Himmel, Kranz, Herzen – alles verbrannt

Remmer-Zelt vom Brokser Heiratsmarkt: Großbrand zerstört komplette Ausstattung

Ein Feuer zerstört einen Komplex aus Lagerhallen im Syker Gewerbegebiet. Mieter dort ist unter anderem Familie Stoffregen. Die Betreiber des Remmer-Zelts beim Brokser Heiratsmarkt verlieren die komplette Ausstattung des Kult-Treffpunkts.

Br.-Vilsen/Syke – Mit dem Bierkrug in der Hand auf den Tischen tanzen. Mit dem Herzaufkleber auf der Brust jedem zeigen, ich war schon da. Sich unter dem blau-weißen Stoff-Himmel zum ersten Mal küssen und das Prosit-Gegröle um einen herum wie zuckersüßen Geigenklang wahrnehmen – Gänsehautmomente. Möglich machen sie Malte und Uwe Stoffregen mit ihrem Remmer-Zelt beim Brokser Heiratsmarkt.

„Nichts ist übrig, gar nichts.“ Himmel, Kranz, Herzen – alles verbrannt beim Großfeuer in einem Syker Lagerhallenkomplex. „Montagabend habe ich geweint“, sagt Uwe Stoffregen.

Mit 60 Quadratmetern hat der Gastronom auf dem Gelände des ehemaligen Weser-Feinkost-Komplexes an der Syker Industriestraße einen denkbar kleinen Teil dessen gemietet, was am Montag innerhalb von Stunden zerstört wurde. Und doch alles verloren. „Dort lagerte die komplette Ausstattung des Remmer-Zelts“, bestätigt er, was sich bis Donnerstag zunächst als Gerücht bis Bruchhausen-Vilsen rumgesprochen hatte.

Remmer-Zelt: Alles an Dekoration verbrannt

„Es läuft mir eiskalt den Rücken runter“, versucht er in Worte zu fassen, was er fühlte, als er die Ruine mit seinem Sohn und Nachfolger Malte beim Termin mit der Versicherung betrat. Nur das Stahlgerüst ist vom Rollcontainer geblieben, in dem das Herz des Remmer-Zelts lagerte. So wörtlich wie bildlich gemeint. „Das“ Herz gehört seit Jahr und Tag zu dem Kranz, der in der Zeltmitte von der Decke hängt, der Decke, die Stoffregen mit Stoffbahnen in einen blau-weißen Himmel verwandelt, und der die Atmosphäre in diesem Festzelt so wesentlich bestimmt. „Alles weg“, sagt er tonlos.

Getriebe, Reinigungsmittel, Akten, Maschinen, Planen – was in den Hallen auf dem ehemaligen Weser-Feinkost-Gelände in Syke lagerte, ist nicht einmal mehr zu erkennen. In diesem Raum war es die komplette Dekoration des Remmer-Zelts von Uwe und Malte Stoffregen.

Wer Uwe Stoffregen kennt, muss überlegen, wann er ihn zuletzt sprachlos erlebt hat. Mit seinen Gästen auf Du, immer ein freundliches Lächeln für jeden, prägt er die Erlebnisgastronomie beim Heiratsmarkt. Er lässt einen bayerischen Sommerhimmel mit weißen Wölkchen nähen, um seinen Gästen die perfekte Illusion zu bieten. Seit Jahren ist es Usus, sich für eine Sause auf dem Remmer-Zelt mit Dirndl und Karohemd zu kleiden. Uwe und Malte Stoffregen bieten den Rahmen, ihre Gäste füllen ihn mit feucht-fröhlichem, sorgenfreiem Leben: Feiern wie in Bayern, jedenfalls wie der Norddeutsche es sich vorstellt, das macht das Remmer-Zelt zum Kult-Zelt.

Totalschaden nach Großbrand

„Es wird wieder. Genauso.“ Während sich der Brandgeruch aus der Luft im Industriegebiet noch nicht verzogen hat, steht für Vater und Sohn fest: „Wir bauen das Remmer-Zelt wieder auf, ohne große Veränderungen.“ Bierkutscher und Fachwerkhaus, die Motive der Planen, die vergessen lassen, dass man in einem beliebigen Festzelt sitzt, sind als Datei vorhanden. Von den Planen ist kein Fetzen übrig, die Daten aber sind gesichert. „Aber wo bekomme ich einen Himmel her?“ Diese Frage lässt Uwe Stoffregen nachts nicht schlafen. Neben all den Fragen, die es nach diesem Totalschaden so dringend zu klären gibt.

