Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an das Schicksal jüdischer Bürger

Bruchhausen-Vilsen gehört jetzt zum „Netz des Gedenkens“

Der Künstler Gunter Demnig hat bereits 75  000 Stolpersteine verlegt. Auch in Bruchhausen-Vilsen erinnert er an Opfer der Naziherrschaft. 
Foto: Oliver Siedenberg
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Der Künstler Gunter Demnig hat bereits 75  000 Stolpersteine verlegt. Auch in Bruchhausen-Vilsen erinnert er an Opfer der Naziherrschaft. Foto: Oliver Siedenberg
  • Anne-Katrin Schwarze
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Br.-Vilsen – „Praktisch denken – Schuhe schenken“, mit diesem Slogan hat Familie Salomon in den 1920er- und 30er-Jahren um Kunden ihres Schuhhauses am Engelbergplatz geworben. „Ich stelle mir vor wie, die beiden Kinder Edith und Inge zum Spaß auf hochhackigen Modellen der neusten Mode durch den Laden stolziert sind und wie sie mit ihren Freunden fröhlich auf der Brautstraße gespielt haben“, entwarf Rike Ravens das Bild einer glücklichen Kindheit. Edith und Inge Salomon. Dass ihre Namen nicht in Vergessenheit geraten, dafür sorgen seit Donnerstag „Stolpersteine“.

Etwa 75 000 dieser handlichen Mahnmale hat der Künstler Gunter Demnig seit 1996 in mehr als 20 Ländern verlegt. Donnerstag griff er in Bruchhausen-Vilsen zum Werkzeug, um die Messingplatten dort im Gehweg einzubauen, wo ihre Namensträger ihren letzten selbstgewählten Wohnort hatten, bevor sie von den Nazis verfolgt wurden.

„So ist ein Netz des Gedenkens entstanden“, bezeichnete Tim Schöning das Lebensprojekt Demnigs. Als Lehrer betreut Schöning am Gymnasium die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“. Seit 2016 setzen sich Schüler darin auch mit den Lebenswegen jüdischer Menschen auseinander, die in Bruchhausen-Vilsen zu Hause waren, bevor sie von den Nazis verschleppt worden waren. Viele verloren dabei ihr Leben.

Auf den Stolpersteinen sind nur wenige Angaben festgehalten: „Hier wohnte Emil Lindenberg, Jahrgang 1874, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 22.11. 1942“ ist jetzt vor dem Haus Engelbergplatz 3 zu lesen. „Er und alle anderen sollen nicht in erster Linie als Opfer in Erinnerung bleiben, das man zu einer Nummer degradiert hat, sondern erkennbar werden als Mensch, der er war“, sagte Tim Schöning vor unerwartet vielen Teilnehmern der Feierstunde und der anschließenden Verlegung an sechs Standorten in der Braut-, Bahnhof- und Bruchhöfener Straße.

„Die Erinnerung soll uns mahnen, dass anonymes Leid Namen trägt“, betonte Bürgermeister Lars Bierfischer, der den Schülern stellvertretend für die „dritte Generation nach Kriegsende“ zurief: „Ihr persönlich tragt keine Schuld, aber ihr tragt die Lehren aus der Gewaltherrschaft in die Zukunft.“ Er appellierte auch: „Wir müssen uns befreien von Versuchen einiger, einen neuen Nationalismus zu begründen.“

„Mein Großvater hat Deutschland abgelehnt, aber auf dieses Projekt wäre er stolz gewesen“, verlas die ehemalige Schülerin Jalain Schabert als Gründungsmitglied der AG eine Grußbotschaft von Ezequiel Lindenberg, einem argentinischen Nachfahren der Vilser Lindenbergs. Sein Vater habe diese Ablehnung übernommen, aber durch das Projekt begriffen, dass sich die Zeiten geändert hätten. „Er ist bereit, nach Deutschland zu reisen“, ließ der Urenkel von Hugo Lindenberg wissen. Dieser hatte in der Bahnhofstraße gewohnt. Die Mitglieder seiner Familie waren 200 Jahre lang angesehene Bürger von Vilsen, erinnerten die Schüler.

Sie hatten die Lebensgeschichte der Juden in Bruchhausen-Vilsen recherchiert und stellten sie den Teilnehmern der Zeremonie jeweils kurz vor. Ausführliches Material zu den Biografien soll demnächst im Internet zu finden sein. Neuntklässlerin Vanessa Delekat beschloss die Ansprachen mit Saxofonmusik, während Mitschüler Rosen und – nach jüdischer Tradition – Steinchen auf die Gedenksteine legten. Stephan Schrader von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gab der Feierstunde auf einem Grundstück abseits der Straße mit getragenen Celloklängen einen würdevollen Rahmen. Auf dieser Wiese mag Gertrud Lindenberg einst gespielt, sie lag direkt vor ihrer Haustür. Die Teilnehmer am Donnerstag mussten diesen Ort erst suchen. Provisorische Schilder auf dem Pflaster wiesen ihnen den Weg. Wer ab jetzt durch den Ort spaziert, dessen Augen werden über die Namen ehemaliger Mitbürger stolpern und das wird dazu beitragen, dass sie und ihr Schicksal nicht vergessen werden.

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