Viele Begegnungen führen zum Traualtar

Der Brokser Markt im Wandel der Zeit

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Wie sich die Zeiten ändern, verdeutlichen die Plakate des Brokser Heiratsmarkts. Eines von 1955 suchte Marktausschuss-Vorsitzender Hermann Hamann aus dem Archiv.

Br.-Vilsen - Von Horst Friedrichs. „Süßholz! Süßholz!“, rufen der kleine Heinrich und sein jüngerer Bruder Alfred aufgeregt und ungeduldig. „Vater, Vater, da, an dem Stande – da gibt es Süßholz. Bitte, bitte, kaufe es uns!“

Während sie ihren nur scheinbar widerstrebenden Vater zum Süßholzstand zerren, wissen die beiden Jungen doch genau, dass er ihnen ihre Bitte garantiert nicht abschlagen wird. Das hat er noch nie getan, und in diesem Jahr wird er es schon gar nicht tun. Denn er muss nie wieder an die Front, weil der Erste Weltkrieg gerade zu Ende gegangen ist. Da ist der Brokser Heiratsmarkt die beste Gelegenheit für den Vater, seine Söhne nach dem ersehnten Wiedersehen endlich einmal wieder richtig zu verwöhnen.

Der Brokser Markt im Wandel der Zeiten spiegelt auch die Genussansprüche der verschiedenen Generationen wider. Vor fast 100 Jahren, nachdem kurz zuvor noch jubelnd für den Kaiser in den Krieg gezogen wurde, kehren nun mit dem Frieden auch die Festtagsfreuden ins Leben der Menschen zurück. Gerade der Brokser Markt bietet für Väter und Söhne wie für Mütter und Töchter die denkbar beste Gelegenheit, das Leben endlich wieder in vollen Zügen zu genießen.

In Broksen und Umgebung könnte es während der Markttage nicht vollkommener sein. Während die Ehefrau am heimischen Herd das Essen für den großen und die beiden kleinen Marktheimkehrer bereitet, fiebern die zwei Letzteren darauf, endlich mit dem Raspeln der eingetüteten Süßholzwurzeln beginnen und die süße Leckerei genießen zu können. Aber Disziplin und Gehorsam müssen sein, auch wenn der Herr Papa keine Uniform mehr trägt und ihnen am liebsten alles erlauben würde. Doch für Strenge ist ja auch immer noch Frau Mutter zuständig, nachdem es ihr über die Kriegsjahre mit Bravour gelungen ist, die größer werdenden Kinder zu bändigen.

In ein paar Jahren werden sie sich sowieso nicht mehr mit dem Wurzelraspeln begnügen. Dann werden sie allein auf den Brokser Markt ziehen und das Süßholzraspeln im übertragenen Sinn, in seiner viel aufregenderen Form, üben. „Flirten“ heißt der neumodische Ausdruck dafür, erst im letzten Jahrhundert, dem 19., von den Engländern übernommen. Damals fing man auch an, den Brokser Markt „Brokser Heiratsmarkt“ zu nennen, weil dort mit so viel Erfolg Süßholz geraspelt wurde.

Auffällig viele Begegnungen und Bekanntschaften während der Markttage führten seinerzeit zum Gang vor den Traualtar. „Redakteur Otto Heinze vom Hoyaer Wochenblatt hat 1889 den Begriff ,Heiratsmarkt‘ geprägt“, berichtet Marktausschuss-Vorsitzender Hermann Hamann. „Das hat unser Heimatforscher Heinrich Bomhoff aus Bruchmühlen herausgefunden.“ In den Tausenden von Akten und Urkunden, die Hermann Hamann im Archiv des Luftkurorts, gleich neben dem Rathaus, verwaltet, fand die Namensgebung des Markts als kleines aber bedeutendes Detail ihren Niederschlag. Und fast täglich werden neue Papierberge angeliefert, die chronologisch korrekt eingeordnet werden wollen.

Versteht sich, dass der Heiratsmarkt dort, im Bruchhausen-Vilser Archiv, einen umfangreichen Platz einnimmt. Seit den ersten urkundlichen Erwähnungen als Viehmarkt und Bartholomäusmarkt im 17. Jahrhundert hat sich eine Menge verändert. Der Schauplatz des Geschehens indes – der Marktplatz – wurde in seiner heutigen Form bereits in den Jahren von 1870 bis 1880 festgelegt, mit dem Denkmal als zentralem Punkt.

Das süße Wurzelholz aus der Zeit vor 100 Jahren dürfte in Vergessenheit geraten sein – längst gefolgt von immer „modernen“ Süßigkeiten. Wie sich auf dem Imbisssektor der Wandel von der Bratwurst zum Döner vollzog, änderten sich beim Publikum auch die Vorlieben bei den Getränken und nicht zuletzt bei der Musik. „Nachdem es in früheren Zeiten fast ausschließlich Blasmusik gegeben hatte, änderte sich auch das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, sagt Hermann Hamann. „Mit den damals berühmten ,Blue Birds‘ wurde auf dem Brokser Markt die Ära der modernen Unterhaltungsmusik eingeläutet.

Getanzt wurde immer – schon in den frühen Zeiten auf drei Sälen und in verschiedenen Festzelten. Die vier Gaststätten rund um den Marktplatz – Bormann, Peters, Mügge und Horstmann – waren ebenfalls Fixpunkte über die Zeitenwenden hinweg. Und der Markt wuchs immer mehr: Wurden 1960 noch 150 Beschicker gezählt, ist deren Zahl 2015 bereits auf 550 angewachsen. War in den 1960er-Jahren noch der Zirkus Busch eine der Hauptattraktionen des Brokser Markts, so ist die Zirkusluft inzwischen vollständig aus dem Marktgeschehen rund ums Denkmal verschwunden.

Im Lauf der Jahre wurde die Dauer des Heiratsmarkts nach und nach auf die heutigen fünf Tage erweitert. Den Heiratsvermittler gibt es seit 1984. Viele Prominente, berichtet Hermann Hamann, haben sich für dieses Amt zur Verfügung gestellt. In diesem Jahr – heute um 15 Uhr am Denkmal – wird sich Willi Lemke die Insignien des Heiratsvermittlers anlegen lassen.

www.broksermarkt.de

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