Bürgerinitiative Pustekuchen enttäuscht

Westwind besiegt Gegenwind

 Detektionssystem an einer Windanlage
+
Das Detektionssystem besteht aus 13 Kameras rund um die Anlage, mit jeweils zwei Linsen. Die eine schaut waagerecht, die andere nach oben in den Luftraum.

Bassum – „Ich fürchte, wir haben die Mauer erreicht. Der Weg ist zu Ende. Klagen können wir nicht.“ Jessica Wissmann steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Die Bürgerinitiative Pustekuchen aus Menninghausen hat in den vergangenen Jahren alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft, um die Erweiterung des Windparks inklusive Repowering in Albringhausen in der geplanten Form zu verhindern.„Wider den Naturschutz hat der Landkreis den Plänen grünes Licht erteilt“, kritisiert Wissmann.

Sie konnten weder den Bau der sieben neuen Anlagen verhindern, noch, dass in Kürze die bestehenden repowert werden. Den Vergleich, den der Nabu außergerichtlich mit der Firma Westwind und dem Landkreis vereinbart hat, bezeichnen sie als „unpräzise“.

Vor ein paar Tagen hatte der Landkreis Diepholz zu einem Erörterungstermin eingeladen. 13 alte Anlagen kommen weg, zehn neue, leistungsfähigere 240-Meter-Giganten wieder hin.

Alle, die während der öffentlichen Auslegung der Planung Einwendungen und Bedenken erhoben hatten, durften sich äußern und Fragen stellen. „Es waren lediglich sechs Personen da. Die meisten aus Menninghausen – unserem gallischen Dorf“, schmunzelt BI-Mitglied Reinhard Müller. „Nicht einer kam aus Albringhausen“, fügt er hinzu und unkt: „Die werden noch ihr blaues Wunder erleben.“

Viel gebracht hätte der Termin in seinen Augen nicht. „Es war eine Pflichtveranstaltung.“ Die Bedenken seien weggewischt worden, wie so oft in der Vergangenheit. Ihr Misstrauen ist groß.

Trailing-Edge-Serrations (TES)

Die Mitglieder fragen: „Im erstellten Gutachten zum Repowering ist die Rede von Anlagen mit TES-Flügeln. Denen sagt man nach, den Schall zu reduzieren. In der beantragten Genehmigung aber ist von TES keine Rede. Warum nicht?“

„Wir haben schon im Erörterungstermin darauf eine Antwort gegeben“, sagt Andre Meyer von der Firma Westwind auf Anfrage. Die Firma plane auf jeden Fall, TES-Flügel zu installieren. Deshalb stünde das auch so im Schallgutachten. Das sei ein Bestandteil der späteren Genehmigung. Im Antrag müsse lediglich die Modellbezeichnung genannt werden. Die lautet Enercon E-160 EP5 E2.

Gebaut: Anlagen mit 5,3 MW statt 4,5 MW

Ein weiterer Punkt, der im Erörterungstermin zur Sprache kam, betrifft die sieben neu gebauten Anlagen. Im Genehmigungsbescheid ist die Rede von 4,5 Megawatt Leistungsfähigkeit. „Tatsächlich gebaut worden sind Anlagen mit einer Leistungsfähigkeit von 5,3. Das haben wir nur durch Zufall erfahren“, erzählt Wissmann. Müller ergänzt: „Der Landkreis sieht darin keine wesentliche Änderung im Lärm.“ Er selbst hegt da Zweifel: „0,8 Megawatt mehr Leistung – ohne Folgen? Wo kommt diese Leistungsverbesserung her? Sind die Flügel breiter, ist der Motor größer? Das ist doch eine berechtigte Frage?“

Meyer versichert: „Das macht lärmtechnisch keinen Unterschied.“ Hintergrund sei: Im Juli 2018 habe die Firma die Anlage beantragt mit 4,5 MW. Ein Jahr später gab es die Genehmigung, zwei Jahre später begann der Bau. „Das sind zwei Jahre technologische Weiterentwicklung, die wir nutzen wollten“, so Meyer. Der Landkreis hätte geprüft, ob von der Leistungssteigerung andere Umwelteinflüsse ausgehen. Das sei nicht der Fall. Es gebe keine Änderung am Rotor, keine an der Höhe, und auch der Schallleistungspegel falle nicht anders aus – es handele sich um eine „geringfügige Änderung“.

Jan Hero Peters, ebenfalls Mitglied der BI und als direkter Anwohner von Schattenwurf betroffen, fragt: „Wer kontrolliert, ob die Werte hinsichtlich Lärm oder Schattenwurf tatsächlich eingehalten werden?“

Meyer: „Der Landkreis als Aufsichtsbehörde überprüft regelmäßig die Einhaltung. Wir müssen auch Protokolle abgeben.“

Mit Sorge blicken die Mitglieder dem September entgegen. Dann endet die automatische Abschaltung von drei Anlagen zum Schutz der Rotmilan-Brut.

