Für Michael Insinger ist weniger mehr

Leben im Bauwagen: Liedermacher schafft Platz für Kreativität

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Michael Insinger lebt für seine Musik. Gemeinsam mit Hündin Nelke wohnt er in einem Bauwagen.

Asendorf - Von Julia Kreykenbohm. Was wolltest du schon immer mal machen? Was brauchst du wirklich, um zufrieden zu sein? Michael Insinger ist 47 Jahre alt, als er sich diese Fragen stellt. Der Grund ist die 50, die sich am Horizont abzeichnet und die für ihn die Botschaft trägt, dass er über die Hälfte seines Lebens wohl schon gelebt hat. Er hat versucht, diese Fragen für sich zu beantworten.

Nun ist er 50 Jahre alt, kauert im Schneidersitz auf einem gemütlichen Sessel am Fenster und trinkt Kaffee aus einer Tasse. Angerührt hat er ihn selber, denn eine Kaffeemaschine hat er nicht. Vor dem Fenster wiegen sich die Zweige von Bäumen und Sträuchern, in denen kleine Vögel zwitschern. Ab und zu knallt es über seinem Kopf. „Das sind Eicheln, die auf das Dach fallen“, erklärt der schlanke Mann mit dem schulterlangen Haar, der ein kariertes Hemd und Jeans trägt. Auch wenn der Regen fällt, hört man das sehr deutlich. Insinger mag das.

Er stellt die Tasse auf ein Holzbrett, das vor ihm aus der Wand ragt und auf dem auch ein Bildschirm mit Tastatur steht. Sein Zugang zum Internet und neben dem Smartphone wohl sein modernster Besitz auf den 24 Quadratmetern seines Zuhauses. 

Der passionierte Liedermacher lebt seit etwa drei Jahren in einem Bauwagen in einer Art Bauwagen-Siedlung in Asendorf, die sich mitten im Grünen um ein altes Bauernhaus gruppiert hat. Der Wagen stammt aus den 1970er-Jahren und ist ganz aus Holz. Über eine kleine Treppe gelangt man hinauf. Drinnen steht eine Mischung aus neueren und älteren Holzmöbeln sowie ein dunkles Ledersofa, auf dem es sich Insingers Mitbewohnerin gemütlich gemacht hat: die Hündin Nelke.

Leben auf Hausboot zu teuer und zu kompliziert

Im hinteren Teil befinden sich ein Hochbett und ein paar Regale, in denen Bücher, Unterlagen und CDs Platz gefunden haben. Alles stammt aus Insingers alter Wohnung in Bruchhausen-Vilsen, wo er auch eine eigene Musikschule leitete. Inzwischen ist er freiberuflicher Musiklehrer und tritt bei Gelegenheiten wie Wohnzimmerkonzerten und dem Stuhr Open Air auf, bei denen er gecoverte und eigene Songs präsentiert.

Sein übriges Hab und Gut hat er in einem Lager untergebracht, weil er sich auch nicht auf einen Schlag von allem trennen wollte. Als er die Wohnung aufgab, hatte er geplant, auf ein Hausboot zu ziehen, doch das erwies sich als zu teuer und kompliziert. Über einen Bekannten kam er an den Bauwagen in Asendorf, den er selbst einrichtete. Hat er denn etwas Handwerkliches gelernt? Insinger schüttelt den Kopf. „So was kann jeder. Man muss nicht alles als Beruf lernen oder braucht ein Diplom, um handlungsfähig zu sein.“

Nichts muss sofort klappen oder perfekt sein

Alles sei immer ein Prozess. Nichts müsse immer sofort klappen oder perfekt sein. Er selber habe am Anfang als „Neu-Bauwagenbewohner“ auch viele Fehler gemacht: „So hatte ich nicht genug Holzvorräte für meinen Ofen angelegt oder an Winterkleidung gedacht. Ich wusste nicht, wie man einen Ofen anschließt oder den Wagen dicht hält.“ Aber daraus lerne man.

Die Umstellung sei ihm nicht allzu schwer gefallen, auch wenn er jetzt zum Duschen und Toilettengang erst mal nach draußen muss, um ins Bauernhaus zu kommen. Auch sein Kühlschrank befindet sich dort. Er kauft nur ein, was er in den nächsten Tagen verzehrt. „Es ist Training, bei dem man schnell merkt, was man wirklich braucht.“ Insinger bedeutet es viel, das herauszufinden. Denn nur dann könne man sich von allem Überflüssigen trennen und sich dem widmen, was einem im Leben wichtig ist.

„Im Winter kam ich das erste Mal an meine Grenze“

„Im Frühjahr und Sommer fühlte ich mich im Bauwagen wie im Urlaub. Erst im Winter kam ich das erste Mal an meine Grenze.“ Doch diesen Umstand empfindet Insinger nicht als Grund, um aufzugeben. Im Gegenteil: „Nur wer über seine Grenzen hinausgeht, kann sich weiterentwickeln und wachsen. Wer immer innerhalb seiner Grenzen bleibt, erstarrt und verkümmert im Wohlstandssumpf.“

Demnächst will der 50-Jährige wieder etwas verändern, denn er hat einen „Feind“ in seinem Bauwagen: das Internet. Als er einzog, hat er ein halbes Jahr ohne Strom und Netz gelebt. „Da saß ich bei Kerzenschein und hatte Freiraum für die Musik und um Texte zu schreiben“, sagt Insinger. Dann schaffte er sich beides wieder an, hauptsächlich wegen seines Berufes. „Doch ich war auf einem Irrweg. Nun sitze ich, wie so viele Menschen, oft stundenlang davor, selbst wenn ich mir Grenzen setze.“

Jeder sollte sich die Frage stellen: Was will ich wirklich?

Durch das Internet habe er die Welt in den Wagen hineingelassen, die er eigentlich draußen halten wollte, um seiner Kreativität, seinen Gedanken und vor allem der Musik Platz zu schaffen. Er sucht die Einsamkeit, betont aber, dass er sich nicht abschotten will und offen ist.

Das Leben im Bauwagen, das Insinger soviel gibt, sei aber nicht zwangsläufig für jeden etwas. „Für manche ist es eben wichtig, viel Geld zu verdienen und ein großes Haus zu haben. Aber jeder sollte sich einmal die Frage stellen: Was will ich wirklich? Bin ich noch eine Flamme – oder bin ich schon erloschen?“

www.michael-insinger.de

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