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Erste Gästeführung zum jüdischen Leben in Bruchhausen-Vilsen

Gästeführung von Frauen im Gewand in historischem Ort.
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In der Rolle von „Sophie und Berta“ erzählen Christiane Wimmer (im Gewand links) und Christiane Mewes Geschichten über das jüdische Leben in Bruchhausen-Vilsen. „Das macht betroffen“, urteilen Zuhörer.

Br.-Vilsen – Ein Paar Schuhe von Salomon – Für die Magd Berta etwas ganz Besonderes. Aus echtem Leder. Und so fein. Von bester Qualität. „Ich durfte sie stückeweise kaufen“, erzählt sie ihrer Freundin Sophie, während beide auf dem Weg zum Markt plappernd durch Vilsen laufen. „Du konntest sie auf Raten kaufen“, freut sich Sophie, dass der Kaufmann der einfachen Frau so entgegenkam.

Mitten in ihren fröhlichen Erinnerungen an gemeinsame Kindergeburtstage mit den Salomon-Töchtern Edith und Inge stolpern die beiden über eine blanke Plakette im Boden: „Georg Salomon – ermordet“, liest Sophie die Inschrift. „Ermordet? Warum bloß? Warum?“, fragen sich die Freundinnen aufgebracht.

In ihren Rollen als „Sophie und Berta“ thematisieren die Gästeführerinnen Christiane Wimmer und Christiane Mewes zum ersten Mal die Geschichte der jüdischen Mitbürger Bruchhausen-Vilsens. Der erste und zunächst einzige Termin am Sonntag war so schnell ausgebucht, dass es kurzfristig zwei weitere geben wird. Ebenfalls ausgebucht. „Man weiß natürlich, was damals in Deutschland passiert ist. Aber was weiß man denn von hier?“ Ute Ristau aus Dörverden und ihre Freundin Tanja Masemann-Schröder aus Schwarme wollten diese Wissenslücke schließen und gehörten zu der ersten Gruppe, die sich etwas über die jüdischen Familien in Vilsen erzählen ließ.

„Sophie und Berta haben einen guten Ruf“, wussten die beiden, die sich für die Geschichte in der Umgebung interessieren. „Sie erzählen so schön“, hatten die Freundinnen gehört und bestätigen das nach einer knappen Stunde. Was die Mägde zu erzählen hatten, wollte zu der harmonischen Stimmung an diesem schönen Herbstsonntag allerdings nicht recht passen. „Es macht mich betroffen“, sucht Ute Ristau nach passenden Worten.

„Sophie und Berta“ bleiben ihrem beliebten Plauderton treu. So bringen sie der Gruppe das Leben der jüdischen Familien aus der Nachbarschaft nahe. Was die Kinder der Lindenbergs und Salomons in ihrer Schule in Hoya nicht alles lernten! Kein Vergleich zum knappen Stundenplan an der Volksschule in Vilsen, erfahren die Teilnehmer. Die Gästeführerinnen stellen die Hanaus, Meyers und Schragenheims als Nachbarn vor, als Mitschüler und Freunde der Kinder aus der Braut- und Bahnhofstraße. Bis sich die Zeiten ändern. Salomons können ihre Pacht für das schöne Geschäft nicht mehr bezahlen, müssen erst umziehen, dann schließen. „Sophie und Berta“ verstehen das nicht. Dass der Aufruf „Kauft nicht bei Juden“ auch in Vilsen galt, ist dem Publikum bewusst. Warum „Bürgermeister und Nachbarn“ aber nichts dagegen unternommen haben, diese Frage lassen die Frauen im Raum stehen. „Als Appell, sich mit genau dieser Frage auseinanderzusetzen“, erklären sie.

Dass das jüdische Leben in Vilsen einst so vielfältig gewesen ist, überraschte Teilnehmerin Barbara Unger, sagt sie nach der Führung. Wie auch Uschi Biemelt verfolge sie die Entwicklung um die Stolpersteine und die Diskussion über die Patzbenennung im Ort interessiert. Dass es aber „um so viele Familien und Personen geht“, sei ihr bisher nicht bewusst gewesen, meint Uschi Biemelt.

„Ich habe Stolpersteine schon in anderen Orten gesehen, aber nie so wahrgenommen wie heute“, räumt Ute Ristau ein. Hinter Name und Sterbejahr stecken umfassende Lebensgeschichten, habe die Führung ihr sehr anschaulich vermittelt. „Bei diesem Spaziergang wird das noch eindrücklicher klar als bei einem Vortrag“, sagt Uschi Biemelt zu dem Format, das die Gästeführerinnen gewählt haben, um die jüdische Geschichte des Ortes zu erzählen. „Ich bin überrascht, dass wir hier die mit Abstand Jüngsten sind“, sagt Ute Ristau, Jahrgang 1967, zu ihrer Freundin.

Mit einem fassungslosen „Warum“ beenden Christiane Mewes und Christiane Wimmer ihre Führung. Dieses Schlusswort möchten sie als Aufruf verstanden wissen, dass „wir nicht zulassen dürfen, dass so etwas wieder passieren kann“.

„Man weiß nicht, wie man sich selbst zu jener Zeit verhalten hätte“, räumen einige Teilnehmer nach der Führung im Gespräch ein. Hätte man gegen die geltenden Anordnungen weiter bei den jüdischen Nachbarn eingekauft, oder hätte man den Mut gehabt, diesen Familien in ihrer Not heimlich mit Lebensmitteln auszuhelfen? Diese und ähnliche Gedanken regten die Gästeführerinnen mit ihrer szenischen Erzählung an.

Dass die Resonanz auf dieses neue Angebot so groß war, dass es zwei Zusatztermine geben wird, „hat uns überrascht, vor allem aber erfreut“, sagt Christiane Wimmer. Weitere Termine sollen im nächsten Jahr folgen. Sarah Verheyen vom Tourismus-Service rechnet damit, dass das neue Programm im Dezember vorliegen wird.

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