Anschließend fehlt aber Perspektive

Achterbahn der Gefühle: Schausteller freuen sich auf den BruVi-Park

Ein Besuch hinter den Kulissen bei (von links) Albert Dormeier, Henry Ingo und Henry Stummer Junior.
+
Ein Besuch hinter den Kulissen bei (von links) Albert Dormeier, Henry Ingo und Henry Stummer Junior.

Der BruVi-Park auf dem Marktplatz in Bruchhausen-Vilsen ist gestartet. Wir haben mit Schaustellern gesprochen, was sich sich davon erhoffen.

Br.-Vilsen – Der Rasen ist gemäht, das Denkmal frisch gestrichen. Schon bei der Anfahrt sehen die Schausteller: Der Marktplatz heißt sie willkommen. Und doch ist alles anders. „Wir fahren mit gemischten Gefühlen auf“, versucht Henry Ingo Stummer in Worte zu fassen, was ihn und seine Branche sprachlos macht. „Kellerdiscos durften schon öffnen, aber wir unter freiem Himmel auf großen Flächen sollen eine Gefahr sein …“, hinterfragt sein Nenn-Onkel Albert Dormeier die Corona-Schutzmaßnahmen.

Bevor ab heute beim BruVi-Park ein einladendes „Einsteigen, dabei sein!“ aus den Lautsprechern der Fahrgeschäfte tönt, sprechen die Initiatoren der Alternativveranstaltung für den Brokser Heiratsmarkt darüber, wie es hinter den Kulissen der bunten Lichter und flotten Sprüche aussieht.

Henry Stummer: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Henry. Er ist der dritte von vier Henry Stummers in Bruchhausen-Vilsen und vertritt beredt die junge Generation der Schaustellerfamilie. Die Generation, die das erhalten und ausbauen will, was Vater und Großvater geschaffen haben; die Generation, die in jungen Jahren ein Vermögen in die Hand genommen hat, um sich mit eigenen Fahrgeschäften am Markt zu behaupten. Er selbst kommt gerade aus Hooksiel an der Nordsee, wo es zu Beginn des Sommers einen ähnlichen Freizeitpark gegeben hat, wie er ab heute in Bruchhausen-Vilsen läuft. „Für uns war das die erste Kirmes in diesem Jahr“, schildert er seine persönliche Situation und gleichzeitig die einer kompletten Branche. Nach dem BruVi-Park gibt es noch kein weiteres Engagement. Und ob die Weihnachtsmärkte stattfinden können? Antworten sind derzeit nicht zu erwarten.

Der BruVi-Parks wurde im vergangenen Jahr auch von den Fans des Brokser Heiratsmarkts besucht. (Archivbild)

„Wir schreiben im Jahr um die 300 Bewerbungen“, gibt Albert Dormeier einen Einblick in den Schaustelleralltag vor 2020. Im Frühjahr ergibt sich aus den Zusagen die Reiseroute bis Weihnachten. Das Wetter als Unbekannte außenvor gelassen, kann das Familienunternehmen aufgrund dieser Planung kalkulieren. „Ich habe Kredite zu bedienen“, sagt Dormeier zu seiner finanziellen Situation. Den „Musik-Express“ hat er von seinem Vater übernommen. Dieser Tradition fühle er sich verpflichtet. Er sei während der Pandemie monatelang Lkw gefahren, um für die Verbindlichkeiten aufzukommen.

„Meine Frau hat sich einen festen Job gesucht“, sagt auch Henry Ingo. Viele Kollegen mussten nach alternativen Einnahmequellen suchen. Denn die Kosten liefen weiter. Und mehr. „Wir haben alle Geschäfte nach den Corona-Vorgaben umgebaut und dürfen trotzdem nicht spielen“, berichtet Henry Junior, ein Vertreter der gestandenen Stummer-Generation. Die Wege beim BruVi-Park seien doppelt so breit wie die Wege beim Brokser Markt und doch dürften nur 1000 Menschen gleichzeitig auf das große Gelände. „Wo wir sind, fallen die Inzidenzen“, beobachtet sein Sohn indes. Weil die Leute dann nicht versteckt und heimlich, sondern nach allen geltenden Vorgaben feiern würden, hat er als Erklärung parat. Ein Thema, dass er jüngst sogar mit der niedersächsischen Gesundheitsministerin besprochen habe.

Schausteller dürfen nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern empfangen

Doch es bleibt dabei: Eine reduzierte Anzahl von Schaustellern darf auf einer umzäunten Fläche nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern empfangen. „Dabei sollte Kirmes Freiheit bedeuten, der Begriff kommt von Kirchmesse, ein Ort, an dem jeder willkommen ist“, erinnert Henry Ingo Stummer.

