„Multiresistente Erreger und Landwirtschaft“

Bürgerinitiative informiert über die Gefahr aus dem Maststall

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Dieses am Computer erstellte Bild zeigt, wie Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) aussehen. Wenn die Bakterien über Wunden oder Schleimhäute in den Körper gelangen, kann eine Infektion ausbrechen. Da MRSA gegen viele Antibiotika unempfindlich sind, droht ein schwerer Krankheitsverlauf. Laut Bundesgesundheitsministerium sterben jährlich bis zu 15.000 Deutsche, weil sie sich mit antibiotikaresistenten Keimen infiziert haben; einige Experten gehen von viel höheren Zahlen aus.

Asendorf/Scholen - Von Mareike Hahn. Die Initiative „Gesunde Luft – für uns und unsere Kinder“ kämpft mit Herzblut gegen einen geplanten Hähnchenstall in Asendorf-Hardenbostel und gegen Massentierhaltung im Allgemeinen. Dabei ist es den Mitgliedern ein großes Anliegen, über die Gefahren von „Agrarfabriken“ aufzuklären. Daher laden sie für Donnerstag, 30. August, zu einem Infoabend im Gasthaus Zum Hüttenwirt in Scholen ein. Ab 19 Uhr geht es um „Multiresistente Erreger und Landwirtschaft“. Alle Bürger sind an der Scholer Straße 20 willkommen.

Ins Rollen kam der Widerstand, als Landwirtin Iris Flentje im vergangenen Jahr einen Bauantrag beim Kreis Diepholz einreichte. Sie möchte ihre Schweinehaltung aufgeben und stattdessen einen Hähnchenmaststall mit 39.900 Plätzen errichten. Protest formierte sich – erst in der Nachbarschaft, dann in einem größeren Kreis. Dass das Interesse am Thema groß ist, zeigte der erste Infoabend der damals frisch gegründeten Bruchhausen-Vilser Bürgerinitiative: Weit über 100 Besucher wollten im April mehr erfahren und über Fluch und Segen der modernen Landwirtschaft diskutieren.

Viele Stunden haben sich die Stallgegner in den vergangenen Monaten mit den verschiedenen Aspekten der Tierhaltung beschäftigt. Eine Erkenntnis: „Es gibt ein massives Problem mit Erregern aus Ställen“, sagt Christine Rohlfs von der Initiative.

Dass multiresistente Keime in der Tierhaltung entstehen können, ist unstrittig. Die bekannteste Bakterienart ist Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), sie ist gegen alle Antibiotika resistent, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. Dazu kommt oft auch eine Unempfindlichkeit gegen weitere Antibiotika.

Verbreitung meist außerhalb der Tierhaltung

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung sind indes nur wenige Prozent aller nachgewiesenen MRSA vom Typ „Livestock associated“, also Nutztier-assoziiert. Die meisten verbreiten sich demnach außerhalb der Tierhaltung, beispielsweise in Krankenhäusern. Trotzdem ist der Anteil von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus aus der Landwirtschaft nicht zu unterschätzen: Das Bundesinstitut geht davon aus, dass „etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung Träger von MRSA sind. Höhere Besiedlungsraten finden sich bei Tierärzten und Landwirten, die beruflichen Kontakt zu landwirtschaftlichen Nutztieren haben. In einer Studie in Niedersachsen waren etwa 25 Prozent der Personen, die Nutztierkontakt hatten, mit MRSA besiedelt.“ Der Keim sitzt auf der Haut oder in der Nase. Zum Problem kann das werden, wenn er ins Körperinnere gelangt.

Je häufiger Antibiotika verabreicht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich resistente Keime verbreiten. Und genau das macht den Mitgliedern der Initiative Sorgen: „Antibiotika sind in der Hähnchenmast weit verbreitet. Wenn einzelne Tiere erkranken, wird üblicherweise gleich die gesamte Herde mit Antibiotika behandelt“, sagt Rohlfs.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat im Jahr 2016 festgestellt, dass jede zweite von 450 Geflügelfleischproben aus deutschen Supermärkten Antibiotikarückstände aufwies. Frühere Zahlen lesen sich noch dramatischer: Laut einer Studie des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums von 2012 enthielten 92 Prozent der deutschen Hähnchen Antibiotika.

Öko weniger anfällig als konventionell

In Betrieben mit ökologischer Tierhaltung wird MRSA seltener nachgewiesen als in konventionellen, heißt es seitens des Bundesinstituts für Risikobewertung.

„Erkranken Öko-Tiere, müssen Bio-Landwirte zunächst auf natürliche Heilmethoden zurückgreifen. Nur wenn die Wirksamkeit alternativer Heilverfahren nicht ausreicht, sind Antibiotikagaben auch in der Öko-Tierhaltung erlaubt“, erklärt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, ein Dachverband landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel.

Und genau da setzt die Bürgerinitiative an: „Wir sind nicht gegen Landwirtschaft, sondern nur gegen Agrarfabriken“, sagt Mitglied Michael Carlberg. „Es gibt doch biologisch-ökologische Alternativen.“ Mit einem Stall für Bio-Hähnchen hätte die Initiative also keine Probleme? „Nein“, antworten die beim Pressegespräch anwesenden Mitstreiter, gut ein Dutzend, unisono. Antragstellerin Flentje sei in diesem Punkt aber nicht gesprächsbereit. In der Kreiszeitung möchte sich die Landwirtin derzeit nicht äußern.

Der derzeit von Flentje betriebene Stall mit 750 Schweinen hat nach Auskunft der Initiative keinen Filter, die geplante Hähnchenanlage soll dagegen eine Abluftreinigungsanlage bekommen. Könnte sich die Keimgefahr dadurch nicht reduzieren? Das halten die Gegner für illusorisch. „Studien zeigen, dass die Filter nicht richtig funktionieren“, sagt Christine Rohlfs. Außerdem sei der Staubeinfall bei Hähnchen größer, erklärt Sven Runge. Und Anna Triphaus ergänzt: „Schweine sind hauptsächlich von MRSA betroffen. Bei Hähnchen kommen noch andere multiresistente Erreger dazu, die uns auch krank machen.“ Details wollen die Organisatoren am 30. August erläutern.

Triphaus ist sicher: „Wenn mancher sehen würde, wie es in einem Maststall aussieht, würde er das Fleisch nicht mehr essen.“

Der Infoabend

Drei Experten halten am 30. August Vorträge:

  • Martin Eikenberg, Leiter des Hygieneinstituts Bremen-Mitte
  • Dr. med. Gerd-Ludwig Meyer aus Nienburg, Nephrologe (Facharzt für Nierenkrankheiten), ehemaliger Landwirt und Initiator des Vereins „Ärzte gegen Massentierhaltung“
  • Eckehard Niemann aus dem Kreis Uelzen, Koordinator des deutschlandweit agierenden Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“.

Anschließend folgt eine Diskussions- und Fragerunde.

Spendenkonto

Die „Initiative für gesunde Luft“ freut sich über Spenden. Das Konto: Volksbank Aller-Weser eG, IBAN: DE15 2566 3584 0313 2498 00

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