Die Bluttaten am Jahresende haben Asendorf verunsichert

Im Dunkeln kommen die Blumen

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Einige Bürger haben Blumen und Lichter vor dem Haus in Asendorf abgelegt, in dem nach Polizeiangaben ein 32-Jähriger seine 55-jährige Mutter mit einem Messer tötete, seinen Vater (57) verletzte und einen Brand legte.

Asendorf - Von Mareike Hahn. Das Haus an der Alten Heerstraße in Asendorf liegt im Schatten. Der Himmel ist wolkenverhangen, einige Jalousien sind heruntergezogen, hinter den Fenstern brennt kein Licht. Eine Gruppe Spaziergänger nähert sich. Ihr Ton ist fröhlich plaudernd. Erst als sie fast an dem Gebäude vorbeigegangen sind, ändert sich die Stimmung.

Ein älterer Mann mit Spazierstock bleibt vor dem roten Klinkerbau stehen. Sein Blick fällt auf die Blumen und Grablichter vor dem Eingang. Einen Moment lang steht er einfach nur still da und guckt. „Wie kann man nur seine Mutter umbringen?“, fragt er und schüttelt den Kopf. Dann geht er weiter.

Die Tragödie, die sich vor einer Woche, in der Nacht des 27. Dezembers, abgespielt hat, ist auch in den ersten grauen Tagen des neuen Jahrs in den Köpfen präsent. Die Blumen und Lichter sind Ausdruck der Anteilnahme. Wahrscheinlich haben Freunde oder Bekannte sie vor dem Haus abgelegt. „Ich vermute, dass sie sie im Dunkeln hierher gebracht haben“, sagt Bürgermeister Heinfried Kabbert. Einem Angehörigen wollen die Menschen lieber nicht begegnen. Denn welche Worte können einen Vater trösten, dessen Sohn seine eigene Mutter getötet hat? Das weiß in Asendorf keiner.

In dem Haus hat nach Polizeiangaben ein 32-Jähriger seine 55-jährige Mutter mit einem Messer umgebracht, seinen Vater (57) verletzt und einen Brand gelegt. Er starb an einer Rauchgasvergiftung. Das Motiv ist laut Polizei unklar.

Familiendrama in Asendorf

Das Unglück hat die 3000-Einwohner-Gemeinde am Jahresende gleich doppelt heimgesucht. Nur fünf Tage vor dem Familiendrama an der Alten Heerstraße gab es im Ortsteil Hohenmoor einen Streit mit tödlichem Ausgang. Am Abend des 22. Dezembers verletzte ein alkoholisierter33-Jähriger einen 82-Jährigen so schwer, dass dieser starb.Der 62 Jahre alte Bruder des Opfers wurde von dem Besucher ebenfalls attackiert und schwebte zunächst in Lebensgefahr.

Streit in Asendorf endet tödlich

„Wenn es bisher anderswo eine Bluttat gab, hat man das gelesen und ist zum Tagesgeschäft zurückgekehrt. Es war immer weit weg“, sagt Kabbert. „Aber das hier ist hautnah.“ Den Vater aus der Alten Heerstraße, einen fähigen Metallbauer, kenne man in Asendorf. Und die Hohenmoorer Brüder seien in ihrem Ortsteil ebenfalls bekannt. Da wird einem bewusst, dass niemand „vor so etwas gefeit ist“. Diese Erkenntnis beunruhigt.

Wenn eine Sirene aufheult, zuckt Kabbert zusammen. Vor dem 27. Dezember war das nicht so. Am Abend der zweiten Katastrophe, irgendwann nach 22 Uhr, fuhr er auf dem Rad von einer Geburtstagsfeier im Asendorfer Ortskern nach Hause. Rettungs- und Polizeiwagen mit Blaulicht kamen ihm entgegen. „Ich hab nicht dran gedacht, dass wieder so etwas Schlimmes passiert sein könnte. Ich hatte eher im Sinn, dass vielleicht jemand verfrüht Silvesterknaller gezündet hat.“ Die Wahrheit erfuhr Kabbert am nächsten Morgen „durch die Presse“.