Uwe und Malte Stoffregen haben die vollständige Dekoration des 1500 Quadratmeter großen Remmer-Areals verloren. Auch die Gartenmöbel ihrer Gaststätte „Hansa-Haus“ in Syke überwinterten an der Industriestraße. „Und der grüne Teppich, den wir für die WM draußen liegen hatten. 300 Quadratmeter Kunstrasen“, fällt Uwe Stoffregen ein, während er berichtet. „Aber wichtig ist, dass niemandem etwas passiert ist“, richtet er den Blick auf das große Ganze. Er denkt an seine Nachbarn in diesem Komplex, Firmen, die alles verloren haben, die jetzt nicht wissen, wohin. „Wir sind das kleinste Rad in diesem Getriebe“, sagt er. Dankbar. „Man muss das positiv sehen“, betont er. Wiederholt es. Es zu tun, fällt noch schwer.

Das Kultzelt beim Brokser Heiratsmarkt

Das Hansa-Haus darf seit November keine Gäste empfangen. Wann es wieder öffnen darf, dazu gibt es nur einmal vage Vorstellungen. „Im Mai vielleicht“, vermutet Malte Stoffregen. Ob der Brokser Heiratsmarkt stattfinden kann? Auch das ist eine ungeklärte Frage. Mit jedem Tag, an dem das Impfen nicht vorangeht, an dem die Infektionszahlen steigen und das Virus mutiert, schwindet die Hoffnung, im August unbeschwert feiern zu können. „Einen Brokser Markt wie 2019 wird es in keinem Fall geben“, steht für Uwe Stoffregen fest. Und das nicht, weil es die Remmer-Zelt-Dekoration nicht mehr gibt.

3000 Menschen in einem Zelt, die 13-köpfige Blaskapelle auf der Bühne, jeder ein Bier in der Hand – „wie soll das mit Corona gehen?“ Sein Tonfall liefert bereits die Antwort: Maskenpflicht im Remmer-Zelt: Das. Geht. Nicht.

Gänsehautmomente im Remmer-Zelt unter blau-weißem Wölkchenhimmel.

Nicht erst seit Montag, als alles in Flammen aufging, beschäftigen sich Uwe und Malte Stoffregen mit einer Alternative. So etwas wie ein Zirkuszelt, deutlich kleiner als das Remmer-Zelt, dafür mit großem Außenbereich. „Einen Kräusen-Garten“, sagt er. Und eine Heiratsbräu-Theke. Seine Hausmarke „Heiratsbräu“ gibt es 2021 seit 30 Jahren. Biergarten statt Bierzelt. „Wenn so etwas wie der Brokser Markt stattfinden kann, möchten wir dabei sein“, steht für Uwe Stoffregen fest.

Remmer-Zelt: Wiederaufbau geplant

So etwas wie. Bruchhausen-Vilsen zögert den Zeitpunkt noch hinaus, über ein Ja oder Nein zum Heiratsmarkt entscheiden zu müssen. „Es kann nicht so sein wie 2019“, steht für Gemeindedirektor Bernd Bormann fest. Bis zu 400 000 Besucher, Geschiebe und Gedränge zwischen Pött und Pann, Arm in Arm in ausgelassener Feierstimmung in den Festzelten – selbst ewige Optimisten müssen sehen, so etwas kann es im Sommer 2021 nicht geben. Auch wenn 2020 die Parole hieß: Nächstes Jahr holen wir alles nach und feiern umso größer. „Das wäre unverantwortbar“, meint Uwe Stoffregen, einer, der mit dem Markt gutes Geld verdient.

Anhand von Fotos rekonstruieren Malte (links) und Uwe Stoffregen die Ausstattung des Remmer-Zelts.

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, weil der Kopf auch beim Anblick der Trümmer nicht begreifen will. So stand Uwe Stoffregen am Mittwoch da, wo am Montagvormittag noch das Herz des Remmer-Zelts auf den nächsten Einsatz wartete. In 154 Tagen soll es losgehen, zeigt der Countdown auf www.brokser-heiratsmarkt.de heute. „Könnte es ein Remmer-Zelt geben, wir hätten bis August alles neu angeschafft.“ Für Uwe Stoffregen gibt es dazu kein Wenn und kein Aber.

Mit dem Bierkrug in der Hand auf den Tischen tanzen. Mit dem Herzaufkleber auf der Brust jedem zeigen, ich war schon da. Sich unter dem blau-weißen Stoff-Himmel innig küssen und das Prosit-Gegröle um sich herum wie zuckersüßen Geigenklang wahrnehmen – Gänsehautmomente. Und Vorfreude. Irgendwann wird Bruchhausen-Vilsen wieder feiern. Auch im Remmer-Zelt.

Rubriklistenbild: © Heinfried Husmann

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