Keine neue Gastspiel-Chance 

Zirkus strandet in Bassum

Kosten, aber keine Einnahmen: Der Zirkus Francalli leidet zurzeit extrem unter der Pandemie.
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Kosten, aber keine Einnahmen: Der Zirkus Francalli leidet zurzeit extrem unter der Pandemie.

Der Weihnachtszirkus Francalli ist in Bassum gestrandet – wegen Corona. Weil die Veranstaltungsregelungen weiter verschärft worden sind, ist für Zirkusdirektor Miguel Frank eine wichtige Zusage gestrichen: „Geplant war, auf einem Privatgrundstück in Diepholz zu gastieren“, sagt der 43-Jährige, „weil der Festplatz in Diepholz schon seit September gesperrt ist“.

Aber nun habe auch der Grundstücksbesitzer seine Zusage zurückgenommen – wegen der aktuellen Corona-Einschränkungen für Veranstaltungen.

Corona bringt Zirkus-Familie in Not

Das Virus hat Miguel Frank und seine 15-köpfige Familie in eine große Notlage gebracht. Deshalb ist der Zirkusdirektor der Stadt Bassum von Herzen dankbar, dass er den Festplatz am Bahnhof weiter nutzen darf. Auch wenn die Zirkus-Crew keine weiteren Vorstellungen geben darf. Die Zahl der – genau festgelegten – Veranstaltungstage ist erschöpft, am 6. Januar war Schluss.

19 Shows hatte der Weihnachtszirkus angeboten, aber einige mussten mangels Besuchern abgesagt werden. Dass die Menschen Angst vor Corona haben und Veranstaltungen meiden, kann Miguel Frank verstehen. Zwischen 60 und 80 Gäste kamen im Schnitt zu den Shows. „Aber Heiligabend waren es 146“, freut sich der Zirkusdirektor, „und am Sonntag nach Neujahr fast 200“. Über jeden einzelnen Gast seien die Artisten glücklich gewesen. Denn seit 2019 durften sie erstmals wieder ihr Können im Zirkuszelt zeigen.

Zirkus: 15 Monate Zwangspause

Sieben Monate Pause diktierte die Pandemie dem Zirkus allein im Jahr 2020 – und weitere acht Monate Pause im vergangenen Jahr: keine Vorstellungen, keine Besucher, keine Einnahmen. Aber die Kosten laufen weiter.

Wie viel Futter braucht Miguel Frank für seine 15 Pferde, vier Kamele, zwei Texas-Longhorn-Rinder, zwei argentinische Minipferde und weitere Vierbeiner? „Pro Tag einen bis eineinhalb Rundballen Heu und fünf Zentner Kraftfutter“, antwortet der 43-Jährige, „und natürlich Stroh und Sägemehl.“ Das muss bezahlt werden – genau wie Heizöl und Kraftstoff, Wasser und Strom.

Wer die Lichtanlagen mit den Großsternen und die Veranstaltungstechnik gesehen hat, ahnt: 1 000 Euro Stromkosten im Monat kommen schnell zusammen. Der Zirkusdirektor spricht nicht gern über die wirtschaftliche Seite. Aber sein Blick ist ernst: „Wir haben uns von den Corona-Pausen der letzten Jahre noch nicht erholt. Das steckt uns noch in den Knochen.“

„Wir bekommen kein Kurzarbeiter-Geld“

Kann er Corona-Beihilfen beantragen? Miguel Frank nickt, schränkt aber ein: „Das ist alles läpperlich.“ Beihilfen gebe es nur für Instandsetzungen und Reparaturen. Maximal 30 Prozent seien möglich – aber erst, wenn nachweislich die Hälfte der Einnahmen weggebrochen sei. Berechnungsgrundlage sei 2019, das Jahr vor Corona. Vor allem: „Die Rechnungen muss ich erst mal selbst bezahlen und dann einreichen.“ Wenn ein Antrag bewilligt werde, komme das Geld vielleicht in drei Monaten. Corona-Beihilfen für Tierfutter gibt es nicht, so der Zirkusdirektor – ebenso wenig wie Unterstützung für die Artisten: „Wir bekommen kein Kurzarbeiter-Geld.“ Deshalb hätten einige notgedrungen als Verkaufskräfte an Weihnachtsmarkt-Ständen gearbeitet.

Frank ist froh, dass in den 15 Monaten Corona-Pause Freunde, Bekannte und hilfsbereite Menschen den Zirkus mit Heu und Kraftfutter unterstützten – oder eine Halle für Reparaturen an Fahrzeugen zur Verfügung stellten. „Ohne sie hätten wir es nicht geschafft“, ist der 43-Jährige zutiefst dankbar.

Denn ein Leben ohne den Zirkus – das kann sich Frank nicht vorstellen: „Ich bin damit aufgewachsen!“ Menschen mit Zirkuskunst zu erfreuen, ist ihm und seinen Kollegen ein Herzensbedürfnis: „Das liegt uns im Blut.“

Doch jetzt müssen sie die nächste Zwangspause schultern. Etwa vier Wochen, so schätzt Miguel Frank, wird der Zirkus noch am Bassumer Bahnhof bleiben müssen – wenn nicht vorher eine andere Platzerlaubnis kommt. Ab Anfang März darf der Zirkus in Brinkum gastieren. Danach soll es nach Achim oder nach Löhne/Westfalen gehen.

Das Training geht in der Zwangspause weiter – wenn auch nicht im Zelt, weil das schon abgebaut werden musste. Sorgsam kümmern sich Miguel Frank und seine Mitstreiter um das Wohl der Tiere auf dem Platz.

Wasserleitungen eingefroren

Nicht nur die wirtschaftliche Seite ist eine enorme Herausforderung, sondern auch das Wetter: Schon Ende Dezember waren bei nächtlichen Temperaturen von minus zwölf Grad die Wasserleitungen eingefroren: „Mit der Zeltheizung haben wir die Schläuche aufgetaut“ , berichtet der Zirkusdirektor.

Miguel Frank weiß, dass gerade die tierischen Artisten viele große und kleine Fans haben. Auch wenn sie in der Manege nicht mehr zu bewundern sind: „Wer möchte, darf gerne vorbei kommen“, sagt Miguel Frank, der Pferde und Kamele, Longhorn-Rinder und Ponys Interessierten gern zeigt – unter den geltenden Hygienevorschriften. Möhren oder trockenes Brot dürfen gern mitgebracht werden. Wer die aktuelle Situation des Zirkus kennt, weiß: Auch Heu, Kraftfutter und Stroh werden gebraucht – ganz sicher auch ein Zuschuss für die laufenden Kosten. Aber darüber spricht Frank nicht gerne, er will auf keinen Fall einen Bettel-Eindruck erwecken.

Dass Unbekannte versuchen, im Namen des Zirkus an Geld zu kommen, musste der 43-Jährige schon erleben. Die Täter „verkauften“ falsche Karten an der Haustür (wir berichteten). Jetzt ist der Zirkusdirektor in Sorge, dass die Täter an den Haustüren um Spenden betteln könnten. Deshalb warnt er ausdrücklich: „So etwas macht die Familie Frank nicht!“

Wer sie besuchen möchte, kann Kontakt aufnehmen unter 0173 / 6094464.

Von Anke Seidel

Miguel Frank: „Wir bekommen kein Kurzarbeiter-Geld.“

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