PORTRÄT Ulrich Tatje hat für die WIB die Bassumer Ehrenamtsmedaille entgegengenommen

„Wir haben es geschafft“

Ulrich Tatje ist gern aktiv und unter Menschen, genießt aber auch die Zeit mit Hündin Frieda.
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Ulrich Tatje ist gern aktiv und unter Menschen, genießt aber auch die Zeit mit Hündin Frieda.

Bramstedt – Etwa 20 Menschen sitzen in der Klasse der Berufschule und schauen Ulrich Tatje an. Sie kommen aus Syrien, dem Irak oder auch aus dem ehemaligen Jugoslawien. Manche haben einen guten Schulabschluss in ihrer Heimat gemacht. Manche können nicht mal lesen und schreiben. Aber sie alle möchten in Deutschland Fuß fassen. Und Ulrich Tatje ist einer von vielen Bassumern, die 2015 spontan erklären: Ich helfe!

Nun ist Tatje kein Lehrer und unterstützt deswegen Peter Fassbinder bei seinem Unterricht in der Sprachlernklasse. „Wir haben versucht, alles locker zu gestalten“, erinnert sich Tatje. Während er sich etwas schwer damit tat, alle Namen zu behalten, kämpften seine Schüler mit den Bezeichnungen für die Uhrzeiten. „Wann ist es vor und wann ist es nach? Und wie erklärt man das jemandem, der immer nur eine Digital-Uhr getragen hat“, zählt der 69-Jährige ein paar Stolperfallen auf.

Nebenbei schauten er und Fassbinder sich mit ihren Schützlingen Karten von Deutschland an oder sprachen über die verschiedenen Bundesländer. „Wir machten ein wenig Bürgerkunde“, so Tatje. Doch das allerwichtigste sei eben die Sprache gewesen, denn „die ist das A und O“, weiß der ehemalige Redakteur.

Ein halbes Jahr unterstützt er in der Sprachlernklasse. Dann finden er und die vielen anderen Engagierten sich zu einer Initiative zusammen, die sie Willkommen in Bassum, kurz WIB, taufen. Für diese hat Tatje vor Kurzem die Bassumer Ehrenamtsmedaille entgegengenommen. „Damit wurden alle ausgezeichnet, die sich dort eingebracht haben“, betont Tatje.

Der 69-Jährige musste damals nicht lange überlegen, als ihn Heiner Herholz fragte, ob er in der Sprachlernklasse helfen wolle, denn Tatje ist gern aktiv und unter Menschen. Wenn ihn eine Sache interessiert und er sie für gut und richtig erachtet, ist er an Bord. So steuert er unter anderem den Bürgerbus und arbeitet bei Attac mit.

Die Anfangszeit der WIB ist ihm in besonders schöner Erinnerung geblieben. „Bei unserem ersten Treffen platzten wir fast aus allen Nähten. Viele Bassumer fragten: Wie können wir helfen?“

Die Mitglieder der WIB holten die Geflüchteten ab und übergaben ihnen die WIB-Tasche, die ein paar Lebensmittel enthielt, um sich bei der Ankunft einen Kaffee oder Tee machen zu können. Sie begleiteten sie in die neuen Unterkünfte, zeigten ihnen, wo das Rathaus ist oder begleiteten sie zum Arzt.

Sie gründeten das Begegnungscafé im Mütterkinderzentrum, damit die Geflüchteten Kontakte zu Deutschen knüpfen konnten, organisierten Feste und Vorträge. Manche Einrichtungen haben bis heute bestand, wie der Deutsch-Unterricht von Dörthe Binder und Maria Babic oder die Fahrradwerkstatt.

Bei der Integration von Menschen ist laut Tatje vor allem eines gefragt: Geduld. „Sie müssen erstmal lernen, wie wir Deutschen ticken und das dauert. Zum Beispiel bei dem Thema Mülltrennung. Wenn Leute zu mir kommen und fragen: ,Warum verhalten die sich so?’ versuche ich Verständnis zu wecken und die Situation der Flüchtlinge zu beschreiben. Ich sage: ,Stell dir vor du bist in einem fremden Land, dessen Sprache du nicht sprichst und dessen Gebräuche du nicht kennst."“

Wobei Deutsche da oft einen Vorteil hätten, weil sie meist Englisch sprechen würden und durch Reiseerfahrungen auch schon Kontakte mit dem Ausland gehabt hätten, während viele Geflüchtet ihr Land vorher nie verlassen hätten. „Und ,die Flüchtlinge’ gibt es sowieso nicht. Jeder ist anders und bringt seine ganz eigene Geschichte mit.“

Doch meistens hat Tatje, der nach dem ersten halben Jahr mehr die Rolle des Organisators übernimmt, die Bassumer eher offen und hilfsbereit erlebt. Dafür ist er dankbar. „Es war toll, wie viele liebevoll und engagiert dabei waren und man sich als einer von vielen fühlen konnte. Bürger und Stadt haben Probleme erkannt und auch mal unkonventionell gelöst.“

Mittlerweile hat WIB seine Aktivitäten in vielen Punkten zurückgefahren, weil sie nicht mehr benötigt werden. „Das ,Wir schaffen das’ von Angela Merkel fand ich gut und richtig. Und ich finde, wir können jetzt auch sagen, dass wir es geschafft haben, auch wenn nicht immer alles geklappt hat. Doch sehr viele Geflüchtete sind nun in Ausbildung oder Arbeit. Wobei da noch mehr passieren könnte“, findet Tatje.

Von Julia Kreykenbohm

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