Wolfgang Rehling, Verkehrssicherheitsberater der Polizei, zum geplanten Ausbau 2+1 der Bundesstraße 51

„Raser bremsen sich selbst“

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Immer wieder ereignen sich auf der B51 schwere Unfälle. Der Ausbau 2+1 soll die Gefahr minimieren. Archivfoto

Bassum - Von Frauke Albrecht. Seit 2002 arbeitet die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr zusammen mit der Polizei an dem Projekt 2+1. Auf mehreren Abschnitten der Bundesstraße 51 sollen Überholspuren ausgebaut werden. Hintergrund sind die steigenden Unfallzahlen. Der erste Streckenabschnitt zwischen Klenkenborstel und Fesenfeld wird vorbereitet. Wolfgang Rehling von der Polizei Diepholz und Geschäftsführer der Verkehrswacht dazu im Interview.

Herr Rehling, was erhoffen Sie sich von der Maßnahme?

Wolfgang Rehling: Grundsätzlich erhoffen wir uns eine Senkung der seit Jahren hohen Unfallzahlen mit vielen Getöteten und Schwerverletzten auf der B51.

Der Ausbau soll Autofahrern den Druck nehmen, heißt es. Nun sieht die Planung an drei Stellen des Abschnittes Querungsmöglichkeiten vor. Nur dort dürfen Verkehrsteilnehmer auf die B51 auf- und abfahren. Und nur dort können Radfahrer und Fußgänger die Straße kreuzen, eventuell mit Hilfe einer Ampel. Erhöht das nicht den Druck, weil der Verkehr öfter zum Stillstand kommt?

Rehling: Der Ausbau 2+1 ist ein typischer Ausbau, um Überholunfälle und Unfälle in Verbindung mit ein- und abbiegenden Fahrzeugen zu verhindern. Bei den wenigen Querungsmöglichkeiten, die über Geschwindigkeitsbegrenzungen oder auch Signalanlagen abgesichert werden können, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, mit Ein- und Abbiegern zu kollidieren. Die Signalanlagen sind ja nicht immer Rot. Es kann also nur zu Stockungen kommen, wenn es aus den Seitenstraßen, beispielsweise der L340, Anforderungen gibt. Durch eventuelle Wartezeiten schließen die schnelleren Fahrzeuge auf die langsameren Lastwagen auf. Dadurch bilden sich kleine Kolonnen, die am nächsten zweistreifigen Abschnitt alle Lkw gleichzeitig überholen können, ohne durch Gegenverkehr behindert zu werden.

Es tritt also, nach aller Erfahrung aus anderen Landkreisen, genau das Gegenteil ein. Durch das erleichterte Überholen wird der Druck von den schnelleren Fahrzeugführern genommen, und sie fahren überraschender Weise auch in den Ortschaften angepasster und weniger aggressiv.

Werden Autofahrer nicht eher zum Rasen verführt? Vor allem im Hinblick auf nicht ausgebaute Streckenabschnitte. Provokant ausgedrückt: Statt Autofahrer zu disziplinieren, werden sie zum Gas geben aufgefordert?

Rehling: Wir haben das Instrument der Disziplinierung in den letzten zwölf Jahren auf das höchstmögliche Maß gesteigert. Mehr ist nicht möglich. Im Übrigen bremsen sich die möglichen Raser selbst. Es wird natürlich weiterhin zulässige Höchstgeschwindigkeiten geben, die auch überwacht werden. Es wird auch vor der Reduzierung auf eine Fahrspur Überholverbote geben, die man sehr gut überwachen kann. Außerdem sorgen bauliche Feinheiten dafür, dass sich niemand auf die Gegenfahrspur „verirrt“.

Und, um es noch einmal zu sagen, die rücksichtslosen Raser verhindern wir, indem wir ihnen das Argument nehmen, rücksichtslos zu sein.

Ich habe mich lange mit derartigen Strecken in anderen Bundesländern und in Niedersachsen beschäftigt. Natürlich gibt es überall schwarze Schafe. Aber die Spitzengeschwindigkeiten und die Aggression, wie zum Beispiel dichtes Auffahren und Drängeln, gehen deutlich zurück.

