„Der“ Platz bleibt namenlos

Rat Bruchhausen-Vilsen kann sich nicht verständigen, einen Platz nach früheren jüdischen Anliegern zu benennen

Platzt mit geschlossenen Buden zwischen Bürgerhäusern
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Auf „dem“ Platz steht das nächste Event an. Das Gelände vor dem Haus Bahnhofstraße 53 wird zunächst weiterhin namenlos bleiben, entschied der Rat.

Br.-Vilsen – Der Platz an der Kirche, der Platz im Ortskern, der Platz vor dem ehemaligen Geschäft Bullenkamp: Bei den Aktivitäten der Fördergemeinschaft spielt das Areal zwischen Bahnhofstraße 53 und 55 eine zentrale Rolle. Aus ihren Reihen kam der Wunsch, der Örtlichkeit einen griffigen Namen zu geben. Doch „der“ Platz bleibt namenlos. Zunächst jedenfalls.

Weder im Ausschuss für Jugend und Soziales am Dienstagabend noch im Rat des Fleckens Mittwochabend fand der Antrag der Grünen eine Mehrheit, den Platz kurzfristig nach den früheren jüdischen Anliegern Lindenberg zu benennen.

Mit etwa 20 Zuhörern ein vergleichsweise großes Publikum verfolgte und beteiligte sich in beiden Sitzungen an einer Debatte, die so emotional geführt wurde wie selten bei einem lokalen Thema.

Der Ausschuss ging mit scheinbar verhärteten Fronten auseinander, auch, weil eine Perspektive völlig offenblieb, und auch der Rat konnte nicht damit dienen. Aus formalen Gründen könne darüber frühestens am 11. August gesprochen werden, hieß es. Obwohl alle Beteiligten im Rat einräumten, der Umgang miteinander im Ausschuss am Abend vorher war „ganz großer Mist“, wie Bernd Garbers (SPD) sagte, verhärtete der Meinungsaustausch im Rat diese Fronten weiter. Die Mehrheit des Lokalparlaments blieb dabei: Auch ein hehres Ansinnen will mit Bedacht entschieden sein.

Bernd Schneider für die antragstellenden Grünen warb in beiden Gremien dafür, ein „Zeichen der Erinnerungen und Würdigung“ zu setzen und den Platz stellvertretend für alle ehemaligen jüdischen Mitbürger Lindenbergplatz zu nennen, „nach anerkannten und verdienten Bürgern“, die mindestens 150 Jahre lang direkte Anlieger gewesen sind. Mit Beiträgen der emigrierten Familie selbst, des verstorbenen Heimatforschers Heinrich Bomhoff, des Schulprojekts „Stolpersteine“ und der privaten Familienforscherin Ulrike Meyer bewertete er im Ausschuss die Quellenlage als „eindrucksvoll“. „Die Gemeinde käme damit ihrer Verantwortung zu einem kritischen Umgang mit ihrer Geschichte nach“, sagte er auch im Rat unter dem Beifall der Zuhörer.

Aus ihren Reihen hatte sich Peter Schmidt-Bormann von der Geschichtswerkstatt des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) vor der Diskussion im Ausschuss und im Rat zu Wort gemeldet. Bruchhausen-Vilsen sei „sehr spät dran“, sich seiner Geschichte zu stellen. In Syke gebe es seit 2006 Stolpersteine sowie mit dem Edgar-Deichmann-Platz die späte Würdigung eines Juden, der einst an der Hache zu Hause war. Hoya erinnere mit der Marion-Blumenthal-Schule an frühere jüdische Mitbürger, sagte er im Ausschuss. Im Rat appellierte er erneut, es den Nachbarkommunen gleichzutun.

„Ich habe nie den Verdacht gehabt, das Thema würde aufgeschoben“, betonte er im Ausschuss. Doch 14 Monate seit dem Vorschlag, den Namen Lindenberg in den Mittelpunkt der Erinnerung zu stellen, sei es jetzt Zeit zu handeln, meinte er. „Wir wollen keinen Konfrontationskurs“, schickte er der politischen Debatte im Ausschuss voraus. Doch auf solchen geriet die folgende Diskussion. Einen Tag später stellte Schmidt-Bormann für sich fest: „Ich bin erschüttert und fühle mich von diesem Rat nicht vertreten, sondern missachtet“.

