Bessere Maßnahmen gefordert

Corona-Krise - Zahnärzte schlagen Alarm: „Wir können Patienten nicht schützen“

Sorgen sich um die Sicherheit ihrer Patienten und ihrer Angestellten: Gabriel Magnucki (links) und Christian Schomaker. Foto: Kreykenbohm
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Sorgen sich um die Sicherheit ihrer Patienten und ihrer Angestellten: Gabriel Magnucki (links) und Christian Schomaker.

Update vom 30. März: Der Verein „Zahnärzte für Niedersachsen“ sieht angesichts der Corona-Krise die gesundheitliche Versorgung in Niedersachsen gefährdet. Zahnärzte würden nicht gleichberechtigt mit Schutzkleidung und Schutzmaterial ausgerüstet oder dahingehend finanziell unterstützt, heißt es in einer Meldung des Vereins.

„Das ist ein unerträglicher Skandal“ stellt der Vorsitzende der „Zahnärzte für Niedersachsen“, Henner Bunke, fest: „Gerade in einer Zeit, in der Zahnärztinnen und Zahnärzte ihre Patienten nicht im Regen stehen lassen, verlangen wir vom Staat zumindest eine Gleichbehandlung mit anderen Medizinberufen, wenn die gute und flächendeckende zahnärztliche Versorgung insbesondere für Notfälle auf Dauer aufrechterhalten werden soll.“

Obwohl Patienten und Personal sich unbestreitbar nah kommen, werde Zahnärzten in der Corona-Krise darauf hingewiesen, sich selbst versorgen zu müssen. Um die zahnmedizinische Versorgung, den Erhalt der Praxen in Niedersachsen und die Gesundheit der darin Beschäftigen zu erhalten, müsse diese bewusste Ausgrenzung enden, mahnt Bunke. (kom)

Originalartikel vom 20. März: Bassum - Sie stehen in einem unglaublichen Interessenkonflikt. Sie wollen Menschen helfen – aber auch nicht sich und ihre Mitarbeiter dadurch gefährden. Sie müssen wirtschaftlich arbeiten, um ihre Existenz nicht zu verlieren – möchten aber auch nicht ihre Patienten in Gefahr bringen. Die Situation der Zahnärzte ist in der Corona-Pandemie extrem belastend. Das merkt man Christian Schomaker auch an.

Der Bassumer Zahnarzt will seinen Auftrag erfüllen. Aber er sagt auch ganz klar: „Wir können uns nicht schützen, wir können unsere Mitarbeiter nicht schützen und wir können unsere Patienten nicht schützen. Das sollen die Leute wissen. Zahnärzte sind Multiplikatoren.“

Sein Kollege Dr. Gabriel Magnucki nickt. „Wir behandeln zwar mit Mundschutz, aber der bietet keinen Schutz bei Corona. Überall heißt es: Abstand halten – und wir arbeiten 30 Zentimeter über dem geöffneten Mund eines Menschen, von dem wir nicht wissen, ob er infiziert ist.“

Aus diesem Grund haben die beiden Zahnärzte die Leistungen ihrer gemeinsamen Praxis drastisch eingeschränkt: Halbjahres-Kontrollen fallen so gut wie weg, Zahnreinigungen und Zahnsteinentfernungen ganz. „Wir machen nur noch Schmerzbehandlungen und bringen angefangene Behandlungen zu Ende“, so Magnucki. Und er wünscht sich, dass auch alle anderen Zahnärzte so entscheiden würden.“

Schon gesehen? Aktuelle Informationen rund um die Ausbreitung des Coronavirus im Landkreis Diepholz gibt es in unserem News-Ticker zum Nachlesen.

Coronavirus: Kein Schutz für nachfolgende Patienten

Denn Fakt sei: „Wir haben keine ausreichende Schutzkleidung.“ Bei Behandlungen im Mund, wo mit Wasser gearbeitet wird, entsteht der sogenannten Aerosol-Nebel – ein Luft-Wasser-Gemisch, welches mehrere Stunden in der Raumluft verbleibt. Da das Coronavirus, laut Robert Koch-Institut, hauptsächlich über Tröpfchen und teilweise über die Bindehäute der Augen übertragen wird, können auch nachfolgende Patienten nicht sicher geschützt werden.

