Interview mit Torsten Eggelmann

Pflegeleitung über Corona-Leugner, Impfpflicht und den Klinik-Alltag in der Pandemie

Ist zum Gespräch bereit: Torsten Eggelmann hofft, Impfskeptiker mit Argumenten überzeugen zu können.
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Ist zum Gespräch bereit: Torsten Eggelmann hofft, Impfskeptiker mit Argumenten überzeugen zu können.

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Torsten Eggelmann im Gesundheitswesen. Derzeit ist er Klinik-Pflegeleiter im Klinikum Bremen-Mitte. Vor ein paar Tagen führte der frühere Ratsherr der Grünen, der mittlerweile Mitglied der SPD ist, Gespräche mit Impfgegnern, die sich am Bassumer Rathaus versammelt hatten. Er zeigte sich betroffen von den vorgebrachten Argumenten. Er will trotzdem nicht aufstecken. Denn er erlebt es täglich hautnah mit, was Corona anrichtet. Das Interview wurde am Tag der Demo geführt.

Torsten, Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat eine fünfte Welle angekündigt. Was denkst Du, wenn Du diese Schlagzeilen liest?

Ich habe da zwei Sichtweisen. Einmal als Bürger, dem Corona wirklich aus dem Hals raushängt. Und der einfach sagt: „Das muss endlich mal ein Ende haben.“ Dann schlägt in mir aber auch eine zweite Seite, nämlich das Klinikherz. Und ich sehe die Probleme, die wir haben. Meine persönliche Einstellung zum Thema Corona hat sich seit Beginn der Pandemie mehrfach komplett verändert.

Inwiefern?

Ich bin zuerst eingestiegen mit einer gewissen Gelassenheit. Es ist bloß ein Keim .... wir haben 25 000 Grippetote, da kommt Corona niemals hin und so weiter. So bin ich auch in der Klinik aufgetreten, als Maßnahmen gefordert wurden. Wir haben uns in der ersten Welle extrem gut vorbereitet. Wir haben Betten gesperrt, weil wir die Bilder aus Italien kannten. Und dann kam nichts. Nichts ist falsch, aber wir hatten viele Betten vorgehalten, und es lag mal einer da, mal zwei. Auch mit schweren Verläufen. Aber das waren Patienten, die normal ins Schema derer passen, die an einer Lungenentzündung sterben, nämlich alt und schwach.

Dann war Entspannung angesagt. Und dann kam die zweite Welle. Die hat uns anders getroffen. Damals war ich noch im Klinikum Links der Weser.

Was war anders?

Da waren auch andere Patienten dabei. Mein Schlüsselerlebnis war eine junge, schwangere Patientin auf der Intensivstation – immer an der Grenze ihrer Blutgasanalysewerte. Wir sind eine der führenden Geburtenkliniken und haben zum anderen ein exzellentes Herzzentrum. Es gab niemanden in Deutschland, den man hätte fragen können. WIR waren die Experten und mussten selbst entscheiden. Und wir fragten uns stündlich: „Wann müssen wir denn diese Patientin intubieren?“ Die Voraussetzungen waren eigentlich da, aber aus Süddeutschland hieß es (...) man solle erst spät intubieren.

Gemeinsam mit den Neonatologen wurde überlegt: „Was kann so ein Kind ab?“ Und die hatten tatsächlich nur die Erfahrung von chronischen Verläufen. Also von Frauen, die im Laufe ihres Lebens eine chronische Erkrankung entwickelt haben. Wo sich der Körper und eventuell auch das Kind adaptiert hatten. Wir hatten also relativ wenig Erfahrung mit dem Krankheitsbild und fragten uns: „Wann müssen wir dieses Kind da raus holen, damit es nicht stirbt?“ Diese Hilflosigkeit, weil Corona einfach ganz neu war, das war eine ganz neue Erfahrung. Tatsächlich haben wir einen Kaiserschnitt gemacht. Plötzlich ist die Frau in der Narkose-Einleitung so abgerauscht mit ihrer Sauerstoffsättigung – das hatten wir in dieser Dramatik einfach bisher nicht gesehen.