„Ein Aussetzen des Themas ist nicht angebracht“, schloss Schneider seine Ausführung. Im Ausschuss folgte – Schweigen. „Es gibt keine Wortmeldungen“, fragte Vorsitzende Nicole Reuter (Grüne) irritiert. „Wir finden eine Benennung übereilt“, wagte sich Claudia Staiger für die CDU als erste vor. Der Rat müsse die Geschichte aufarbeiten, habe das aber noch nicht ausreichend getan. „Anderen Familien ging es mindestens genauso schlecht wie den Lindenbergs“, sprach sie das Schicksal derer an, die den Holocaust nicht überlebten. Ähnlich argumentierte Hermann Hamann, SPD-Abgeordneter und lokaler Geschichtsforscher zu der Frage, warum die Wahl auf den Namen Lindenberg fallen solle. „Die Zeit ist noch nicht reif“, befand Reinhard Thöle für die SPD. Es gelte, alle Informationen zusammenzutragen und auszuwerten, bevor der Ausschuss eine Bewertung aller Ergebnisse vornehmen könne. Er befürchtete: „Wenn wir den Platz jetzt benennen, würde es keine weitere Aufarbeitung geben“. Die SPD wolle das Jahr 2021 nutzen, um sich mit einer Gedenkstätte für alle Opfer des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, sagte er im Ausschuss.

„Wir haben den Platz vorher einmütig nach einer Person (Bullenkamp. Anm. d. Red.) benannt, was sich als unglücklich herausgestellt hat. Die Entscheidung jetzt soll auf einem breiten Fundament stehen“, unterstrich Martina Claes (SPD) im Ausschuss. „Ich zögere, denn wir haben einmal bereits zu schnell entschieden“, meinte Nils Ehlers (CDU) am Dienstag. Mit dem Namen Lindenberg habe er grundsätzlich kein Problem, „aber andere Gruppen im Ort kommen nicht zu gleichen Ergebnissen“, deutete er an und meinte, die Rolle Bullenkamps (als derjenige, der den Lindenbergs die Immobilie in der Not abgekauft hat, Anm. d. Red.) müsse erst noch aufgearbeitet werden.

Im Ausschuss folgte ein Schlagabtausch darüber, ob sich die eine oder andere Seite ihre Entscheidung leicht mache. Werner Pankalla (CDU) versuchte sich im Ausschuss an einer Kindheitserinnerung an „Deutsche und Juden“, beendete seinen Gedanken nach Zwischenrufen aller Fraktionen, auch der eigenen, allerdings mittendrin. Im Rat scherte er gestern aus seiner Fraktion aus und rief dazu auf: „Lasst uns vernünftig sein und den Platz ab sofort Lindenberglatz nennen“.

Im Ausschuss ließ Vorsitzende Nicole Reuter in einer weiteren Einwohnerfragestunde zahlreiche Unmutsäußerungen zu. Ein „Armutszeugnis“ stellte Erika Müller-Kracke im Ausschuss aus. Dem Rat attestierte sie, zur falschen Zeit ein falsches Zeichen zu setzen. Peter Schmidt-Bormann empfand es als „Schlag ins Gesicht“, dass sich der Ausschuss als Prüfinstanz für eine Faktenlage sehe, die über Jahrzehnte zusammengetragen worden sei. Im Rat sagte er: „Es gibt keine Defizite in der Forschung zur jüdischen Geschichte im Ort“.

Nicht alle Beiträge im Ausschuss kamen von Einwohnern, noch wurden sie als Frage formuliert. „Ich fürchte, diese Statements müssen wir aushalten“, wies die Vorsitzende wiederholte Anmerkungen zur Geschäftsordnung von Martina Claes ab. Im Rat missbilligten SPD und CDU in einer gemeinsamen Erklärung Reuters Art und Weise der Sitzungsleitung.

Der Ausschuss lehnte den Antrag der Grünen mit sechs von neun Stimmen und einer Enthaltung ab; der Rat votierte mit 14 von 23 Stimmen dagegen.

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