Glücklicher Rentner kann es nicht lassen

Edmund Behrmann wandert wieder zu Fuß nach Kopenhagen: 600-Kilometer-Tour

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Edmund „Eddy“ Behrmann hat auf seinem ersten Wanderabschnitt extreme Bedingungen erlebt. Wie hier auf dem Deich bei Wischhafen.

Br.-Vilsen - Von Anke Seidel. Nachdem er die rund 600 Kilometer lange Strecke zwischen Bruchhausen-Vilsen und Kopenhagen zweimal mit dem Fahrrad und einmal zu Fuß bewältigt hat, ist der 68-jährige Edmund „Eddy“ Behrmann erneut zu Fuß gestartet – und hat im Ausnahme-Sommer 2018 extreme Bedingungen zu bewältigen. Der glückliche Rentner kann es nicht lassen: Während Meteorologen Temperaturen von 32 Grad im Schatten maßen, marschierte „Eddy“ mit seinem Reise-Handwagen unter praller Sonne.

Wegen der extremen Bedingungen entschloss sich der 68-Jährige nach zehn Tagen, seinen außergewöhnlichen Fußmarsch zu unterbrechen. Jetzt ist er wieder zu Hause bei seiner Ehefrau Irmtraud – und schmiedet Pläne für den zweiten Teil seiner Reise, die er ab 13. August fortsetzen will. Genau dort, wo er sie unterbrochen hat: in Itzehoe.

Wirklich aufgeben? Das kommt für Edmund Behrmann nicht in Frage. Was es heißt, Ausnahmesituationen zu überstehen und zu überleben, weiß der 68-Jährige aus eigener Erfahrung. Darmkrebs, lebensbedrohlicher Zuckerschock, Lugenentzündung und Nierenversagen musste er durchleiden – und hat sich zurück ins Leben gekämpft. Das Motto des gelernten Tischlers: „Menschen, die meinen, in einer ausweglosen Situation zu stecken, sollten nach vorne schauen. Denn da ist meistens der Ausweg!“

In Wischhafen musste Behrmann seinen Spezial-Handwagen über den Zaun hieven - das Gefährt blieb an einem Zaundraht hängen. 

Anderen Mut machen – auch deshalb hat sich „Eddy“ wieder auf den Extrem-Fußmarsch nach Kopenhagen begeben. Dort lebt einer seiner Söhne mit seiner Familie. Für seinen zweiten Wanderabschnitt mit seinem Spezialhandwagen und knapp 60 Kilogramm schwerer Campingausrüstung hat er sich vorgenommen: „Ich werde es etwas ruhiger angehen lassen.“

Im Internet-Netzwerk Facebook hat „Eddy“ Behrmann mittlerweile eine große Fan-Gemeinde – Menschen, die sein Reisetagebuch aufmerksam verfolgen und kommentieren. Über seinen ersten Reisetag 2018 schreibt der 68-Jährige: „Die Wasserflaschen sind voll, insgesamt habe ich sechs Liter Leitungswasser dabei, da komme ich gut mit über die Runden und notfalls langt es sogar für eine flüchtige Morgenwäsche.“

Doch schon am ersten Reisetag mit der 24 Kilometer langen Strecke sind die Bedingungen extrem: „Der Schweiß brennt in den Augen und die Beine werden auch schwer.“ Abends in seinem selbst aufgebauten Zelt wird es auch nicht besser: „Die Sonne brennt ohne Erbarmen, im Zelt ist es nicht auszuhalten, vor dem Zelt auch nicht, Schatten gibt es nirgends.“

Strapazen ohne Ende

Die Strapazen werden nicht weniger. So muss der 68-Jährige am nächsten Tag zwischen Bassen und Otterstedt die Treppe an einer Eisenbahnbrücke bewältigen – und dafür nicht nur seinen Wagen auspacken, sondern sechs mal 50 Stufen hoch und wieder 50 Stufen herunter gehen. Erst dann kann er mit dem wieder gepackten Wagen weiter ziehen.

Tage später erweist sich der Deich bei Wischhafen als tückisches Hindernis. Auf dem Binnendeich gerät sein Wanderwagen, deren Deichseln am Gürtel befestigt sind, in Schieflage – und kippt um. „Ich hing wie ein festgezurrter Gaul im Wagen und konnte mich nicht abkoppeln“, beschreibt „Eddy“ die Lage.

68-Jähriger erlebt viel Gastfreundschaft

Erst als er den Gurt löst, kann er wieder handeln – und muss wenig später das nächste Problem bewältigen: Auf der Deichkrone steht er vor einem Zaun, den nur Rucksackwanderer überwinden können. Der 68-Jährige löst das Problem auf seine Weise: „Kurz überlegt, Wagen ausgepackt, Fahnen und Deichseln abgenommen und dann den Wagen über den Zaun gehoben.“

Neun Tage trotzt der glückliche Rentner solchen Gegebenheiten sowie den allgegenwärtigen, lästigen Mücken und Bremsen. Es sind die Menschen auf seinem Weg, die ihn – großzügig und gastfreundlich – immer wieder überraschen. Das gilt nicht nur für seinen Sohn und dessen Familie in Ahlerstedt sowie einen ehemaligen Kollegen in Heeslingen. Sondern auch für die ihm völlig unbekannte Frau, die ihm anbietet, bei ihr und ihrem Ehemann im Garten sein Zelt aufzuschlagen. „Auch dieser Tag endet wieder schön, und die Menschen beweisen mal wieder, dass die Welt besser ist als viele glauben“, schreibt der 68-Jährige in sein virtuelles Tagebuch.

Eine Nacht in einer Gartenlaube

Gleich zwei Gastwirte geben ihm im Laufe der Reise die Erlaubnis, sein Zelt nahe des Hauses oder im Garten aufzubauen. Und dann ist da noch das Ehepaar, das plötzlich mit dem Auto neben seinem Handwagen hält – weil es den ungewöhnlichen Wanderer schon Tage zuvor zwischen Stade und Wischhafen gesehen hat. Es bietet ihm an, die Nacht in seiner Gartenlaube zu verbringen – obwohl es auf dem Weg zu einer Feier ist. Der 68-Jährige nimmt dankend an und hinterlässt am nächsten Morgen einen kleinen Gruß, bevor er zum Bahnhof Itzehoe wandert.

Zurück in Bruchhausen-Vilsen, genießt Edmund Behrmann erst einmal die Sommertage zu Hause mit seiner Frau Irmtraud. Die 69-Jährige wünscht sich für ihren Mann und den den zweiten Streckenteil nach Kopenhagen ab 13. August nur eines: „Dass er unterwegs Spaß und Freude hat – und dass er gesund wiederkommt.“

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