Im Begegnungscafé in Bruchhausen kommen Bürger und Flüchtlinge zusammen

Sprache ist nebensächlich, wenn man das Gleiche will

+
Artemisa Myftari (links) bangt gemeinsam mit ihren Eltern. Die Familie aus Albanien fürchtet, bald abgeschoben zu werden.

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. Es wird gelacht, Kuchen gegessen, Kaffee getrunken und geredet. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch, mal mit Händen und Füßen – aber irgendwie versteht man sich immer. Das wissen die Besucher des Begegnungscafés „Zusammenwachsen“, das vom Kirchenvorstand Bruchhausen schon zum dritten Mal vorbereitet wurde, und kommen gern. „Es gefällt uns sehr gut hier“, sagt Shaziba Mubarik aus Pakistan. „Die Leute sind alle sehr freundlich.“ Die 13-Jährige übersetzt oft für ihre Eltern, obwohl auch die in ihren Deutsch-Kursen bereits viel gelernt haben. Seit es die Begegnungscafés gibt, geht die sechsköpfige Familie, die seit sieben Monaten in Deutschland lebt, hin, um neue Leute kennenzulernen und Bekannte zu treffen.

Genauso haben sich das die Organisatoren gewünscht. „Zu diesen Treffen sind Flüchtlinge und Anwohner eingeladen. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen und einfach einen schönen Nachmittag zusammen verleben“, erläutert Gunda Manke vom Verein „Lebenswege begleiten“, der die Flüchtlingshilfe koordiniert. Das Angebot werde gut angenommen. „Wir hoffen, dass sich auf diesem Wege auch Patenschaften entwickeln.“ Die „Paten“ unterstützen die Asylbegleiter und stehen den Flüchtlingsfamilien im Alltag zur Seite.

So wie Sigrid Köster. Sie ist am heutigen Donnerstag ins Gemeindehaus gekommen, um ihre „Familie“ zu sehen. „Sie ist unsere deutsche Großmutter“, sagt Achmad Mubarik, der Vater von Shaziba, und lächelt, während er der 88-Jährigen den Arm um die Schultern legt. Überhaupt gibt es viele Berührungen zwischen den Gästen. Hände werden gedrückt, Schultern gestreichelt. So kann man Nähe und Zusammengehörigkeit zeigen, auch wenn die passenden Worte fehlen.

Achmad Mubarik ist froh, dass er, seine Frau und seine Kinder nach Deutschland kommen durften. In ihrem Heimatland haben sie unter dem Terror der Taliban gelitten. „Wenn ich meine Kinder in die Schule geschickt habe, wusste ich nicht, ob ich sie wieder sehe.“ Seine Tochter zeigt ein Video auf ihrem Handy, in dem ein Anschlag auf eine Moschee zu sehen ist. Blutige Körper werden von Helfern über die Straßen getragen. „Dabei sind viele meiner Angehörigen gestorben“, sagt Achmad Mubarik bedrückt. In Bruchhausen-Vilsen können die Pakistani nun endlich aufatmen und ihre Religion leben, ohne Angst um ihr Leben haben zu müssen.

Am Nachbartisch wird gerade kreativ gearbeitet. Mohammed Watar aus Syrien malt mit seinen kleinen Töchtern ein paar Bilder aus und unterhält sich nebenbei mit Ratsherr Dietrich Wimmer. Beide Männer kommen regelmäßig mit ihren Frauen zum Begegnungscafé. „Ich kann sogar schon einige Worte auf Syrisch“, sagt Wimmer lachend und zählt ein paar Begrüßungsformeln auf. Dafür gibt es von Watar und den beiden Mädchen spontan Applaus.

Man spürt, dass die Besucher des Cafés schon zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen sind. Eine Gemeinschaft, in der nicht nur zusammen gelacht wird, sondern in der man sich auch gegenseitig in schweren Zeiten Trost spendet. Unterstützung, die die Familie von Artemisa Myftari im Moment dringend braucht. Zwei Jahre lang leben die Albaner nun schon in Deutschland und sind gut integriert. Nun droht ihnen die Abschiebung. „Die Kinder sind alle fleißige Schüler und sprechen sehr gut Deutsch“, sagt Gunda Manke sichtlich bewegt. „Was hier passiert, ist furchtbar.“ Es sei bereits eine große Unterschriftenaktion von Nachbarn, Freunden und Schulkameraden gestartet worden. Die Familie sei herzlich, gastfreundlich und deswegen sehr beliebt. Der Vater helfe oft in der Fahrradwerkstatt des Vereins „Lebenswege begleiten“ mit.

Die 14-jährige Artemisa hat Angst, wenn sie an die mögliche Rückkehr in ihre Heimat denkt. „Meine Schwester ist auf dem Schulweg mal von einem Mann mit einer Waffe bedroht worden. Mein Onkel wurde getötet.“ In den Augen des Mädchens glitzern Tränen. Artemisa möchte in Deutschland bleiben und Erzieherin werden, weil sie Kinder so gern hat. Auch Mutter und Vater sind am Ende mit ihren Nerven. „Sie saßen beide schon im Deutschunterricht und haben geweint“, sagt Manke. Sie leidet mit der Familie Myftari, die drei Töchter und einen kleinen Sohn hat.

Der Vierjährige versteht noch nicht, welches Schicksal ihm droht. Er sitzt mit dem Kind einer Anwohnerin einträchtig zusammen und spielt mit einer Holzeisenbahn. Gesprochen wird nicht. Muss auch nicht, wenn man konzentriert Schienenteile ineinander schiebt und die Züge fahren lässt. Und wenn mal ein Teil fehlt, kann man dem anderen schon verständlich machen, was man haben möchte. Die Kleinen beweisen: Sprache und Kultur sind nebensächlich, so lange man das Gleiche will.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Meistgelesene Artikel

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Weyhe nimmt‘s locker mit „Singing in the rain“

Weyhe nimmt‘s locker mit „Singing in the rain“

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Kommentare