Angespannter Immobilienmarkt

Sohn mit Behinderung: Familie sucht seit vier Jahren barrierefreie Wohnung

Mojgan Saraj und Surush Gushunizadah stehen vor einem blühenden Busch und lächeln in die Kamera.
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Mojgan Saraj und Surush Gushunizadah: Ihr Sohn war zum Zeitpunkt des Fotos im Jugendhaus.

Asendorf – Mojgan Saraj und ihr Mann haben einen Traum. Sie würden gerne ein eigenes Haus auf dem Land haben, vielleicht sogar selber bauen. Barrierefrei und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Nähe sollte es sein – für ihren Sohn, der eine Behinderung hat und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Doch von diesem Traum ist die vierköpfige Familie weit entfernt.

Für den Moment wäre auch eine barrierefreie Wohnung ein Gewinn. Etwas größer als die aktuelle müsste sie sein, damit die beiden Kinder der Familie – der Sohn ist 25, die Tochter 13 – sich kein Zimmer mehr teilen müssen. Aber der Wohnungsmarkt ist schwierig, mit Blick auf Barrierefreiheit umso mehr.

Seit 2015, als sie aus dem Iran nach Deutschland geflohen ist, lebt die Familie in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Asendorf, die die Samtgemeinde bezahlt. Die Eltern schlafen im Wohnzimmer auf dem Boden. Eine bezahlbare, barrierefreie Wohnung in der Region finden sie auch nach einem Jahr intensiver Recherche, über 20 Telefonaten mit Vermietern und noch mehr E-Mails nicht.

„Barrierefreie Wohnungen sind relativ rar gesät“, berichtet Axel Brauner. Er leitet eine Immobilienfirma in Stuhr-Brinkum und hat einen guten Überblick über den Wohnungsmarkt, vor allem im Nordkreis. „Im Prinzip ist es so, dass sich der Mietmarkt derzeit nach oben schraubt“, so Brauner. Das liege einerseits an den wenigen verfügbaren Flächen, aber auch am aktuellen Rohstoffmangel. So komme es vor, dass ein Investor in der Gemeinde Weyhe schon mal 4.000 bis 5.000 Euro pro Quadratmeter Baufläche bezahle. Das müsse er dann auch wieder reinbekommen, so Brauner.

Mojgan Saraj und ihr Mann Surush Gushunizadah sind herzliche, freundliche Menschen. Sie, die wie ihr Mann 51 Jahre alt ist, hat ein selbstbewusstes, offenes Auftreten. Er ist etwas stiller, hat ein herzliches, sympathisches Lachen. Haben sie eine Idee, warum ihre Wohnungssuche bislang erfolglos blieb? „Vielleicht, weil mein Sohn behindert ist“, sagt Saraj. Seit sich vor vier Jahren anbahnte, dass die heute 13-jährige Tochter nicht mehr mit ihrem 25-jährigen Bruder zusammen in einem Zimmer schlafen möchte, ist die Familie auf der Suche. Erst im Internet, dann auch über Freunde. „Hier kennen uns alle und alle wissen: Wir sind auf der Suche“, sagt Saraj. Einfach fällt ihr das nicht. „Ich bin kein Mensch, der gerne um Hilfe bittet“, sagt die 51-Jährige. Das sei sie nicht gewohnt.

Suche nach barrierefreier Wohnung im Nordkreis Diepholz

Im Iran war der studierte Geologe Surush Gushunizudah in einer Stahlfabrik in der Qualitätssicherung und im Produktmanagement tätigt. Mojgan Saraj war erst Sekretärin, dann Frieseurin. Arm waren sie nicht, aber all das zählt heute nichts mehr. Gushunizudah arbeitet in Bremen als Lkw-Fahrer, weshalb für ihn bei der Wohnungssuche feststeht: „Richtung Bremen ist besser.“ Also gucken sie in Stuhr, Weyhe und Bremen, aber auch in Bruchhausen-Vilsen, wo ihre Freunde erreichbar bleiben. Die Familie hätte gerne eine etwas größere Wohnung. Barrierefrei, mit breiteren Türen, einem größeren Bad. Selbst in Hannover haben sie danach schon gesucht. Finden sie dort etwas, müsste Gushunizadah kündigen. Dafür kann der Sohn besser medizinisch versorgt werden. Drei- bis sechsmal im Monat müssen sie derzeit in die Landeshauptstadt fahren.

