Eva Wagner und Gregor Poralla halten in Schwarme fünf Alpakas

Die Delfine der Weide

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„Was passiert denn da?“ Alpakas sind neugierige Tiere.

Schwarme - Von Mareike Hahn. Wer an ihnen vorbeifährt, der muss einfach hingucken. Die putzigen Tiere mit den witzigen Frisuren ziehen sofort alle Blicke an, wenn sie auf ihrer Weide grasen oder herumtollen. „Seit wir das erste Alpaka bekommen haben, erleben wir hier einen richtigen Tourismus“, sagt Eva Wagner schmunzelnd.

Die Schwarmerin und ihr Partner Gregor Poralla besitzen fünf Exemplare der aus den südamerikanischen Anden stammenden Kamelform. Wagner weiß aus Erfahrung: „Es ist viel Arbeit, Alpakas zu halten. Das sind tolle Tiere, aber sie sind nicht für jeden geeignet. Man kann sehr viel falsch machen.“

Eva Wagner und Gregor Poralla stammen aus Bremen, hatten aber immer den Traum, auf dem Land zu leben. Vor ein paar Jahren kamen sie im Schweden-Urlaub an einer kleinen Farm vorbei. „Im Vorbeifahren sagte ich: ,Was war das? Alpakas?‘“, erzählt die 39-Jährige. Das Paar hielt an und warf einen Blick auf die Tiere. „Das war der Moment, in dem ich feststellte, dass Alpakas wunderschön sind“, sagt Wagner, die in Teilzeit angestellt ist und sich in ihrer Freizeit seit Jahren im Tierschutz engagiert.

Die Alpakas fühlen sich auf ihrer Weide sehr wohl.

Nachdem die beiden 2014 auf einen Resthof in Schwarme gezogen waren, stellte sich die Frage, was sie mit den 6 000 Quadratmetern Weidefläche anfangen sollten. „Wir wollten gerne Tieren in Not ein gutes Zuhause geben“, sagt Wagner. „Also hörten wir uns auf Gnadenhöfen um, wofür unser Grundstück geeignet ist. Für Pferde ist es zu klein, für Kühe auch.“ Dann stieß das Paar auf ein Alpaka, das dringend eine neue Bleibe brauchte. „So ging das los“, sagt Wagner.

Sie und ihr Freund haben sich genau mit den Bedürfnissen der Vierbeiner auseinandergesetzt. „Leider tun das viele Halter nicht. Im Internet steht, dass es leicht ist, diese Tiere zu halten und dass man mit ihrer Wolle viel Geld verdienen kann. Außerdem sind sie niedlich. Deshalb müssen immer wieder Alpakas unter falscher Haltung leiden.“ So war es auch bei Dalarna, der siebenjährigen Stute, die Wagner und Poralla drei Monate nach ihrem Umzug zu sich holten. Das weiße, heute sieben Jahre alte Weibchen war wegen eines angeblichen Herzfehlers von der Zucht ausgeschlossen und somit für den Besitzer überflüssig geworden. Später stellte sich heraus, dass Dalarnas Herz gesund ist.

Eva Wagner

Als Nächstes nahmen die Schwarmer die hellbraune Sunne und die schwarze Morla auf. Beide Stuten sind inzwischen etwa 16 Jahre alt und kommen aus einer nicht artgerechten privaten Haltung. „Morla war mehr tot als lebendig. Sie hatte unwahrscheinlich viele Narben am Körper und eine seit Jahren unbehandelte Räude.“ Räude ist eine durch Milben ausgelöste Hauterkrankung.

Der Vierte im Bunde wurde Bruno, ein Hengst, den ein Freizeit- und Tierpark im Alter von einem halben Jahr gekauft hatte. Dort musste er allein unter Ziegen leben. „Alpakas ohne Artgenossen zu halten, ist Tierquälerei und verboten“, sagt die Veganerin. „Sie müssen mindestens zu dritt sein, um sich wohlzufühlen. Man kann sie mit Schafen und Ziegen zusammen halten, aber nicht nur mit Schafen und Ziegen.“

Bruno erwies sich als besonders schwieriger Vierbeiner. „Wenn junge Alpakas in der Prägephase falsch behandelt werden, können sie gefährlich werden. Immerhin wiegen sie 80, 90 Kilo. Bruno konnte erst mal nicht mit unseren anderen Alpakas zusammenleben, er war total aggressiv – gegenüber den anderen Tieren, aber auch gegenüber uns. Er brauchte zunächst eine eigene Weide.“

Bruno nicht aufgegeben

Wagner und Poralla informierten sich und bekamen immer wieder zu hören: „Wenn ein Alpaka fehlgeprägt ist, kann man nichts machen, man muss es einschläfern.“ Doch so schnell wollten sie nicht aufgeben. Sie ließen Bruno kastrieren und investierten viel Zeit und Geduld in den Vierbeiner. „Es hat etwa ein halbes Jahr gedauert, aber dann war es, als hätte man einen Schalter umgelegt – Bruno wurde zutraulich und lieb. Man konnte ihn anfassen, und wenn wir auf die Weide kamen, ist er sofort hergelaufen und hat an uns geschnuppert.“

