Wie traumatisierte Menschen ohne Zuhause eine neue Perspektive entdecken können – Alltag in der Wohnungslosenhilfe

Bilder im Kopf sind Wegweiser zurück ins Leben

Die erste Station nach der Straße: (v.r.) Frank Kruse (Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe) und Horst Frey (Leiter der Clearingstelle) in einem Zimmer in der Diakonie Freistatt, in dem Wohnungslose eine Bleibe finden. ·

Freistatt - Bilder im Kopf! Frank Kruse und Horst Frey wissen genau, warum sie für Wohnungslose so wichtig sind: Erinnerungen an glückliche Tage einer Ehe oder an Zufriedenheit in einem längst verlorenen Job können wie Wegweiser wirken und Menschen ohne Hoffnung den Weg zurück in die Gesellschaft zeigen.

Schritt für Schritt helfen ihnen die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe in der Diakonie Freistatt dabei.

Dienstag, 10. Januar: 15 Neuankömmlinge hat Horst Frey, der Leiter der Clearingstelle, heute in Empfang genommen.

Menschen, für die das Leben auf der Straße zur Normalität, zum grauen Alltag geworden ist – und die trotz aller Widrigkeiten und Scham genau dorthin zurückkehren wollen: „Viele kommen nur für kurze Zeit, um zu essen, sich zu waschen oder zum Arzt zu gehen. Zum Überleben halt“, sagt Frey. Aussteigen, sich eine neue Perspektive schaffen: „Das ist viel zu komplex für sie“, beschreibt Frank Kruse diese Gruppe Wohnungsloser – und kennt genauso andere, die mit ihren Bildern im Kopf die Kehrtwende einschlagen: Zurück in die Gesellschaft, zurück in einen „normalen“ Alltag mit einem Zuhause, einem geregelten Tagesablauf und vor allem mit Werten.

„Die haben sie noch. Aber sie haben sie während des Lebens auf der Straße verlernt“, weiß Frank Kruse. Etwa die Hälfte dieser Wohnungslosen, so schätzt der Bereichsleiter, „hat einfach Pech gehabt!“ Die meisten hat eine Scheidung aus der Bahn geworfen. Sie haben ihre Familie, ihr Zuhause und ihre Zukunft verloren. Fast ebenso vielen hat Arbeitslosigkeit die Lebensperspektive genommen.

Es sind Menschen mit gebrochener Biografie, von denen viele den unerträglichen Seelenschmerz mit Alkohol oder Drogen betäuben. Lebensentwurf gescheitert: Das zu akzeptieren, braucht Zeit. Die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe wissen, wie wichtig die Trauerarbeit für die Betroffenen ist, bevor sie sich auf den Weg in ein neues Leben machen können – zurück in die Gesellschaft.

Ein wichtiger Schritt dorthin: Der Hilfeplan, den die Mitarbeiter in der Clearing-Stelle erarbeiten, und das stationäre Wohnen: 137 der insgesamt 145 Plätze sind zurzeit belegt – von Menschen mit Hoffnungen und Zielen, mit Bildern im Kopf.

Aber dort leben genauso Wohnungslose mit einem völlig leeren inneren Bildschirm: Ohne eine Vorstellung vom „normalen“ Leben mit seinen Rechten, aber auch Pflichten – und ohne echte Freunde oder Familie im Rücken.

Eltern und Großeltern ohne Arbeit, ein Alltag voller Alkohol, vielleicht sogar Gewalt: Es sind zunehmend junge Erwachsene mit solchen Erfahrungen, die am Ende auf der Straße landen – und ihre soziale Vererbung wie einen bleischweren Rucksack mit sich tragen. „Wir haben hier junge Wohnungslose aus der vierten Generation Sozialhilfeempfänger“, berichtet Horst Frey über junge Erwachsene ohne Antrieb und ohne Ziele. Haben sie überhaupt eine Chance auf ein „normales“ Leben in dieser Gesellschaft? „Die ist verschwindend gering, aber sie haben eine“, antwortet Frey. „Die Grundhaltung, das Prinzip ,Geben und Nehmen‘ ist in diesen jungen Menschen nicht angelegt“, erklärt Kruse, „das gehört nicht zu ihrer Erlebniswelt“. Ein „normales“ Leben gestalten, ohne eine Vorstellung davon zu haben: Unmöglich ohne professionelle Unterstützung – langfristig, womöglich ein Leben lang. Vor allem, wenn noch ein biologisches Handicap das Leben erschwert: „48 Prozent der Wohnungslosen“, zitiert Kruse aus wissenschaftlichen Untersuchungen, „haben eine hirnorganische Schädigung“. Bei vielen sei das Gedächtnis gestört. Deshalb sei ihnen kontinuierliches, konsequentes Arbeiten gar nicht möglich. „Das deckt sich mit unseren Erfahrungen“, vergleicht Kruse den Alltag in der Wohnungslosenhilfe mit den Erkenntnissen der Wissenschaft.

Früher, so blicken Kruse und Frey zurück, hätten Betroffene auf einfachen Arbeitsplätzen – mit dem Besen in der Hand oder als Müllwerker – ihr Leben meistern können. Aber seit 1975 habe sich der Anteil einfacher Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt um zwei Drittel reduziert. Will heißen: „Selbst einfache Arbeitsplätze verkomplizieren sich.“ Die Folge kann ein Leben auf der Straße sein.

Etwa die Hälfte ihrer Klienten, so schätzen Kruse und Frey, sei in dieser hochkomplexen Gesellschaft schlichtweg überfordert.

Was wünschen sich die Wohnungslosen-Helfer von dieser Gesellschaft? „Mehr Geld zur staatlichen Verteilung“, antwortet Frank Kruse. Er wünscht sich ganz konkret die Einführung von Zinsabschlags- und Vermögenssteuer, sprich Geld für einen gemeindlichen Arbeitsmarkt: Menschen mit Handicap könnten Straßen säubern oder Beete pflegen. „Aber so, dass sie darauf stolz sein können“, betont Horst Frey, „und davon leben können“. · sdl

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