Strohmeyer in Varrel und Kirchdorf leitet.

Azubis halten den Friseur-Betrieben die Treue

Für gewöhnlich erhalte Tanja Strohmeyer in guten Zeiten am Anfang des Jahres drei bis vier Bewerbungen pro Jahr. „Zu Ostern vergebe ich dann die Praktika“, erzählt sie. Danach beginnt im August die Ausbildung. Dieses Schema ist durch die Corona-Krise quasi unmöglich geworden. „Es ist deswegen jetzt schon schwer, eine Ausbildung in diesem Jahr zu starten“, meint Gerald Runge.

Er selbst hat derzeit zwei Mitarbeiter in Ausbildung. Ob diese schon einmal wegen der Corona-Krise Zweifel bezüglich ihrer Berufswahl hatten? „Diesen Gedanken haben sie zum Glück noch nicht geäußert“, sagt er. Auch Tanja Strohmeyer ist sich sicher, dass diejenigen, die bereits einen Ausbildungsplatz haben, zufrieden sind und ihrem Betrieb die Treue halten werden: „Sie brechen nicht weg“, ist sie überzeugt.

Lernalternativen für den Friseur-Nachwuchs

In Gerald Runges Salon arbeiten die Azubis beispielsweise so oft wie möglich an sogenannten Übungsköpfen. Tanja Strohmeyer erklärt: „Wir versuchen, so viele überbetriebliche Lehrgänge anzubieten, wie es geht.“ Innerhalb der Ausbildung seien fünf solcher Veranstaltungen verpflichtend. „Manche sind derzeit aber nicht möglich, weil die Schüler ihre Anwesenheit mit einer Unterschrift nachweisen müssen“, bedauert sie und stellt den Sinn dahinter infrage: „Ich wollte es online anbieten, aber das darf ich nicht.“ Weitere Lehrangebote bietet die Innung digital über Youtube für die Azubis an.

Sowohl Jens Leßmann als auch Runge und Strohmeyer sind ebenfalls davon überzeugt, dass das Friseurhandwerk als solches überleben wird: „Haare wachsen immer“, sagt Gerald Runge. Dass nicht alle Betriebe die Krise überstehen werden, steht für alle drei allerdings außer Frage.

Schwarzarbeitende Friseure und Do-it-yourself-Laien in der Corona-Krise

Friseure sind im Corona-Lockdown, aber die Haare der Menschen hören deswegen nicht schlagartig auf zu wachsen. Die Konsequenz: „Im Moment gibt es ganz viel Schwarzarbeit“, meint Friseurmeisterin Tanja Strohmeyer. Sie ärgert sich darüber, dass den Betrieben dadurch ein Teil der Einnahmen wegbreche, sobald sie wieder öffnen dürfen. Einige Kunden würden dann nämlich nicht zum Friseur gehen, wenn es wieder erlaubt wird, weil ihnen bereits während des Lockdown illegal beziehungsweise im Freundeskreis die Frisur gemacht wurde. „Wenn wir angerufen und nach Terminen gefragt werden, dann müssen wir absagen. Aber es gibt immer jemanden, der dann im stillen Kämmerlein die Haare schneidet“, ist Tanja Strohmeyer überzeugt.

Ein weiteres Phänomen des Lockdown seien die Do-it-yourself-Laien. „Wie die Haare dann im Endeffekt aussehen, ist dann eine andere Sache, aber auch dadurch gehen den Friseuren später die Einnahmen verloren“, sagt Strohmeyer. Allerdings ist diese Methode im Gegensatz zu Schwarzarbeit immerhin legal.

Das Hauptzollamt Osnabrück ist für die Bekämpfung von Schwarzarbeit im Landkreis Diepholz zuständig. Pressesprecher Christian Heyer sagt auf Nachfrage: „Wir kontrollieren regelmäßig unter den vorgegebenen Hygienebestimmungen.“ Ob die Schwarzarbeit gerade bei Friseuren zugenommen hat, ist damit nicht gesagt. Genaue Zahlen gibt das Hauptzollamt nämlich nicht heraus. Der Polizei Diepholz liegen darüber hinaus keine Meldungen zu schwarzarbeitenden Friseuren vor, teilt Pressesprecher Thomas Gissing mit.

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