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Familie aus Telsiai berichtet: „Wir sitzen alle im selben Topf“

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Von: Gregor Hühne

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Nijole und Vaclovas Vaicekauskai.
Freunde aus Litauen: Nijole und Vaclovas Vaicekauskai sind besorgt, was Putin-Russland als Nächstes plant. © privat

Der Freundeskreis europäischer Partner Bassum ist in Gedanken im litauischen Telsiai. Der Verein widmet sich dem Frieden und der Völkerverständigung in Europa. Vorsitzende Johanna Block ist dieser Tage in Kontakt mit Menschen in dem Baltikum-Staat, der sich von Putin-Russlands Großmachtfantasien bedroht fühlt.

Bassum/Litauen – Die Mitglieder des Freundeskreises europäischer Partner Bassum sind in Sorge um ihre litauischen Freunde. Der Verein unterhält seit Langem Freundschaften zur französischen Stadt Fresnay sur Sarthe, ins englische Spilsby sowie in das litauische Telsiai. Eine Familie aus dem Baltikum-Staat an der russischen Grenze berichtet vom Leben mit der Bedrohung.

Am Montagabend telefonierte Johanna Block, die Vorsitzende des Freundeskreises, per Videokonferenz mit Nijole und Vaclovas Vaicekauskai in Litauen. „Sie freuen sich, dass wir an sie denken“, berichtet Johanna Block. Die litauischen Eheleute versuchten, den Alltag zu leben, obwohl die Ängste da seien. Die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) ist rund 60 Kilometer entfernt.

Andernorts in Europa seien die Großmachtfantasien von Putin nicht so ernst genommen worden wie von den Menschen in Litauen, gibt Johanna Block die Gedanken der befreundeten Familie Vaicekauskai wieder. Dort im Baltikum hätten die Menschen Angst, dass Putin einen Korridor zur Exklave Kaliningrad durch Litauen oder Polen schlagen könnte.

Bundeswehr führt Battlegroup in Litauen

Vor allem herrsche in der litauischen Bevölkerung aber ein Gefühl der gemeinsamen Verteidigung und Dankbarkeit durch die Unterstützung von europäischen und Nato-Partnerländern. Dankbar sind die Vaicekauskas insbesondere über die ausländische Militärpräsenz der Allianz in ihrem Land, die im Rahmen der Enhanced Forward Presence (dt.: Verstärkte Vornepräsenz) die Ostflanke des Bündnisgebiets sichert. Deutschland führt laut Verteidigungsministerium die Nato-Battlegroup (dt.: Kampfgruppe) in Litauen. Kürzlich erst habe die Bundeswehr ihre Kampftruppen in dem 2,7-Millionen-Einwohner-Land auf rund 350 Soldaten erhöht.

An Flucht denke derweil keiner in Litauen, auch lägen keine „Notfallpläne“ in der Schublade der Vaicekauskai. „Die jungen Leute wollen kämpfen und ihre Heimat verteidigen“, berichtet Johanna Block über ihre jüngsten Eindrücke aus dem baltischen Land. Selbst bei dem Mangel an Ärzten, den es dort gebe, wollten einige Mediziner in die Ukraine reisen, um dort zu helfen, berichtet sie aus ihrem letzten Gespräch. „Die Litauer haben nicht vergessen, dass ihnen in den 1990er-Jahren Hilfe zukam“, so Johanna Block. Heute gehe es Litauen besser und sie können selbst anderen helfen.

Johanna Block.
Beistand im Geiste: Johanna Block vom Freundeskreis europäischer Partner bangt mit den Freunden. © Johanna Block

In Litauen lebten zudem viele Menschen, die 2019 nach den Massenprotesten im Nachbarland Weißrussland gegen den Machthaber Lukaschenko demonstrierten und anschließend in dem kleinen Nachbarland Zuflucht fanden, berichtet Johanne Block. Diese Menschen teilten ihre Erfahrung.

Nun will der Verein, der sich 1993 gründete, weiter mit Telsiai in Kontakt bleiben. Die Freundschaft besteht seit 2009. „Wir werden in Kontakt bleiben“, sagt Johanna Block, „und in Gedanken bleiben und seelisch unterstützen.“ Mehr könnten sie momentan nicht tun. „Wir sitzen alle im selben Topf“, sagte Nijole Vaicekauskai zu Johanna Block. In Litauen heißt das Sprichwort anders als im Deutschen und meint doch dasselbe.

Früher Feinde, heute Freunde

Früher waren der französische und der deutsche Staat erbitterte Erzfeinde, heute eint beide Völker eine tiefe Freundschaft. Das könne für die Zukunft ein Beispiel für Russen und Ukrainer sein. Diese Idee wolle der Freundeskreis europäischer Partner pflegen und plant am 27. Mai zum 50-jährigen Jubiläum die Erneuerung der Charta, um das Friedensversprechen zu erneuern. Stattfinden soll die Veranstaltung in Frankreich – auch mit einer Delegation aus der litauischen Stadt Telsiai.

Menschen sollen einen Notfallkoffer anlegen

Carsten Werft, Vorsitzender des Vereins Freundeskreis Litauen aus Twistringen, schildert, dass er am vergangenen Wochenende Kontakt zu Freunden in Kaisiadorys hatte. Die litauische Stadt sei nur rund 30 Kilometer von der Militärbasis der Nato in Rukla entfernt. Aus dem Gespräch gehe hervor, dass die litauische Regierung ihre Bürger ermahnt, nicht panisch zu reagieren und die weitere Entwicklung abzuwarten. Allerdings sei den Bürgern empfohlen worden, Vorräte für bis zu sieben Tage anzulegen und gegebenenfalls einen Notfallkoffer (Kleidung, Dokumente, Medikamente) zu packen.

In den Großstädten Vilnius und Kaunas würden Flüchtlingsunterkünfte (beispielsweise durch die Malteser) vorbereitet. Bisher sei die Anzahl ukrainischer Flüchtlinge nach Litauen relativ gering, die meisten Flüchtlinge gingen mehr in Richtung Westen.
Das Entsetzen über den Krieg in der Ukraine sei wie überall sehr groß. Eine konkrete Angst sei jetzt noch nicht vorhanden, schildert Werft. Allerdings sei die Anspannung auch in Kaisiadorys sehr groß.

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