Trotz Trend-Thema: Umweltschützer vom BUND finden keine Aktiven mehr

Allein auf weiter Flur

Karin und Walter Bellingrodt in der kleinen Bibliothek des BUND. Foto: Luka Spahr

Bruchhausen-Vilsen - Von Luka Spahr. Es gibt Kuchen mit Schlagsahne und schwarzen Tee, als Karin und Walter Bellingrodt von ihrer Naturschutzorganisation erzählen, die Hunderte Mitglieder hat, aber keine einzige Aktion starten kann. 140 Neuaufnahmen beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) haben Hauptamtliche erst kürzlich für die Diepholzer Kreisgruppe an Land gezogen. Die Ersten traten schon wenig später wieder aus. Nur fünf wollten sich auf Nachfrage aktiv einbringen. Sie wurden an das BUND-Projekt „Diepholzer Moorniederung“ weitergeleitet. Wie viele dort tatsächlich am Ende ankamen? Keiner.

Eigentlich sollte es bei dem Treffen in der Niederlassung der BUND-Kreisgruppe in Bruchhausen-Vilsen um Igel und um Herbstlaub gehen, das man besser auch mal liegen lassen soll. Doch dann kam alles anders. Karin Bellingrodt, Vorsitzende der Kreisgruppe, und ihr Mann Walter begannen erst von den Angeboten des BUND zu erzählen – und dann von den Mitgliederzahlen. Schnell wurde klar: Mehr Umweltbewusstsein in der Gesellschaft bedeutet nicht unbedingt mehr Engagement in den Naturschutzorganisationen.

Über 580 Köpfe ist der BUND im Landkreis Diepholz stark – plus Fördermitglieder, die nicht im Verein sind. „Aktive“ können sich davon allerdings nur sechs bis sieben Mitglieder nennen, zählt Karin Bellingrodt an den Fingern nach. Veranstaltungen von Baumpflanz-Projekten, über Frühjahrsputz-Aktionen in der Natur oder gar Demonstrationen sind daher nur schwer denkbar: „Wir sind damit immer wieder auf die Nase gefallen.“. Hinzu kommt auch, dass viele Mitglieder im Rentenalter sind.

Daher sitzen Karin (69) und Walter Bellingrodt (70) an diesem Nachmittag auch nicht auf einer Blühwiese oder in einem Protestcamp, sondern in einer kleinen Bibliothek. Die BUND-Kreisgruppe hat sich darauf fokussiert, kostenlose Broschüren und kostenpflichtige Bücher zum Thema Umweltschutz an den Mann zu bringen. „Unsere Hauptaufgabe ist es, Öffentlichkeitsarbeit zu machen“, erläutert Karin Bellingrodt zwischen zwei Kuchenstücken.

Sei es am Steinhuder Meer, in Bad Zwischenahn oder auch mal am Dümmer. Sie informieren über Insektenhotels, Blühstreifen, Streuobstwiesen, Fledermäuse – zu jedem Thema gibt es eine Broschüre. Und wenn es einmal keine gibt, kennen die Bellingrodts und ihre Mitstreiter fast immer einen passenden Ansprechpartner.

Aber nimmt denn die Nachfrage nach solchen Angeboten in Zeiten des Internets nicht ab? Offenbar nicht. „Bücher, die gehen einfach nicht zurück“, so die Ehrenamtliche. „Das ist gleichbleibend seit den 90er-Jahren.“ Das Interesse steige sogar im Moment. Grund dafür dürfte untere anderem das wachsende Umweltbewusstsein in der Bevölkerung sein. Mit Fridays For Future und anderen Bewegungen hat sich auch eine neue Generation das Thema erschlossen. Von diesem Trend kann jedoch zumindest der BUND im Landkreis Diepholz nicht profitieren.

Karin Bellingrodt würde sich wünschen, dass mehr junge Leute auf den BUND zukommen und vielleicht sogar selbstständig eine Jugendorganisation aufbauen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) habe so eine Jugend hier in der Region, so die Vorsitzende. Wenn sich derzeit Jugendliche bei ihr melden würden, würde sie diese sogar dort hin weiterleiten. „Damit die nicht verloren gehen.“

Stattdessen macht die BUND-Kreisgruppe im Beinahe-Ein-Mann-Betrieb weiter. Hunderte zahlen hier einen Monatsbeitrag, doch kaum einer will sich aktiv mit einbringen. „Wir sind doch kein Sparclub“, sagt Walter Bellingrodt. Deswegen seien er und die anderen auch immer auf der Suche nach Projekten. Jedoch eher „kurze, überschaubare Häppchen“, wie seine Frau hinzufügt. Keine Langzeitprojekte. Da komme man nämlich schnell wieder in die Bredouille. Der Landesverband beschäftige sich etwa gerade viel mit der Klima-Debatte, so Karin Bellingrodt. „Aber für uns ist da im Moment ganz wenig an Arbeit leistbar“, so die Vorsitzende. „Weil wir so wenige sind.“

Während Bellingrodt, die sich selbst als „Mädchen für alles“ beim BUND bezeichnet, von diesen Entwicklungen erzählt, springt sie immer wieder zu spannenden Projektideen, von denen sie schon gehört hat. Doch jedes mal steht am Ende die bittere Erkenntnis: Das ist hier nicht umsetzbar.

So auch, als das Gespräch nach rund 45 Minuten wieder auf die Ausgangsfrage mit dem Igel und dem Herbstlaub zurückkommt. Sollte man Letzteres als Winterhabitat für die Tiere nicht liegen lassen? Da wird Bellingrodt zuerst sehr pragmatisch. Viel Laub werde schon vom Wind davongetragen. Und für Rasen und Stauden sei das vermutlich auch nicht sonderlich gut, wenn das Laub liegen bleibe, weil die Pflanzen darunter eingehen würden.

Doch dann verweist Bellingrodt auf ein Projekt aus England, bei dem aus altem Laub Humus kompostiert wurde. Das Thema Igel hat das Nachsehen. Stattdessen: Projekte, die nicht machbar sind, und Mitglieder, die nicht aktiv sind. Der BUND im Landkreis Diepholz steht derzeit vor anderen Fragen als der nach Igelschutz und Herbstlaub-Beseitigung.

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