Und wir haben auch vorher diese langwierigen, schweren Verläufe nicht gesehen, dass die Leute nicht wieder wegkommen von der Beatmung. Das waren junge Menschen. Da mussten wir feststellen: Okay, wir haben die neun Betten zwar nicht voll. Aber das, was hier jetzt kommt, das überfordert uns trotzdem.

Was ist aus der schwangeren Frau geworden?

Die ist sehr lange beatmet worden. Ich glaube, sie hat es geschafft. Sie wäre aber mit den Folgen einer Langzeitbeatmung sehr belastet. Das bedeutet Reha, mögliche Leistungseinschränkungen, kognitive Einschränkungen. Man weiß nie, wie die Patienten aus einer Mangelsituation an Sauerstoff rauskommen.

Es heißt: Corona füllt die Kliniken, die Pflegekräfte arbeiten am Limit. Stimmt dieses Bild?

Jein. Es gibt immer Zeiten, da sind die Intensivbetten komplett voll. Die sind nicht voll mit Coronapatienten, nicht immer. Aber es gibt die Vorgabe, dass man für diese Akutfälle immer Betten freihalten muss. Nach wie vor, müssen wir sieben Intensivbetten für Corona im Klinikum Bremen Mitte freihalten. Dafür müssen wir Operationen absagen. Aber wie sagst du jemandem: „Wir wissen, dass Sie einen größeren Uteruskrebs haben, und Sie möchten den gerne loswerden. Aber das geht momentan nicht. Sie müssen noch warten?“

Ist das derzeit Realität?

Ja. Wir müssen größere Operationen tatsächlich absetzen. Ich war jetzt drei Wochen nicht in der Klinik. Das ändert sich ständig. Von Tag zu Tag. Die Vorgaben werden immer neu gemacht aufgrund der Inzidenzen. Ich weiß nicht, wie der aktuelle Stand jetzt gerade ist. Und das macht den enormen Druck eigentlich aus.

Ihr seid also immer im Standby-Modus?

Genau. Momentan gibt es in unserer Klinik keine Coronastation. Wir versuchen, zu zentralisieren – in Ost und Nord. Das Josef Stift nimmt auf. Da sollen die Coronapatienten betreut werden, damit die anderen in Ruhe die anderen Notfälle abarbeiten können. Aber wenn das Coronageschäft wieder so groß wird, dann müssen wieder alle Kliniken Coronastationen vorhalten. Das macht mir den eigentlichen Druck. Nicht die Arbeit mit den Patienten.

Und noch was anderes. Es ist ein anderes Arbeiten. Auch auf den Intensivstationen. Bei Corona musst du immer mit einer doppelten Personalbesetzung arbeiten. Du musst dich komplett vermummen, darfst das Zimmer auch nicht so einfach verlassen. Muss irgendwas geholt werden, beispielsweise weil die Infusion leer ist, muss jemand beauftragt werden, das zu tun.

Du hast die Altersstruktur der Patienten angesprochen. Derzeit heißt es, dass vor allem ungeimpfte Personen betroffen sind. Kannst Du das bestätigen?

Das sehen wir tatsächlich auch. Ungefähr zwei Drittel der Menschen, die wir auf den Intensivstationen hatten in den letzten Wochen, waren ungeimpft und auch jünger. Dann gibt es auch die klassischen Geimpften mit Co-Morbilitäten.

Was denkst Du, wenn Du Demos von Impfgegnern siehst, schlimmer noch von Corona-Leugnern? Macht Dich das wütend?

Ich kann nicht jede nicht geimpfte Person mit einem Corona-Leugner gleichstellen. Es gibt sicherlich ein paar wenige, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden sollen, wo auch Experten abraten. Es gibt aber sehr viele, bei denen ich nicht weiß, woran es liegt, dass sie sie nicht impfen lassen wollen. Wir wissen doch mittlerweile, dass dieser Impfstoff wirkt. Mit dieser Gegenbewegung hätte ich nicht gerechnet.