Auch die Ärzte und ihre Mitarbeiter sind dem ausgeliefert, so lange sie keinen hochwertigen Mundschutz tragen. „Wir haben glücklicherweise einen begrenzten Zugang zu einigen Mundschutzen der Schutzklasse FFP2, der uns als Träger schützt, aber nicht Menschen in unserer Umgebung, sollten wir selbst infiziert sein. Am besten wäre ein FFP3-Mundschutz, der sowohl Träger als auch Umgebung schützt. Allerdings ist dieser ist im Moment nicht zu erhalten. Das müsste von offiziellen Stellen geregelt werden.“

Coronavirus: Jeder Zahnarzt muss selbst entscheiden

Was von den offiziellen Stellen komme, sei ohnehin keine Hilfe, sondern ziemlich verwirrend. „Die Kassenzahnärztliche Vereinigung sagt: ,Ihr habt einen Versorgungsauftrag, haltet die Praxen uneingeschränkt offen.’ Und die Zahnärztekammer sagt: ,Macht nur noch Schmerzbehandlungen’.“ Jetzt muss quasi jeder Zahnarzt selber entscheiden.

Der Gedanke, unabsichtlich seine Patienten und Mitarbeiter zu infizieren, setzt Schomaker sehr zu. „Ich schlafe nachts schon nicht mehr. Wir haben bis zu 400 Patienten die Woche. Und wenn meine Mitarbeiter krank werden, bin ich dann verantwortlich?“ Darum appelliert er an alle: „Kommen Sie nur noch im absoluten Notfall zum Zahnarzt. Nehmen Sie Rücksicht. Überlegen Sie bei jedem Schmerz, ob er es Wert ist, dass Sie sich und uns in Gefahr bringen. Damit schützen Sie nicht nur sich und andere. So werden auch Ressourcen gespart. Nach jeder Behandlung muss der Zahnarzt seine Schutzkleidung wechseln. Und beispielsweise Handschuhe und Mundschutze sind schon jetzt kaum noch zu bekommen. Eigentlich müssten wir diese Ausrüstung den wirklichen Notfällen vorbehalten. Wer weiß, wann die Artikel wieder geliefert werden?“

Corona: Wochenend-Regelung für Zahnarztpraxen?

Schomaker und Magnucki werden ab der kommenden Woche ihre Praxis nur noch vormittags geöffnet haben und mit halbem Team arbeiten. „Damit können wir sicherstellen, dass bei einer teaminternen Quarantänesituation nur die Hälfte der Mitarbeiter betroffen ist und der Behandlungsbetrieb aufrecht erhalten bleiben kann.“ Doch eigentlich wünschen sie sich eine neue Struktur. „Ich habe schon mit dem Notdienstbeauftragten gesprochen, ob wir nicht eine Regelung wie am Wochenende einführen können, bei der nur noch fünf oder sechs Praxen im Landkreis geöffnet haben. Aber bisher ist das so nicht gewollt“, sagt Magnucki und Schomaker fügt hinzu: „Die Versorgung wird in jedem Fall aufrecht erhalten. Aber nicht in dem Umfang wie zu normalen Zeiten gewohnt.“

Ein weiteres Problem sei, dass es kein Corona-Zentrum in der Nähe gebe. „Neulich kam ein Patient mit Fieber und Husten in die Praxis und ich wusste gar nicht, wo ich den hinschicken sollte“, berichtet Magnucki. „Das nächste in Niedersachsen wäre Hannover, aber ich kann doch die Leute nicht bis dorthin schicken.“ Schomaker nickt. „Und diese Stützpunkte für Zahnprobleme von möglichen Corona-Infizierten müssten dann mit der entsprechend guten Schutzkleidung ausgestattet werden. Wir würden auch die Räume unserer Praxis zur Verfügung stellen, damit sie in solch ein Notfallzentrum umgewandelt werden könnten. Aber bisher ist das von offizieller Seite nicht gewünscht.“

Corona im Landkreis Diepholz: Viele Ärzte stellen auf Notfallbehandlung um

Kürzlich haben die beiden Zahnärzte sich mit Kollegen aus Bassum, Sulingen und Syke zusammengesetzt, um über die aktuelle Situation zu sprechen. „Viele haben ihren Dienst schon an die Situation angepasst und auf eine Notfallbehandlung umgestellt. Nur einer arbeitet noch normal weiter. Einige ziehen auch jetzt ihren Urlaub vor.“

Schomaker und Magnucki schauen sorgenvoll in die Zukunft. Sie hoffen, dass die Menschen sich rücksichtsvoll verhalten, die Offiziellen endlich „in den Krisen-Modus wechseln“ und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Im Sinne von Ärzten und Patienten.

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