Mahnwachen in Syke, Martfeld und Twistringen

„Brauchen endlich den Ausstieg“

LANDKREIS(kra). Die Reaktor-Katastrophe in Japan löst in der Region nicht nur Betroffenheit aus, sie führt auch zu ersten Reaktionen.

Nachdem bereits für den gestrigen Sonnabend eine erste Mahnwache in Diepholz angekündigt war, finden sich am heutigen Sonntag punkt 12 Uhr besorgte Bürger im Ortszentrum von Martfeld zusammen. Am morgigen Montag ist eine Mahnwache vor dem Twistringer Rathaus und vor dem Kreishaus in Syke jeweils für 18 Uhr geplant. Oftmals sind es nicht Parteien oder Organisationen, die zu den Mahnwachen aufrufen – die Initiative geht vielmehr von einzelnen aus.

„Wir brauchen den Ausstieg,“ sagt etwa die Twistringer Initiatorin Sylvia Holste-Hagen, „schon seit dem Super-GAU von Tschernobyl ist mein Vertrauen in die Atomkraft erloschen, die Ereignisse von Fukushima haben belegt, dass sich nichts geändert hat.“ Um ihrer Überzeugung Nachdruck zu verleihen, war sie am vergangenen Wochenende spontan nach Stuttgart gereist, wo zu einer der bundesweit ersten Demonstrationen für den Atomstrom-Ausstieg aufgerufen worden war, dort unter der Überschrift „Ausgestrahlt.“ Über alle Parteigrenzen hinweg wolle man nun auch in Twistringen seiner Sorge Ausdruck verleihen. „Aus vielen Gesprächen mit Freunden und Bekannten aus dem ganzen Landkreis weiß ich, dass diese Ängste bestehen, und dass man dem Treiben nicht mehr tatenlos zusehen will.“

In Martfeld war es ebenso spontan und ebenso auf Privatinitiative schon am vergangenen Sonntag zu einer ersten Mahnwache gekommen. Auf den Rundruf einer Familie hin fanden sich rund 60 Martfelder und Schwarmer in der Ortsmitte ein, um ihrer Forderung nach sofortiger Rücknahme der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Deutschland Ausdruck zu verleihen, so Axel Hillmann, einer der Initiatoren. Die Zusammenkunft, bei der man sich zunächst über die aktuelle Lage in Japan austauschte, selbstverständlich an Tschernobyl 1986 erinnerte, über die aktuellen Aussagen der Bundesregierung zur Atompolitik empörte, mündete in einen 20-minütigen spontanen Demonstrationszug durch das sonntägliche Martfeld. Abschließend gedachten alle gemeinsam während einer Schweigeminute der Opfer von Erdbeben und Tsunami in Japan. Am heutigen Sonntag sowie an den kommenden Sonntagen sei jeweils um 12 Uhr zur Mahnwache aufgerufen.

„Wir können nicht nur Regenerative Energieformen vorantreiben, irgendwann müssen auch überregional Konsequenzen folgen,“ sagt die Twistringerin Sylvia Holste-Hagen. Wie in vielen anderen Familien im Landkreis auch, habe man seinen persönlichen Beitrag geleistet. „Wir zum Beispiel haben eine Photovoltaik-Anlage installiert, deren Strom wir teilweise selbst nutzen und teilweise abgeben, wir haben Ernergieverschwender bis hin zum Wäschetrockner auf ein Minimum reduziert, und wir haben unser Haus energetisch saniert.“ Viele Familie hätten das gemacht, „mir ist deshalb völlig unverständlich, weshalb die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert werden mussten.“

Rückendeckung erhält sie und erhalten all die anderen aus der Entwicklung im Landkreis Diepholz. Die Region zwischen Stuhr und Kirchdorf, zwischen Dünsen und Morsum hat sich zum großen Standort für regenerative Energieformen gemausert, längst reicht der Strom aus Sonne, Wind und Kraftwärme-Kopplung aus, um den eigenen Bedarf zu sichern und darüber hinaus ein ordentliches Strompaket zu exportieren. Den Zahlen der Eon-Avacon zufolge strömten allein vorvergangenes Jahr rund 927 Millionen Kilowattstunden in der Region erzeugten Stromes durch die Leitungen des Energie-Riesen. In Privathaushalten und Unternehmen wurden aber „nur“ 750 Millionen Kilowattstunden benötigt (siehe Grafik). Klartext: Es werden knapp 180 Millionen Kilowattstunden exportiert – so viel wie 45.000 Einfamilienhäuser mit rund 200.000 Menschen an Energie verbrauchen.

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