Am Anfang habe ich ganz viel Wut gehabt. Das schwenkt ein bisschen um in Resignation. Was soll man tun? In Bassum soll heute Abend eine Demo am Rathaus sein. Ich habe von einer Bekannten einen Link bekommen – was bei Telegram gepostet wird. Wenn ich so was lese, macht mich das wütend und ratlos.

Du planst, da hinzugehen und das Gespräch zu suchen. Was willst Du sagen?

Leute, ihr könnt es mir glauben, ich habe es gesehen, wie diese Frau uns an der Ecmo krepiert ist. Und der Keim ist nachgewiesen. Der heißt Corona. Wir können andere Keime auch nachweisen, MRSA oder den Grippevirus. Das wissen wir.

Bist Du für eine Impfpflicht?

Im Moment kann ich mich nicht dazu durchringen, eine Impfpflicht für alle zu befürworten. Es ist eine Güterabwägung, die getroffen werden muss. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Für mich sind Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, selbstbestimmtes Leben sehr hohe Güter.

Es wäre vernünftig. Ich kann aber auch die verstehen, die sagen: „Versucht noch mehr an der Einsicht zu arbeiten. Werbt mit Argumenten.“

Wir diskutieren auch viel zu Hause. Schutz ist das eine, aber was nimmt man den Menschen? Meine Frau arbeitet auf einer Palliativstation. Da sollten die Menschen, bevor sie auf die Station zum Sterben kommen, einen benennen, der ihn besuchen darf. Es ist ein Drahtseilakt. Wir wissen doch nicht, was jetzt wichtiger ist. Der soziale Kontakt oder müssen wir sie wirklich abschotten vor diesem Virus?

Kommen wir noch einmal zurück zum Pflegeberuf. Der Beruf war vor Corona schon nicht besonders attraktiv. Hat Corona die Situation verschärft?

Ich würde es anders sagen. So war die öffentliche Wahrnehmung. So hieß es in der Berichterstattung. Und so verkaufen es auch unsere Berufsverbände. Mit Corona ist die öffentliche Wahrnehmung anders geworden. Man guckt und fragt die Pflegenden, wie es ihnen geht. Das hat man vorher nicht getan.

Ich vertrete eine andere These: Wenn wir auf die Straße gehen und immer wieder sagen, wie schrecklich unser Beruf ist und dann jungen Leuten in der Schule empfehlen: „Ihr müsst dem Fachkräftemangel entgegnen, kommt doch bitte in diesen furchtbaren Beruf, wo ihr schlecht bezahlt werdet, wo ihr Überstunden machen müsst“.... dann jammert sich Pflege auch ein Stück weit zu Tode.

Was muss anders werden? Muss die Politik etwas anders machen?

Ich kann mir von Politik gar nicht so viel wünschen, weil ich glaube, dass Politik gar nicht so viel falsch macht. Wenn ich sage, uns fehlt die Wertschätzung, dann meine ich nicht unbedingt die Wertschätzung, die von außen kommt. Sondern Wertschätzung, die in den Kliniken nicht stattfindet. Deutsche Kliniken haben viele Jahre bestimmte Prozesse nicht mitgemacht. Sie sind streng hierarchisch geführt und haben immer noch sehr wenig Möglichkeiten, Mitarbeitende an Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

In den 90er-Jahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Früher war es wichtig, einen bestimmten Standard zu erarbeiten. Selbstverwirklichung, Work-Life-Balance sind relativ neue Begriffe. Wir haben es verpasst, unsere Dienstpläne darauf einzustellen, unsere Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse einzubinden. Sie anders wertzuschätzen als nur mit Geld.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Ganz wichtig sind flexiblere Arbeitszeitmodelle. Wir müssen uns auf die Mitarbeiter einstellen, nicht die Mitarbeiter auf uns. Als ich im LDW anfing, hatten wir eine Arbeitszeit. Als ich ging, hatten wir vierzehn. Und auch zufriedenere Mitarbeitende.

Bedeutet das für die Leitung mehr Aufwand?

Am Anfang vielleicht, aber später nicht mehr. Ich hatte davon einen Riesen-Benefit. Das ist aber nur ein Aspekt. Es gibt viele weitere – Menschenbild ist für Chefs das entscheidende Schlagwort.

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