Rundgang durch die Ausstellung

Künstlerinnen plaudern aus dem Nähkästchen: Das steckt hinter ihren Werken

Sie vereinen ihre Werke in der Ausstellung „Temperamente“: Die Arbeiten von Hella von Beckerath (links) und Gisela Wiechmann sind zwar völlig unterschiedlich, finden jedoch durch gemeinsame Formen und Farben zusammen.
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Sie vereinen ihre Werke in der Ausstellung „Temperamente“: Die Arbeiten von Hella von Beckerath (links) und Gisela Wiechmann sind zwar völlig unterschiedlich, finden jedoch durch gemeinsame Formen und Farben zusammen.

Br.-Vilsen – Gedanken, Gefühle und Eindrücke vereint in einem Kunstwerk ausgedrückt –  genau das ist ihr Ding. Gisela Wiechmann und Hella von Beckerath kennen sich schon lange. Sie verbindet die Leidenschaft zur Kunst. Und auch die aktuell schwierige Zeit hat sie nicht davon abgehalten, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Ganz im Gegenteil: Die Situation rund um das Coronavirus bot ihnen viele neue Eindrücke, die sich nun in einigen ihrer Werke widerspiegeln.

„Sicherlich können sich Betrachter in einzelnen Stücken selbst wiederfinden“, ist sich Gisela Wiechmann sicher.

Doch die Werke live und in Farbe zu genießen, das bleibt Gästen aktuell verwehrt. Denn die Ausstellung unter dem Titel „Temperamente“ verbirgt sich noch bis zum 10. März hinter den undurchdringlichen Mauern des Rathauses in Bruchhausen-Vilsen – und dort darf coronabedingt derzeit niemand hinein. Auch die Vernissage, bei der die Frauen normalerweise ihre Kunst vorstellen und aus dem Nähkästchen plaudern, blieb aus. Bei einem exklusiven Rundgang verraten sie jetzt jedoch, wie sie künstlerisch zueinanderfanden, was sie inspiriert und was für Gedanken und Gefühle hinter einzelnen Werke stecken.

Menschen von der Straße: Gisela Wiechmann verarbeitet in ihren Figuren Gesehenes. Aber auch persönliche Empfindungen und Eindrücke spielen bei ihrer Arbeit eine Rolle.

Bereits seit den 80er-Jahren mischen die heute 64-Jährigen die Kunstszene auf. So richtig los ging es für die beiden nach ihrer Ausbildung zur Schauwerbegestalterin und Schaufenstergestalterin. Anschließend setzte Hella von Beckerath noch ein Studium in Grafik-Design oben drauf, während Gisela Wiechmann an vielen Workshops teilnahm und ihren künstlerischen Schwerpunkt auf menschliche Figuren legte.

„Ich greife dafür beispielsweise Personen auf, die ich auf der Straße treffe. Die sind meistens nicht naturalistisch geprägt, sondern weisen auch karikaturistische Merkmale auf“, erklärt die Bassumerin. Genau solche Exemplare stehen auch im Rathaus. Viele von ihnen sind mit zahlreichen Einkaufstüten überladen. „Im vergangenen Jahr, als Restaurants, Kinos und der Einzelhandel geschlossen hatten, haben sich die Menschen in den Lebensmittelläden getummelt“, verrät Wiechmann ihre Inspirationsquelle. Eine andere Papierfigur steht hingegen eingeengt in einer Ecke.

Künstlerin Hella von Beckerath nutzt für ihre Werke Texte von Hildegard von Bingen.

„Anfang 2020, als das neuartige Virus auftrat, waren alle etwas erstarrt, hatten Angst und fühlten sich in eine Ecke gedrängt“, sagt sie zu den Hintergründen ihres Werks. Weiter geht es zu der „Frau in Grau“. Sie streckt die Arme in die Luft und hat ein Tuch um die Augen gebunden. Diese Figur stehe für Freiheit sowie den Himmel, der an einigen Tagen im Jahr 2020 „wunderschön blau war“ und dem man sich entgegenstrecken wollte. „Hinzu kam aber auch, dass ich am liebsten nichts hören und sehen wollte von dem, was gerade passierte“, so die Künstlerin.

Für Gisela Wiechmann ist ihre Arbeit eine Art Flucht vor der Realität. Wenn sie an ihren Figuren arbeite, tauche sie ganz in diesen Menschen ein. „Es ist pure Entspannung für mich“, sagt sie.

Nicht jede ihrer Figuren trage einen Namen, und auch nicht hinter jedem Werk stecke ein tieferer Sinn. „Einiges fließt einfach“, sagt sie. Obwohl ihre Stücke sehr zeitaufwendig aufgrund der einzelnen Trocknungsphasen sind, haben es insgesamt rund zehn von ihnen in die Ausstellung geschafft.