Auch Ortsbrandmeister Frank Ahlers spürt diese Unsicherheit. Nach beiden Bluttaten war die Asendorfer Feuerwehr vor Ort. Als sie Silvester wieder alarmiert wurde, dachte Ahlers: „Hoffentlich nicht schon wieder.“ Aber es sei nun mal die Aufgabe der Feuerwehr, in Notfällen zu helfen.

Beim ersten Vorfall in Hohenmoor musste sie das Gelände für die Polizei ausleuchten, blieb aber außerhalb des Gebäudes. Nach dem Familiendrama an der Alten Heerstraße, der Bundesstraße 6, mussten die Feuerwehrleute den Zimmerbrand löschen. Silvester war es nur ein brennender Baum – endlich mal wieder ein Routineeinsatz.

„Man hat das Thema noch im Kopf, und man wird darauf angesprochen“, sagt Ahlers. Seelsorge sei nicht nötig gewesen. Weitermachen. Natürlich habe man mitbekommen, was passiert sei, ein paar Feuerwehrleute hätten auch die Leiche des 32-jährigen Sohns gesehen, manche hätten die Hohenmoorer Brüder persönlich gekannt. „Das ist schon schlimm“, sagt Ahlers. „Aber die Belastung ist zum Beispiel nicht mit der nach einem schweren Verkehrsunfall zu vergleichen.“

Die Todesfälle haben Asendorf über Nacht bekannt gemacht. Neben den regionalen Zeitungen riefen die Deutsche Presse-Agentur und die Bild-Zeitung bei Kabbert an. „Ein Reporter hat gefragt, ob Asendorf jetzt zum Totendorf wird“, sagt der Bürgermeister. Der Ort habe so viel Schönes zu bieten: Die Kirche, den Museumsbahnhof, das Automuseum beispielsweise. Aber um die Gemeinde bekannt zu machen, müssen erst drei Leichen her.

Anders als den Journalisten muss Kabbert den Menschen in Asendorf nichts erklären. Man kennt sich. Neuigkeiten machen schnell die Runde. Gerüchte noch schneller. Nachdem in einem Zeitungsartikel nach der Familientragödie ein Arzt der Psychiatrie in Twistringen zu Wort gekommen ist, mutmaßen einige, der Täter sei sicher dort schon behandelt worden. Dem widerspricht Kabbert. Hinweise auf psychische Probleme oder Klinikaufenthalte gebe es seines Wissens nicht.

Ob die Hintergründe der beiden Taten jemals vollständig geklärt werden können, scheint fraglich. „Das hängt ein bisschen davon ab, was die Angehörigen preisgeben. Natürlich ist das ihre Privatsache, aber sie könnten die ,Stille Post' ein bisschen beruhigen.“ Kabbert überlegt kurz. „Wobei die sich auch von selbst beruhigen wird. Die Zeit heilt alle Wunden.“ Die Dorfgemeinschaft werde die überlebenden Opfer sicher mit offenen Armen wieder aufnehmen, wenn die das denn wollen.

Sensationsgier hat der Bürgermeister bei den Einwohnern nicht erlebt. Aber sicher haben ein paar in den vergangenen Tagen den einen oder anderen Spaziergang mehr gemacht – an die Orte des Schreckens. Und hinter vorgehaltener Hand erzählt manch ein Bürger Witze wie „So was passiert nur auf der einen Seite der Bundesstraße 6“ oder „Stirbt Asendorf jetzt aus?“.

Weihnachten und Silvester haben die Menschen in Asendorf auch unter dem Eindruck der Todesfälle ganz normal gefeiert, bei einigen Partys wurden die Tragödien gar nicht erst thematisiert. Doch spätestens am Ort des Geschehens drängt sich die Erinnerung zurück ins Bewusstsein. So wie bei dem Mann mit dem Spazierstock, den die Blumen und Grablichter kurz zum Innehalten gebracht haben. Kabbert ist sicher: „Wenn er auf dem Rückweg hier erneut vorbeikommt, wird er wieder stehen bleiben.“ Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

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