Ein Besuch bei einer Theaterwerkstatt

Der Poet an der Straße

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Schauspieler Erwing Rau

Hollen - Von Philipp Schockenhoff. Erwing Rau sitzt an einem Tisch in seinem Theaterrestaurant „Kastanie“ in Martfeld-Hollen, vor ihm liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Ab und zu schreibt er etwas in das Buch, dessen Ecken stark abgenutzt sind. Dann fängt er plötzlich an, mit ruhiger Stimme und mit vielen Gesten eine Geschichte zu erzählen, darüber, wie er einmal von der Polizei angehalten wurde. Die Teilnehmer von Erwing Raus Theaterwerkstatt hören beeindruckt zu. Einer von ihnen bezeichnet den Schauspieler als „Poet an der Straße“.

In seiner Theaterwerkstatt möchte Rau den Teilnehmern beibringen, wie sie ihre Körperrhetorik – „die vielen Dinge, die wir gerne mal vergessen“ – und ihr Selbstbewusstsein stärken und wie sie ihre Stimme besser und anders einsetzen können. Ziel ist, dass eine ganze Bühnenshow entsteht. Die Frauen und Männer entwickeln bei ihren wöchentlichen Treffen zusammen einzelne Geschichten, die schließlich in einer Erzählwerkstatt zu einer großen Story verwoben werden sollen. „Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht schreiben wir dann auch einfach doch was anderes“, sagt Erwing Rau und lächelt gelassen. Er mag Überraschungen.

Der Schauspieler, die acht Teilnehmer des Seminars und ich stehen in einem Kreis. In einer Art Singsang sagen wir „Im Keller spukt‘s schneller“. Immer wieder. Rau fuchtelt mit seinen Händen in der Luft herum, er will, dass sich jemand in die Mitte des Kreises bewegt. Wenn eine Person seiner Aufforderung nachkommt, machen wir anderen Platz und hören kurz auf zu singen, damit derjenige dem Lied eine neue Strophe hinzufügen kann. Der Text wird also immer länger, gleichzeitig wird der Satz „Im Keller spukt‘s schneller“ immer wieder eingefügt. Und so entsteht binnen Minuten eine absurde Geschichte vom Teufel, der mit einer Katze kämpft.

Bevor es im Keller spukte, haben wir Atemübungen gemacht. Falls uns jemand dabei gesehen haben sollte, wirkte es sicher schräg, wie wir unsere Körper mit verschiedenen Bewegungen gelockert haben. Aber tatsächlich erfüllen die Übungen ihren Zweck, wir achten danach genauer auf unsere Körper und reagieren spontaner auf Erwing Raus Aufforderungen.

Der Schauspieler wirkt sehr entspannt. Dennoch kann er von einem Moment auf den anderen plötzlich eine leidenschaftliche, energiegeladene Figur verkörpern – um im nächsten Augenblick wieder ganz ruhig zu sein. Die Teilnehmer der Theaterwerkstatt wollen das auch hinkriegen. Rau motiviert sie, indem er mal lobt und sie dann wieder energisch bittet, bestimmte, unwichtige Elemente einer entstehenden Story durch neue Ideen zu ersetzen. Kritik verpackt er in ungewöhnliche, aber irgendwie auch nette Worte: „Mach dir keine Sorgen, du wirst schön leiden, aber das ist schön.“

Erwing Rau gibt sein Wissen gerne weiter und führt Neulinge ans Erzählen und Schauspielen heran. „Mir könnte es nicht mehr Spaß machen“, sagt er. Die Teilnehmer nicken zustimmend – und das wirkt nun alles andere als gespielt.

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