Warum sind Ihrer Meinung nach feste Blitz-Anlagen, Tempo-Reduzierung und Überholverbot keine Lösung – vor dem Hintergrund der hohen Kosten des Ausbaus 2+1? Allein der erste Bauabschnitt wird auf 6,5 Millionen Euro geschätzt.

Rehling: Feste Blitz-Anlagen wie in Bassum und Fahrenhorst haben ihre positive Wirkung, allerdings nur auf einer Strecke von maximal 500 Metern. Mit ihnen kann man eine Kreuzung, wie in Bassum, oder einen Ortseingang, wie in Fahrenhorst, beruhigen, aber keine Strecke, wie die komplette B 51 oder auch nur Teilstücke. Diese Möglichkeit bietet „Section Control“, das erstmalig in Deutschland gerade jetzt im Großraum Hannover auf der B 6 zwischen Laatzen und Gleidingen getestet wird. Da aber im Überwachungsbereich des Streckenradars keine Straßen oder Grundstücke einmünden dürfen, kam die B51 als Teststrecke leider nicht in Frage.

Vor dem Hintergrund des volkswirtschaftlichen Schadens von mehr als vier Millionen Euro pro Jahr hat sich das erste Teilstück in spätestens zwei Jahren amortisiert. Die Finanzen stehen angesichts des enorm hohen Schadens auf der B 51 in keinem Verhältnis.

Gab es Alternativen, die im Rahmen der Planungen diskutiert und verworfen worden sind? Und wenn ja, welche?

Rehling: Alle Alternativen unterhalb eines Ausbaus der B 51 haben wir durchgeführt. (Anmerkung der Redaktion: siehe nebenstehenden Kasten).

Um das Unfallgeschehen weiter reduzieren zu können, bedarf es eines verkehrsgerechten Ausbaus. Da sind die Alternativen der von uns favorisierte 2+1 Ausbau oder der 2+2 Ausbau. Letzteren wollten wir nicht, weil er wahrscheinlich Ausweichverkehr auch von der Autobahn anlockt.

Anwohner der Bundestraße51 fürchten eine weitere Zunahme des Schwerlastverkehrs. Teilen Sie diese Befürchtung?

Rehling: 2+1 bietet keine zeitlichen Vorteile für Lkw, da es für sie ein Überholverbot geben wird. Daher ist er nach Auffassung aller Fachleute das richtige Mittel, um die Probleme auf der B51 zu reduzieren.

Daten und Fakten:

Wolfgang Rehling zu der Entwicklung der Unfallzahlen: Von 1999 bis 2001 ereigneten sich auf der gesamten B51 insgesamt 1136 Verkehrsunfälle mit 19 Getöteten, 97 schwer verletzten und 381 leicht verletzten Personen. Das waren durchschnittlich pro Jahr 379 Verkehrsunfälle mit statistisch 6,3 Getöteten, 32 Schwerverletzten und 127 Leichtverletzten.

Daraufhin hat die Unfallkommission alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die sie hatte. Das ging von veränderten Verkehrsregelungen, Aufhebung der Überholverbote an bestimmten Stellen, veränderten Mittelmarkierungen, Einbau von Linksabbiegehilfen, dem Umbau der Kreuzung B51/B61 in Bassum und einer verstärkten Verkehrsüberwachung bis hin zur Stationierung zweier ortsfester Geschwindigkeitsmessanlagen.

Die letzte Langzeitauswertung der Jahre 2011 bis 2014 ergibt bei 920 Verkehrsunfällen sechs Getötete, 69 Schwerverletzte und 272 Leichtverletzte. Das sind durchschnittlich pro Jahr 230 Verkehrsunfälle, 1,5 Getötete, 17 Schwerverletzte und 68 Leichtverletzte.

Die Maßnahmen haben eine enorme Verbesserung der Verkehrssicherheit auf der B 51 bewirkt. Dennoch sind die Zahlen eindeutig zu hoch. Es entsteht immer noch jährlich neben dem enormen menschlichen Leid ein volkswirtschaftlicher Sachschaden von über 4,3 Millionen Euro.

Weiteres Vorgehen der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr: Zum Jahreswechsel soll das Planfeststellungsverfahren beim Landkreis beantragt werden. Dieses Verfahren dauert mindestens ein Jahr. Sollte es zur Genehmigung kommen und niemand klagen, bereitet die Behörde den Bau vor. Baubeginn wäre frühestens 2018.

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