Konstantin Wecker im Interview

68er - die zweitwichtigste Revolution seit Jesus von Nazareth

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Konstantin Wecker begleitete sich am Klavier.

Bassum - Zu einem Benefizkonzert war der Sänger und Liedermacher Konstantin Wecker am Sonntagabend zu Gast auf der Kulturbühne. Zwischen Soundcheck und Konzert bestand Gelegenheit zu einem Interview. Die Fragen stellte Ulf Kaack. Er unterhielt sich mit dem bayerischen Liedermacher und Poeten über Politik, Musik und über seine einstige Heimatstadt Bassum.

Herr Wecker, was verbindet Sie mit Bassum?

Konstantin Wecker: Ich bin gerne hier. Meine Frau kommt aus Bassum, ein Teil meiner Familie lebt hier, ich selbst habe hier während einiger der bittersten Monate meines Lebens gewohnt. Da gibt es schon eine intensive Bindung.

Wie kam es zum Konzert?

Wecker: Eine witzige Story. Ich habe meinem Schwiegervater – Reinhard Berlin, Ihre Leser werden ihn kennen – zum 60. Geburtstag ein privates Konzert geschenkt. Acht Jahre ist das jetzt her, ohne dass wir das auf die Reihe bekommen haben. Sonntag war der 100. Geburtstag der Mutter seiner Frau Hedda. Klar, dass ich da nicht fehlen wollte. Eine ideale Gelegenheit also, das Konzert langfristig gemeinsam mit dem hiesigen Kulturforum vorzubereiten.

Und es handelt sich um ein Benefizkonzert.

Wecker: Ja, aber hinter dieser Initiative steckt wiederum meine Schwiegermutter Hedda. Wir wollten ganz gezielt und umfänglich helfen, so die Idee. Sie hat das mit Bürgermeister Christian Porsch besprochen, und der hat zwei Bassumer Familien benannt, die sich akut in einer Notlage befinden. Denen wird konkret geholfen – schnell, ohne bürokratische Hürden und mediales Beiwerk. Den Rest aus dem Topf erhält eine Obdachlosenzeitung in Bremen.

Politisch gehören Sie dem linken Spektrum an. Wie sehen sie das Mitgliedervotum der SPD für eine Große Koalition?

Wecker: Früher hätte ich wütend aufgeschrien, heute nehme ich diesen Vorgang mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis und formuliere meine Kritik daran mit leiseren, dennoch scharfen Worten. Warum keine Minderheitsregierung, das funktioniert in anderen Staaten rund um den Globus doch auch? Die europäische Sozialdemokratie hat sich selbst verraten, sie hat versagt in ihrer ureigenen Aufgabe. Es bedarf nun einer radikalen Erneuerung, keinesfalls einer leidensverlängernden Maßnahme namens GroKo. Spätestens mit der Agenda 2010 begann der inhaltliche Niedergang der SPD. Sie hat sich von ihrem Kern, dem Sozialen, entfernt, sich dem Neoliberalismus und dem Turbokapitalismus angebiedert, Konzernen und einzelnen Menschen die Macht überlassen. Das Versagen der Sozialdemokratie hat das Hochkommen der AfD erst möglich gemacht. Das gilt im Übrigen für die gesamte Euro-Linke und bedarf einer tief greifenden Korrektur.

Haben die 68er versagt?

Wecker: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe diese Zeit sehr intensiv miterlebt. Die Studentenbewegung in Deutschland war ja nur ein Teil des globalen Prozesses, der sich aus der Hippie-Szene heraus entwickelt hat. Wir haben vieles geschafft seit damals. Die Gesellschaft ist viel offener und toleranter geworden. Und wir haben unsere dunkle Vergangenheit aufgearbeitet, was in Ländern wie den USA, Japan oder Belgien überhaupt nicht der Fall ist. Vieles scheiterte an den Eitelkeiten einzelner oder verkam zur Ideologie. Doch im Vergleich mit anderen Staaten haben die 68er in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen. Für mich verkörpern die 68er die zweitwichtigste Revolution seit Jesus von Nazareth.

Welche Rolle spielt die Musik, speziell die ihre darin? Gerade haben Sie sieben Mal in Folge im Münchner Zirkus Krone vor ausverkaufter Kulisse gespielt.

Wecker: Die Musik ist ein wichtiges Medium in Politik und Gesellschaft. Immer gewesen und auch heute noch so. Ich bin mit der italienischen Oper groß geworden, mit Schumann und Schubert. Musik ist mir heilig, doch dient sie mir vor allem dazu, Worte und Poesie zu den Menschen zu übermitteln. Kürzlich sagte eine ältere Dame zu mir: Bei deinen Konzerten kann ich für drei Stunden wieder richtig Gutmensch sein … Das sagt doch einiges aus. Ich werde ja in die Schublade der Liedermacher gesteckt. Schaut man sich die Protagonisten dieses Genres mal an – Hannes Wader, Klaus Hoffmann, Reinhard Mey, sie sind alle noch da und gefragt wie eh und je.

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