Eineinhalb Stunden als Archäologe

Autor Jannick Ripking hilft bei den Ausgrabungen am Heiligenberg

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Heiligenberg – Ich setze mich in mein Auto, um zum Heiligenberg zu fahren. Ich will bei den derzeit laufenden archäologischen Ausgrabungen helfen. Ich möchte erfahren, wie schwer die körperliche Arbeit ist, um an Erkenntnisse über eine längst vergangene Zeit zu gelangen. Am Ausgrabungsort angekommen, erwartet mich eine sechsköpfige Truppe. Drei Studenten und drei freiwillige Helfer.

Timo, ein junger Mann mit dichtem rotem Bart, geht auf mich zu und begrüßt mich. Timo studiert Mittelalter-Archäologie in Halle und ist für die technische Leitung der Ausgrabung verantwortlich. Er sagt lächelnd: „Ich habe den Auftrag bekommen, dass du heute voll mitarbeiten sollst.“ Ich schaue in den Himmel, es ist bewölkt und auch nicht unerträglich warm. „So schlimm kann es ja nicht werden“, denke ich und hoffe, direkt loslegen zu dürfen. Kurz und schmerzlos, ohne lange ins Grübeln kommen zu können.

Doch ganz so schnell komme ich nicht an Spaten und Schaufel. Zuerst erfahre ich von Timo allerhand über die archäologische Arbeit und historischen Hintergründe zum Heiligenberg. Während er mit mir spricht, fällt mir auf, dass er für das, was er dort macht, brennt. Dennoch strahlt er Ruhe und Kompetenz aus. Und mir wird so langsam klar, dass archäologische Ausgrabungen sehr viel technischer sind als ein Laie wie ich es bin vermuten könnte. „Archäologie ist eine Wissenschaft, die zerstört“, erklärt Timo. Um die Ergebnisse der Ausgrabung auch für Personen greifbar und verständlich zu machen, die nicht direkt beteiligt waren, dokumentieren die Studierenden alles mit Fotos. Sie legen Maßbänder aus und benutzen ein Prisma, um zentimetergenaue Daten über die Ausgrabung zu erhalten. Später erstellen sie auch noch Profilzeichnungen.

Dann endlich darf ich mithelfen. Ich nehme einen Spaten in die Hand und trete in die Ausgrabungsgfläche. „Wir graben nach Schichten“, meint Timo zu mir. Stur jeweils 30 Zentimeter abtragen, schauen, was wir finden und dann wieder 30 Zentimeter buddeln, sei nicht zielführend. Timo zeigt auf ein Stück Vlies, das im Boden steckt. „Das ist vom Bau des Hauses, das 2011 hier gebaut wurde, übrig geblieben“, sagt er. Alles, was oberhalb dieses Stücks liege, sei archäologisch von geringer Relevanz. „Wir haben aber jetzt eine interessante Schicht erreicht. Es zeichnen sich erste Ergebnisse ab“, sagt er in seiner besonnenen und sortierten Art. Er geht davon aus, dass sie am Ende der Grabung Näheres über eine Fachwerk- Scheune für die klösterliche Nutzung wissen werden.

Neben mir stehen die Helfer Christiane Wimmer aus Vilsen und Bernd tom Suden aus Hassel. Wir beginnen mit Schaufel und Spaten die nächste Erdschicht abzutragen. Die Sonne kommt zwischen den Wolken hervor, und in kurzer Zeit stehen mir die ersten Schweißtropfen auf der Stirn. Bernd lächelt und sagt: „Das ist eine andere Arbeit als gewöhnlich.“

Ich möchte von den beiden wissen, was ihr Antrieb ist, mitzuhelfen. Christiane antwortet: „Körperlich ist es anstrengend, aber es macht einfach Spaß.“ Zumal beide eine gewisse Schatzsucher-Mentalität gepackt hat, gibt Bernd tom Suden zu. „Man hofft natürlich auch immer, etwas Spektakuläres zu finden“, ergänzt Christiane Wimmer lachend.

Und auch mich hat dieser Antrieb gepackt. Ich will etwas von Relevanz finden. Spatenstich um Spatenstich schaue ich ganz genau, ob ich im Boden etwas Auffälliges entdecke. Aber meistens sind es nur Nägel, Backstein- oder Tontaubenfragmente und Patronenhülsen. „Davon finden wir hier eine Menge“, sagt Timo. Das Gelände am Heiligenberg wurde früher auch als Schießanlage genutzt. Wenn man es darauf anlegen wollte, könnte man durch die Ausgrabung auch genau bestimmen, in welchem Zeitraum die Tontauben abgeschossen wurden.

Mit der Zeit blende ich die schweißtreibende Buddelei mehr und mehr aus, weil ich endlich etwas Spannenderes als Steine oder Nägel finden will. Auf einmal erspähe ich im ansonsten braunen Boden etwas Weißes. Ich habe etwas gefunden! Ich greife in die Erde und hebe das kleine, weiße Ding auf. Es ist hart und glänzt ein wenig. Christiane kommt dazu und begutachtet es auch. „Ich glaube, das ist ein Teil aus Ton. Vielleicht von einer Vase“, meint sie. Zur Sicherheit schaut Timo auch noch einmal drauf. „Ja, das ist ein Tonfragment.“

Auf die Begeisterung folgt die Ernüchterung. Mein „spektakulärer“ Fund kommt zu all den anderen „spektakulären“ Dingen wie Glasscherben, Kronkorken oder Plastikteilen. Aber ich verstehe jetzt, wieso man freiwillig an einer Grabung teilnimmt: Der Schatzsucher in mir hat Blut geleckt.

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