Menschen von der Straße: Gisela Wiechmann verarbeitet in ihren Figuren Gesehenes. Aber auch persönliche Empfindungen und Eindrücke spielen bei ihrer Arbeit eine Rolle.

Hella von Beckerath ergänzt die Kunst ihrer Kollegin mit Bildern. Sie setzt seit 2006 den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das Thema Wasser. Bereits im Studium fokussierte sich die Bramstedterin auf die Fotografie, was sie bis heute weiterführt. Ihre Reisen führten Hella von Beckerath schon an viele Flüsse und Gewässer. Angefangen hat sie mit dem Klosterbrunnen in Bassum. „Das Faszinierende für mich ist die stetige Veränderung.

Zudem gibt es immer etwas Neues im Wasser zu entdecken. Das hängt unter anderem von den jeweiligen Schatten oder dem Wetter ab“, erklärt die Künstlerin. So hielt sie beispielsweise „goldenes Wasser“ an der Weser in Hameln fest, fotografierte an der Hache in Syke und beobachtete die Bewegungen am Bodensee.

In einigen ihrer Werke verbergen sich  – beim genauen Hinschauen – sogar Personen oder Tiere. „Hier ist beispielsweise ein Pferd angedeutet. Ich vermute, dass so etwas davon abhängt, was mit dem Wasser passiert ist. Möglicherweise sind dort öfter mal Pferde getränkt worden“, sagt sie, als sie auf eine ihrer Fotografien zeigt. Darüber hinaus meint Hella von Beckerath, dass es ein Qualitätsmerkmal für das Wasser sei, wenn sich viele solche Bilder zeigen würden. Mit einem ihrer Fotos gewann sie 2018 sogar den zweiten Platz beim Kunstpreis des Vereins „Kunst in der Provinz“. Im Hintergrund des genannten Werks ist ein „Wassermann“ zu sehen.

Menschen von der Straße: Gisela Wiechmann verarbeitet in ihren Figuren Gesehenes. Aber auch persönliche Empfindungen und Eindrücke spielen bei ihrer Arbeit eine Rolle.

Doch die Fotografie allein habe ihr irgendwann nicht mehr gereicht. Die Idee: Die Bilder mit Malerei und Schrift zu einem Werk zu vereinen. So verwendet sie in ihren Werken beispielsweise Texte von Hildegard von Bingen, welche Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin und eine bedeutende Universalgelehrte war und in ihren Schriften unter anderem persönlichen Eindrücke von Flüssen festhielt.

Die Ausstellung im Rathaus in Bruchhausen-Vilsen soll übrigens nicht die Letzte sein. Bereits seit 2007 zeigen Gisela Wiechmann und Hella von Beckerath ihre Werke gemeinsam, wie beispielsweise schon in der Volksbank in Bassum. „Wir haben mit der Zeit gemerkt, dass wir zusammen gut funktionieren, und die gemeinsame Arbeit hat immer sehr viel Spaß gemacht“, erklären die beiden. Zudem haben sie sich unter anderem an dem Projekt „Straße der Kunst“ des Landkreises Diepholz beteiligt.

Menschen von der Straße: Gisela Wiechmann verarbeitet in ihren Figuren Gesehenes. Aber auch persönliche Empfindungen und Eindrücke spielen bei ihrer Arbeit eine Rolle.

Ihr Plan für 2022: Eine ganz neue Ausstellung, die möglicherweise im Dümmer-Museum in Lembruch zu sehen sein wird. Gisela Wiechmann ist aktuell schon fleißig dabei, Figuren zu produzieren. „Die Farbe hellblau soll im Fokus stehen, in Anlehnung an den blauen Himmel 2020“, verrät sie. Falls es die Pandemie zulässt, zeigt sie ihre Arbeit auch noch in diesem Jahr, und zwar ab April in der Weyher Wassermühle.

Künstlerin Hella von Beckerath nutzt für ihre Werke Texte von Hildegard von Bingen.

Auf die Frage, wie die beiden Künstlerinnen zu der geschlossenen Ausstellung in Bruchhausen-Vilsen stehen, sagen sie: „Natürlich ist das schade. Der Kontakt bei der Vernissage zu den Gästen fehlte. Aber betrübt sind wir dennoch nicht. Die Werke sind ja glücklicherweise auch über die Facebook-Seite des Tourismusservice Bruchhausen-Vilsen zu sehen.“

Kontakt

Wer sich für ein Ausstellungsstück interessiert, kann sich direkt per E-Mail an Gisela Wiechmann (wiwi-o-ideen@gmx.de) und Hella von Beckerath (hafaube@t-online.de) wenden.

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