„Was ist, wenn das Publikum in Zukunft Angst hat, einen vollen Jahrmarkt zu besuchen? Dieser Gedanke macht mir Angst“, gesteht Albert Dormeier. „Die Leute wollen raus und wollen etwas erleben“, beobachtet sein Cousin Henry hingegen vor allem jetzt und versucht sich in Optimismus: „Sie werden wiederkommen.“ Hofft er. An ein Aus der Jahrmarkttradition mag er nicht denken. „Das glaube ich einfach nicht“, will er die Freunde, Verwandten und Kollegen ermutigen, die zweifeln.

Doch es gibt Anzeichen, die selbst die Optimisten nicht übersehen können. „Nicht wenige“ Lieferanten, zum Beispiel von Spielwaren für Losbude und Co., hätten Personalprobleme nach eineinhalb Jahren Pandemie, schildert Henry Junior. Ware zu bekommen, sei schwierig. Auch den Eigentümern der großen Fahrgeschäfte fehle es an Personal. „Die Saisonkräfte mussten sich umorientieren“, berichtet Albert Dormeier. Und auch die Aushilfen aus den Spielorten stehen nicht mehr zur Verfügung. „Sie haben sich was anderes gesucht, um ihr Urlaubsgeld zu verdienen“, weiß Henry Junior.

BruVi-Park ist eine kollegiale Leistung der Schausteller

Dass der BruVi-Park steht, sei eine kollegiale Leistung. „Die Familien helfen sich gegenseitig“, erzählen Stummers. „Es ist Jahre her, dass ich ein Kinderkarussell aufgebaut habe“, nennt Henry Ingo ein Beispiel. „Alles dauert länger“, beschreibt er die ungewohnten Abläufe. Vor Corona war es üblich, Sonntagnacht abzubauen und Freitag an einem ganz anderen Ort wieder spielbereit zu sein. „Das wäre heute unmöglich, selbst, wenn es Angebote geben würde“, so Dormeier. Seinen Musik-Express können sechs bis sieben Männer über Nacht abbauen. „Jetzt brauchen wir zu Dritt zwei stramme Tage.“

Jüngst in Nienburg sei die „Familien-Kirmes“ nach ähnlichem Prinzip wie der BruVi-Park gut besucht gewesen, meint Henry Stummer Junior. „Die Menschen wollen sich erfreuen“, war der Eindruck von Albert Dormeier. Ferien, die Sehnsucht nach dem Brokser Markt – auch in Bruchhausen-Vilsen erwarten sie guten Zuspruch. „Auch, wenn das hier nicht so ein Anziehungspunkt sein wird wie der Heiratsmarkt“, ist sich Stummer bewusst. Für seinen Sohn fühlt sich der BruVi-Park „wie Urlaub“ an. „Wir haben zu tun, wir sind bis zum 5. September beschäftigt“, freut sich sein Sohn.

„Die Ungewissheit frisst einen auf“, sagt der junge Mann, während sein Sohn auf seinen Schoß klettert. Der vierjährige Henry Jerome reist zum ersten Mal mit. „Das ist alles neu für ihn“, sagt der junge Vater und zeigt auf die Wohnwagen, die hinter dem Karussell, dem Autoscooter und der Schießbude eine eigene kleine Welt bilden. „Es ist schön, auf dem Marktplatz zu stehen. Aber es ist auch eine Achterbahn der Gefühle“, sagt Henry, der dritte Henry in der Dynastie der Stummers.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Meistgelesene Artikel

Strecke Sulingen-Nienburg: Leeres Gleisbett ist „ein Ärgernis“

Strecke Sulingen-Nienburg: Leeres Gleisbett ist „ein Ärgernis“

Strecke Sulingen-Nienburg: Leeres Gleisbett ist „ein Ärgernis“
Bauarbeiten an der B 51: Pendler brauchen bis Mitte Dezember Geduld

Bauarbeiten an der B 51: Pendler brauchen bis Mitte Dezember Geduld

Bauarbeiten an der B 51: Pendler brauchen bis Mitte Dezember Geduld
Firma bereitet Metallteile auf

Firma bereitet Metallteile auf

Firma bereitet Metallteile auf
Stadt Syke lässt sich neues Notstromkonzept mehr als 100000 Euro kosten

Stadt Syke lässt sich neues Notstromkonzept mehr als 100000 Euro kosten

Stadt Syke lässt sich neues Notstromkonzept mehr als 100000 Euro kosten

Kommentare