Anneke Meyer hospitiert in US-Kliniken

Krank sein in den USA? Muss man sich leisten können

Neben ihren Praktika machte Anneke Meyer auch einige Ausflüge. Zum Beispiel in den Jamestown-Nationalpark, wo sie der Pocahontas-Statue die Hand reichte. Die Häuptlingstochter Pocahontas soll Anfang des 17. Jahrhunderts den europäischen Siedler John Smith aus der Gefangenschaft der Indianer gerettet haben. Die beiden wurden ein Liebespaar und setzten ein Zeichen für die Völkerverständigung.

Br.-Vilsen - Von Mareike Hahn. „Das deutsche Gesundheitssystem ist besser organisiert und transparenter als das amerikanische“ – diesen Eindruck hat Anneke Meyer während eines Aufenthalts in Virginia gewonnen. Die gebürtige Bruchhausen-Vilserin hospitierte in dem US-Bundesstaat sieben Wochen lang in verschiedenen Arztpraxen und Kliniken. Der Rotary Club hatte ihr die Reise im Rahmen des „New Generations Service Exchange“ organisiert.

„Ich wollte gerne die Arbeit der Ärzte und das Gesundheitssystem in Amerika kennenlernen“, erklärt die 25-Jährige, die in Halle (Saale) Medizin studiert und kürzlich, gleich nach der Rückkehr nach Deutschland, ihr Praktisches Jahr (der letzte Abschnitt im Studium) begonnen hat. „Ich hatte in den USA wirklich eine gute Zeit.“

Rotary Club findet Gasteltern

Der Rotary Club Bruchhausen-Vilsen hatte Anneke Meyer Gasteltern in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, vermittelt. „Die beiden sind Rentner und haben mich gut ins Familienleben integriert, sie waren sehr lieb“, sagt die angehende Ärztin. Ihre Gastmutter besorgte für sie bereits vor ihrer Ankunft mehrere Praktikumsplätze und fuhr sie zu den verschiedenen Stationen in der Region.

„Ich habe das Gesundheitssystem in seiner ganzen Bandbreite kennengelernt“, sagt Anneke Meyer. Sie schnupperte in die Arbeit in der Notaufnahme der Uniklinik in Richmond, sah bei natürlichen Geburten und Kaiserschnitten in einem kleinen Krankenhaus zu und bekam eine Vorstellung von der Arbeit in sogenannten Free-Kliniken. Dort werden Patienten ohne Krankenversicherung in der Regel kostenlos behandelt. „Davon gibt es in den USA viele“, sagt die 25-Jährige. „In die Free-Klinik in der Stadt kamen vor allem Südamerikaner, in einer anderen, weit ab vom Schuss, habe ich die sehr arme amerikanische Landbevölkerung getroffen.“ Geschockt war Anneke Meyer, dass in der zweiten Klinik von den 20 Patienten, die sie dort an einem Tag sah, keiner mehr Zähne hatte.

Auch in einer Feuerwache in Richmond verbrachte die gebürtige Bruchhausen-Vilserin einen Arbeitstag. Ein Feuerwehrmann, ausgebildeter Hubschrauberpilot, ließ sie im Helikopter mitfliegen. Für die 25-Jährige ein Highlight.

Sie hat in Virginia „einige Dinge gesehen, die ich vorher noch nie gesehen hatte und vielleicht auch nie wieder sehen werde“. Zum Beispiel Patienten mit Schusswunden.

Einem Roboter bei einer OP zugesehen

Ebenfalls spannend: In der gynäkologischen Chirurgie schaute sie einem vierarmigen Roboter zu, den ein Arzt bei einer Operation mit zwei Joysticks steuerte. „Dank des Roboters soll der Patient weniger Schmerzen haben, und es soll weniger Verletzungen und Komplikationen geben.“

Bei einer gemeinnützigen Organisation, einer Art „Essen auf Rädern“, begleitete die Studentin Fahrer, die sozial schwachen Menschen Mittagessen brachten. „Es war beeindruckend, wie viele Freiwillige dort mithelfen, zum Teil in ihrer Mittagspause.“

Das amerikanische Gesundheitssystem beurteilt Anneke Meyer kritisch: „Dort hängt viel davon ab, wie viel Geld man hat und ausgeben will.“ Wer es sich leisten könne, bekomme die beste Versorgung – auf einem Niveau, das mindestens so hoch sei wie das deutsche. „Aber ein Großteil der Menschen wäre nicht versorgt, wenn sich nicht viele Ärzte, Krankenpfleger und Apotheker in den Free-Kliniken ehrenamtlich um sie kümmern würden.“

In den Vereinigten Staaten haben die Krankenversicherungen laut Anneke Meyer großen Einfluss: „Sie können die Preise mitbestimmen und verhandeln selbst mit den Krankenhäusern. Eine Behandlung kann in einem Krankenhaus 10.000 Euro kosten und in einem anderen 30.000“, erklärt sie und bezeichnet dieses System im Vergleich zum festgelegten Leistungskatalog in Deutschland als intransparent. „Manche Mediziner arbeiten nicht mit bestimmten Versicherungen zusammen, weil sie keinen Vertrag mit ihnen haben. Und die Versicherungen übernehmen nicht immer alle Kosten. Außerdem behandeln manche Ärzte keine Medicaid-Patienten.“ Medicaid ist ein von den US-Bundesstaaten und der -Bundesregierung finanziertes Programm, das Bürgern mit geringem Einkommen einen Versicherungsschutz bieten soll. Bis 2014 gab es in den Vereinigten Staaten keine Krankenversicherungspflicht, noch heute sind nach Expertenschätzungen zehn Prozent der Bürger nicht versichert.

Keine Anerkennung der medizinischen Ausbildung in den USA

Bei einem Universitätsbesuch stellte die 25-Jährige fest, dass die US-Medizinstudenten nur wenig über ihr eigenes Versicherungssystem wissen: „Sie haben nur eine Vorlesung zu dem Thema. Ziemlich schade, da das System so kompliziert ist.“

Als Ärztin in Amerika zu arbeiten, kann sich Anneke Meyer nicht vorstellen. „Das liegt aber auch daran, dass die deutsche Ausbildung dort nicht anerkannt wird. Ich müsste alle Prüfungen nachholen, und auch dann wäre es nicht sicher, dass ich eine Stelle bekäme.“

Die Arbeitsbedingungen für Mediziner sind in den USA härter als in Deutschland, erklärt die 25-Jährige und nennt ein Beispiel: „Die Assistenzärzte müssen sehr viel mehr Stunden arbeiten.“ Allerdings könnten Ärzte dort nach der Ausbildung sehr viel Geld verdienen. „Vielleicht legen Deutsche mehr Wert auf ihre Work-Life-Balance“, vermutet die gebürtige Bruchhausen-Vilserin.

Sie überlegt, sich nach dem Praktischen Jahr auf Kinder- oder Frauenheilkunde zu spezialisieren. „Ich denke, in Deutschland“, sagt Anneke Meyer. „Auf jeden Fall in Europa.“

Kontakt

Wer sich für eine Teilnahme am „New Generations Service Exchange“ interessiert, kann sich an den Jugenddienstbeauftragten Klaus Weber aus Mehringen wenden, Telefon 04251/670571. Nach Angaben von Pressesprecher Peter Schütz können daran auch junge Menschen teilnehmen, die keine Verwandten oder Bekannten im Rotary Club haben.

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