„Eigentlich finde ich das Dorf für Familien besser“, sagt Gushunizadah. Seit sechs Jahren wohnen sie jetzt auf dem Land. „Wir sind Asendorfer!“, erklärt der 51-Jährige und lacht. Aber für ihn und seine Frau ist klar: Für ihren Sohn wäre die Nähe zur Stadt besser.

„Er ist jetzt 25 und möchte nicht nur zu Hause bleiben“, sagt Saraj. Die ersten eineinhalb Jahre in Deutschland hatte die Familie noch kein Auto, ihr Sohn war nur zu Hause. „Er ist sehr einsam“, sagt Saraj. Einmal die Woche könne er ins Jugendhaus nebenan gehen. Viel zu selten, findet Saraj. „Für alle Eltern ist es wichtig, was sich ihre Kinder wünschen. Vielleicht gerade für Eltern mit behinderten Kindern.“ Deswegen der Umzug.

Mehr Nähe zu einer Stadt, aber auf dem Dorf, da wäre das erwähnte Weyhe eine Option. Aber auch nur auf dem Papier, wie Rita Wegg von der Zukunftswerkstatt Gesundheit & Pflege anmerkt: „Mit meiner Rente könnte ich mir in Weyhe keine barrierefreie Wohnung mieten.“ Sie beobachtete schon länger den akuten Mangel an barrierefreien Wohnungen in der Region. Wer eine Wohnung barrierereduziert umbauen lasse, statt das Thema beim Neubau gleich mitzudenken, zahle oft drauf. „Das lassen sich die Eigentümer dann in der Regel bezahlen“, so Wegg. Sie verweist in dem Zusammenhang auf eine Förderrichtlinie der Kfw-Bank, die Umbaumaßnahmen finanziell unterstützt (Zuschuss 455-B).

Nachbarn der Familie Saraj/Gushunizadah hatten mehr Glück. Nach und nach seien Geflüchtete aus dem großen Mehrfamilienhaus ausgezogen. Sie aber hätten Absage um Absage erfahren. „Die wollten uns nicht mal kennenlernen“, sagt Saraj. Oft habe es geheißen, ihr Gehalt reiche nicht für die Wohnung – obwohl beide berufstätig sind. Saraj als Bundesfreiwillige in Bruchhausen-Vilsen. Ob es auch an ihrer Herkunft liegen könnte? Saraj zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen kann nicht helfen

Nachfrage im Rathaus in Bruchhausen-Vilsen: Kann die Samtgemeinde die Familie nicht bei der Suche unterstützen? „Wir sind nicht in der Lage, Wohnungsvermittlung zu betreiben“, erklärt Fachbereichsleiter Volker Kammann. Dafür seien es einfach zu viele Geflüchtete – etwa 550 seit 2015. Außerdem dürfe die Gemeinde nicht in Konkurrenz zu Maklern treten. Aber es gebe Unterstützung vom Verein Lebenswege begleiten, Sarajs Arbeitgeber. Doch dort habe man bislang auch keinen Tipp gehabt, berichtet Saraj.

Besteht vielleicht die Hoffnung, dass der „Bau-Boom“ im Landkreis Diepholz von dem die Gewerkschaft IG Bau kürzlich in einer Mitteilung sprach, der Familie in die Hände spielt? Darauf wissen die Experten keine Antwort. 735 Wohnungen seien 2020 neu errichtet worden. Ob diese auch barrierefrei sind, konnte die Gewerkschaft auf Nachfrage nicht sagen. Sicher ist, dass der Bedarf deutlich größer ist als das Angebot. Die IG Bau hatte Ende 2020 schon einen akuten Mangel an entsprechenden Wohnungen angemahnt.

Das Pestel-Institut hat kürzlich eine Studie vorgelegt, laut der im Landkreis etwa 2.500 barrierefreie Wohnungen existieren. Den Bedarf beziffert das Institut aber schon jetzt, ein Jahrzehnt bevor der demografische Wandel die Bedürfnisse noch einmal dramatisch verschieben wird, auf mehr als 7.000.

Hilfe für Familie Saraj

Wer Mojgan Saraj und ihrer Familie helfen möchte, kann seine Kontaktdaten an luka.spahr@kreiszeitung.de schicken. Diese werden dann weitergeleitet.

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