Rainer Hartmann hat für Buch „Tourismus in Afrika“ Reisende auf dem Kontinent interviewt

Zwischen Betroffenheit und Stolz

Rainer Hartmann möchte mit seinem Fachbuch Leser ansprechen, die noch mehr über Strukturen und Hintergründe des afrikanischen Kontinents lernen wollen. Foto: juk

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. 30 Jahre lang leidet das Land Eritrea unter einem Krieg. Dann wird es endlich befreit und 1993 unabhängig. Viele Eritreer, die zuvor Zuflucht in Deutschland gefunden hatten, kehren in ihre Heimat zurück. Ein paar, die in Heidelberg gelebt haben, laden zwei ihrer deutschen Freunde ein, sie zu besuchen. Die beiden Studenten machen sich auf den Weg. Einer davon ist 28 Jahre alt. Sein Name: Rainer Hartmann.

Er und sein Kommilitone erleben ein Land, das nach den Kriegsjahren völlig unberührt ist vom Tourismus. Es gibt keine Infos, mit denen sie sich vorbereiten können, keinen Reiseführer. Die beiden jungen Männer fühlen sich wie richtige Pioniere, erkunden das Land mit Block und Stift in der Hand. Sie schlafen bei ihren Freunden auf der Terrasse, wandern über Viadukte und alte Eisenbahnlinien aus der Kolonialzeit, erleben die wunderschöne Landschaft mit ihren Küsten und Bergen und die offenen, begeisterten Menschen.

Menschen, die sich die Frage stellen, wie sie die Wirtschaft ihres Landes nun ankurbeln können. Vielleicht durch Tourismus? Hartmann ist fasziniert und greift diese Frage in seiner Doktorarbeit auf, in der er ein Konzept zur Entwicklung für Tourismus in Eritrea und Äthiopien entwickelt.

Knapp 30 Jahre ist das nun her. Inzwischen hat der Student von damals seinen Doktor, ist Professor und Fraktionschef der Grünen im Stadtrat Bassum. Und obwohl er lange nicht auf dem afrikanischen Kontinent war, habe der ihn nie ganz losgelassen. Nun hat Hartmann Afrika ein Buch gewidmet, das er gemeinsam mit neun seiner Kollegen verfasst hat. Es trägt den Titel „Tourismus in Afrika“. Und es hat ihm viel Spaß gemacht, wie er bestätigt.

„Es ging mir vor allem um die Frage, ob es nachhaltige Formen der Tourismus-Entwicklung gibt. Vielleicht sogar welche mit Vorbild-Charakter. Dabei liegt der Fokus auf Ländern südlich der Sahara. Im Norden sind die Strukturen ganz anders“, erläutert Hartmann.

Nachhaltiger Tourismus, das sei für den Wissenschaftler ein Tourismus, der sowohl ökonomische und ökologische als auch soziale Aspekte erfülle. „Ich wollte beleuchten, welche Regierungen mitdenken, vielleicht Leitlinien beim Naturschutz vorgeben. Aber auch, welches Land etwas für die Menschen vor Ort tut. Ruanda bietet beispielsweise Ausbildungsprogramme an.“

Ein Kollege von Hartmann stellt ein Projekt vor, bei dem die Touristen von Bewohnern durch die sogenannten Townships geführt werden. Dadurch werden die Menschen in diesen Townships direkt beteiligt und können etwas verdienen, beispielsweise indem sie ein gastronomisches Angebot machen. Ein anderer Beitrag behandelt den Nationalpark in Sansibar und zeigt, was eigentlich mit den Einnahmen passiert, die die Touristen entrichten.

Vier Beiträge hat Hartmann geschrieben. So hat er unter anderem Interviews mit Touristen geführt, die er auf der Route von Kairo nach Kapstadt getroffen hat. „Ich habe mich gefragt, ob sie das deutsche Kolonial-Erbe in Ländern wie Tansania überhaupt wahrnehmen. Einigen war nicht bewusst, dass es überhaupt mal eine deutsche Kolonie war. Aber in Tansania sieht man davon auch nicht mehr viel.“

In Namibia sei das schon anders. „Ein Kollege von mir hat dort die Leute befragt. Einige zeigten Betroffenheit darüber, was die Deutschen der Bevölkerung damals antaten. Andere sprachen mit Stolz über die Bauten und Strukturen, die die Deutschen ja dorthin gebracht hätten. Da war dieser Geist des Kolonialherren noch spürbar. Erschreckend“, findet Hartmann.

Die Infrastruktur Afrikas künde noch heute von jener Zeit, als verschiedene europäische Länder es unter sich aufteilten. „Die Straßen verbinden nicht die Länder miteinander. Sie führen alle nach draußen – um die Rohstoffe wegzubringen und den Kontinent auszubeuten.“

Drei Monate hat er für sein Buch in Afrika verbracht. „Es ist in erster Linie ein Fachbuch geworden“, erklärt Hartmann. „Es richtet sich an Menschen, die sich mit Entwicklungsländern beschäftigen, an Kulturreisende, die sich für Land und Leute interessieren. In jedem Fall kann man viel lernen“, sagt Hartmann. Da es sehr aufwendig recherchiert ist und nur eine geringe Auflage gibt, hat es den stolzen Preis von knapp 100 Euro. Aber Hartmann will auch dafür sorgen, dass die Stadtbücherei Bassum ein Exemplar bekommt.

Und wer lieber online lesen möchte, kann sich Zugriff auf die Staats- und Universitätsbibliothek in Bremen verschaffen.

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