Was die Schwarmer zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Bruno hatte kurz vor der Kastration ein Alpakajunges gezeugt. Drei Tage vor dem Eingriff war er ausgebüxt und zu den Stuten gelaufen. Sunne wurde in den folgenden elf Monaten immer dicker, aber ob eine Alpakastute tragend ist, lässt sich nur schwer feststellen. Ein Test kostet viel Geld und bietet nur 20 Prozent Sicherheit. „Also haben wir es einfach auf uns zukommen lassen. Da wir all unseren Alpakas schwedische Namen geben, haben wir in der Zeit immer Witze gemacht, dass das Fohlen, wenn es denn wirklich kommt, Ikea heißen soll.“

Platz für weitere Tiere

Aus Spaß wurde Ernst. Am 5. September 2016 fuhr das Paar vormittags zu dem schwedischen Möbelhaus. Als es zurückkehrte, lief Sunne unruhig im Kreis herum. Zehn Minuten später war das Fohlen da. „Da kam kein anderer Name mehr infrage“, sagt Wagner lachend.

Nachdem Bruno im März vergangenen Jahres gestorben war, benahm sich „die Leitstute Morla unmöglich. Sie ließ die anderen nicht mehr in den Unterstand. Bruno war ihr zwar unterstellt, hatte aber anscheinend Ruhe in die Herde gebracht.“

Also machten sich die Tierfreunde auf die Suche nach einem neuen Wallach. Weil sie kein vernachlässigtes Alpaka fanden, entschieden sie, ein Exemplar aufzunehmen, das schlechte Chancen in der Zucht hätte. Die meisten Alpakas haben helles Fell, weshalb die dunkleren gefragter sind. Im Mai fand der damals zehnmonatige Falun – er ist beige und hat X-Beine – in Schwarme ein neues Zuhause. „Als ich die Alpakas an seinem ersten Abend in den Stall gebracht habe, galoppierte er hinterher, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes gemacht.“ Seitdem ist die Truppe wieder zu fünft. Da das Paar noch Platz hat, würde es bei Bedarf auch weitere Alpakas aus dem Tierschutz aufnehmen.

Lamas attackierten Alpakas

Eva Wagner erzählt gerne von ihren Alpakas. Wenn mal wieder neugierige Fremde auf dem Hof stehen, beantwortet sie geduldig ihre Fragen. Viele Passanten halten die Alpakas für Lamas. Beide Gattungen gehören zur Familie der Kamele, doch Alpakas sind mit ihrem Stockmaß unter einem Meter deutlich kleiner und haben dichtere Wolle.

Zeitweise hatten die Schwarmer auch zwei Lamas, doch die gingen immer wieder auf die Alpakas los. Schließlich fand sich ein Gnadenhof, auf dem die Lamas unterkamen.

Genau wie Lamas sind auch Alpakas keine Kuscheltiere. „Es dauert sehr lange, bis sie zahm sind“, sagt Wagner. „Und wenn man ein paar Monate nichts mit ihnen macht, sind sie wieder wild.“

Man kann die neugierigen, aber auch sturen Tiere ans Halfter nehmen und Ausflüge mit ihnen machen, erklärt die 39-Jährige. „Aber sie lassen sich nicht gerne anfassen.“ Dafür wirkt der Umgang mit den flauschigen Vierbeinern beruhigend auf viele Menschen. Und so werden sie auch in der Therapie von autistischen Kindern eingesetzt. „Alpakas sind die Delfine der Weide.“

Gespuckt wird meist untereinander

Apropos Weide: Die Tiere, die 20 Jahre alt werden können, brauchen viel Platz. Mindestens 1.000 Quadratmeter für das erste Alpaka, jeweils weitere 200 für jedes zusätzliche. Ein Stall ist nicht notwendig, wohl aber ein windgeschützter Unterstand. Weide und Unterstand müssen regelmäßig nach Giftpflanzen abgesucht und gesäubert werden. Alle drei Monate brauchen die Vierbeiner eine Wurmkur, einmal im Jahr müssen ihre Klauen geschnitten werden.

Beim Füttern ist einiges zu beachten. So dürfen Alpakas nur geringe Mengen Obst zu sich nehmen. Und wenn sie Brot fressen, kann das tödlich enden. Deshalb möchten Wagner und Poralla auf keinen Fall, dass Passanten die Tiere füttern.

Angespuckt werden die Zwei übrigens nicht so oft. „Untereinander spucken Alpakas viel und gerne – der Rangfolge nach, bei Futterneid, wenn ihnen jemand zu nahe kommt  ...“ Die Halter bekommen die Spucke aber meistens nur ab, wenn sie zufällig im Weg stehen, ist Wagners Erfahrung. „Oder wenn man die Alpakas festhält, damit sie geimpft werden oder eine Wurmkur bekommen.“ 

Fünf Säcke Wolle im Jahr

Der Speichel an sich rieche nach nichts. Wenn die Tiere jedoch vor dem Spucken Warnsignale abgeben – Ohren anlegen, Kopf anheben – dann mischt sich hochgewürgtes Gras mit Magensaft darunter. „Das stinkt bestialisch; wenn man das abkriegt, muss man sofort alles stehen und liegen lassen und duschen.“ Wagner lacht.

Einmal im Jahr lassen die Schwarmer ihre Alpakas scheren, die fünf anfallenden Säcke Wolle verschenken sie. Wer Interesse hat, kann über die Homepage der beiden Kontakt aufnehmen. Dort finden Interessierte auch viele Informationen über die Tiere.

www.kameliden-kultur-schwarme.de

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