„Da wird Chaos entstehen“ 

Trotz Mangel in der Region: Ärztin aus Bassum schließt wegen neuer Gesetze ihre Praxis

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Ärzte, die auf dem Land praktizieren, werden gesucht. Deswegen arbeiten viele Mediziner, obwohl sie längst in den Ruhestand hätten gehen können. Die neuen Gesetze treffen sie besonders, meint die KVN.

Bassum - Sie ist das, was der Landkreis Diepholz verzweifelt sucht: Eine Ärztin, die gerne auf dem Land arbeitet, eine eigene Praxis mit viel Herzblut führt und obwohl sie bereits die Altersgrenze von 60 Jahren überschritten hat, weitermachen will. Aber sie hört auf. Weil sie sich von den Gesetzen aus dem Gesundheitsministerium, die bereits in Kraft getreten sind und noch in Kraft treten werden, dazu gedrängt fühlt.

Die Verärgerung ist Cornelia (Name von der Redaktion geändert) anzumerken. 30  Jahre lang hat sie gern den Menschen geholfen, Heim- und Hausbesuche gemacht. Und sie fürchtet, dass sie nicht die einzige Kassenärztin bleiben wird, die aufgrund der neuen Gesetze das Handtuch wirft.

Cornelia, die im Raum Bassum ihre Praxis hat, will ihre Person nur am Rande erwähnt wissen, denn es geht ihr um die Sache, um Aufklärung. „Viele Patienten wissen vermutlich gar nicht, was demnächst noch alles kommen wird und was die Gesetze für ihre Ärzte bedeuten.“

Sorgen gemacht habe sie sich schon im vergangenen Jahr, als im Koalitionsvertrag stand, dass die Mindestsprechstundenzahl der Kassenärzte von 20 auf 25 erhöht wird. „Eine Sprechstunde ist ja nicht wie eine Arbeitsstunde. Der Arzt arbeitet vorher und auch danach. Das heißt, 20 Sprechstunden entsprechen etwa einer Arbeitszeit von bis zu 40 Stunden. Nun ist es aber so, dass über 90  Prozent aller Ärzte sowieso mehr machen. Kaum einer hat eine 40-Stunden-Woche. Zu denen gehörte ich auch viele Jahre.“

Hoffnung auf Ausnahme erfüllt sich nicht

Doch als sie 60 Jahre alt wurde, reduzierte sie ihre Mindestzahl auf 20 Stunden, war für ihre Patienten, bis auf montags, nur noch vormittags da. Die konnten das nachvollziehen.

„Ich hatte immer gehofft, dass dieses Gesetz nicht in Kraft tritt. Die zehn Prozent der Ärzte, die 20 Sprechstunden anbieten, haben gute Gründe, es so zu machen, wie zum Beispiel das Alter. Aber danach hat niemand gefragt. Ich hatte gehofft, man würde für sie eine Ausnahme schaffen. Denn kann man es sich in der Zeit des Ärztemangels wirklich leisten, auch nur zehn Prozent zu vergraulen?“

Aber das Gesetz ist im Mai in Kraft getreten und Cornelia zog die Konsequenzen. „Dazu war ich nicht mehr bereit. Ich möchte für meine Patienten da sein, aber mit 65   Jahren will und kann ich nicht mehr so viele Stunden arbeiten.“

Kassenärztlichen Vereinigung hat gewarnt

Für Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, ist Cornelia ein Paradebeispiel. „Wir haben das Gesundheitsministerium davor gewarnt, dass wir mit der Verordnung viele ältere Ärzte vergrätzen werden. Es ist das erste Mal, dass der Staat auf diese Weise eingreift und die Zahl von Sprechstunden festlegt.“

Ein weiterer Punkt, der Cornelia die Freude an der Arbeit verdorben hat, ist die Telematik. Telematik bedeutet verkürzt erklärt, dass Ärzte, Apotheker, Physiotherapeuten und alle anderen, die mit der Betreuung eines Patienten betraut sind, sich online über dessen Daten austauschen können. Zuerst werden die Ärzte angeschlossen, im kommenden Jahr alle anderen. Ein Ende der Papierwirtschaft – doch für Cornelia auch eine Gefahr für die Privatsphäre. „Die Daten werden in einer Cloud gespeichert. Aber was, wenn diese gehackt wird?“

„Gerade ältere Ärzte trifft das hart“

Einige Ärzte sehen es so wie Cornelia und wollen sich nicht anschließen lassen. Die werden dann ab dem 1. Oktober rückwirkend vom 1. Januar an mit einer Honorar-Kürzung von einem Prozent bestraft. Wer sich bis 2020 nicht angeschlossen hat, bekommt sogar eine Kürzung von 2,5   Prozent.

„Gerade ältere Ärzte trifft das hart, weil sie kurz vor ihrem Ruhestand noch mal eine ganze neue Technik installieren sollen“, sagt Detlef Haffke. „Außerdem ist für die Telematik eine sehr gute Internetverbindung nötig, wie es sie in manchen Regionen noch gar nicht gibt.“

Große Belastung für Fachärzte ab September

Eine große Belastung kommt auch auf nahezu alle Fachärzte-Praxen zu, denn die müssen ab dem 1. September pro Arzt fünf offene Sprechstunden anbieten. „Die Kollegen arbeiten ohnehin schon rund um die Uhr, und in der Zeit, die sie für Sprechstunden reservieren müssen, können sie keine Termine vergeben. Also werden Termine weniger“, sagt Cornelia. „Und was ist, wenn 20 Patienten in eine offene Sprechstunde kommen, die Ärzte aber nur zehn drannehmen können? Sollen die anderen zehn am nächsten Tag nochmal kommen und hoffen, dass sie diesmal behandelt werden? Keiner kennt die Antwort. Da wird Chaos entstehen, denn diese Verordnung ist fernab der Lebenswirklichkeit.“

Detlef Haffke bestätigt Cornelias Aussage: „Das Termine-Service-Versorgungsgesetz wurde geschaffen, damit die Leute schneller Termine bekommen. Es wird aber schwerer werden, da die Leute stattdessen in die Sprechstunde geschickt werden. Wir haben viele Anfragen von Praxen, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. Wir können ihnen jedoch keine befriedigenden Antworten geben. Und die Politik sagt, das müssen die Praxen für sich lösen.“

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