Überprüfung der Abschaltung

Im außergerichtlichen Vergleich zwischen Nabu, Westwind und Landkreis vor dem OVG wurden Nachbesserungen zum Schutz von Greifvögeln vereinbart. Ein Punkt sieht bei einem Brutverdacht des Rotmilans eine Abschaltung der Anlagen im Umkreis von 1500 Metern vor – tagsüber vom 1. März bis zum 31. August, wenn die Windgeschwindigkeit weniger als zehn Meter die Sekunde beträgt.

„Aber der Vogel ist nach dem 1. September ja auch noch da“, sagt Wissmann. Sie ist mit dem Vergleich überhaupt nicht glücklich und wagt sich aus der Deckung: „Der Nabu hat nur auf unsere Initiative hin geklagt.“ Das Ganze hätte dann aber eine „gewisse Eigendynamik“ erhalten. Die BI fühlte sich nicht ausreichend involviert. Wissmann: „Wir wollten keinen Vergleich.“ Die Nachbesserungen seien „unklar definiert und greifen nicht weit genug“.

Wissmann nennt ein Beispiel: Die Abschaltung ist an die Windgeschwindigkeit gekoppelt. „Gemessen wird in Gondelhöhe. Der Rotmilan startet vom Baum aus, also weiter unten. Dort herrschen zum Teil ganz andere Windverhältnisse.“ Ihre Beobachtungen hätten zudem ergeben, dass der Milan auch höher fliege als Gondelhöhe. Das sei oft bestritten worden.

Detektionssysteme in der Testphase

Was die BI noch mehr sorgt: Um künftig pauschale Abschaltzeiten zu umgehen, testet Westwind ein automatisiertes Detektionssystem. Diese Möglichkeit wurde im Vergleich zugebilligt. Kamerasysteme sollen erkennen, ob sich ein Greifvogel nähert und dann ein Signal senden, dass sich die Anlage abschaltet. Die Daten würden nach einem Jahr ausgewertet. Wissmann ist skeptisch: „Welche Gutachter werten die Daten aus? Etwa die, die anfangs gar keine Bedenken in Sachen Vogelschutz hatten?“

Westwind-Mitarbeiter Meyer beschreibt das Prüfverfahren: „Bis Mitte September sind noch Gutachter vor Ort. Diese überprüfen mithilfe eines Laser Range Finders (LRF) den Flugweg des Rotmilans. „Der zeichnet die Bewegungen digital nach. Diese Messpunkte werden später mit den Ergebnissen der Kameras an den Anlagen verglichen und geguckt, ob sie identisch sind.“

Der Landkreis und auch der Nabu Niedersachsen würden die Ergebnisse vergleichen. „Auch das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energie (KNE) hat eine Matrix vorgelegt, was das System können muss“, nennt Meyer eine weitere Hürde. Er setzt große Hoffnungen in das System. Aktuell gebe es fünf, sechs Systeme, die deutschlandweit getestet werden. Die Testphase laufe seit Jahren, stehe nun kurz vor dem Abschluss. Ob später auch die Kartierungen durch Gutachter eingestellt werden, „da sind wir mit dem Landkreis und dem Nabu noch in der Findungsphase“. Die Schutzprogramme für die Wiesenweihe und Feldlerche laufen trotzdem weiter.

Die Zacken an den Flügeln sollen den Schall reduzieren können.

Da die Bürgerinitiative in den Nabu kein Vertrauen mehr habe, wird sie selbst die Daten anfordern und prüfen lassen. Hinter Wissmann, Müller und den anderen Mitstreitern liegen mehr als sechs Jahre Arbeit und Engagement. Sie hatten mehr erhofft. „Uns sind die Hände gebunden. Klagen können wir nicht. Das können nur Umweltverbände“, so Wissmann. Der Nabu habe aber signalisiert, nicht gegen das Repowering vorgehen zu wollen.

Müller fürchtet: „Künftig wird der Bau für Projektierer noch einfacher.“ Er hat einen Blick in den Entwurf des neuen Winderlasses geworfen. „Es gilt: So schnell wie möglich und so nah wie möglich“, so Müller.

Maßnahmen zur Akzeptanz

Akzeptanzabgabe

Paragraf 36 des neuen Energiegesetzes macht es möglich, dass Kommunen vom Bau profitieren können – der Anlagenbetreiber darf Gemeinden im Umkreis von 2,5 Kilometern auf freiwilliger Basis bis zu 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde zahlen. Der Projektierer holt sich das Geld von der Bundesnetzagentur wieder. Die Firma Westwind hat dieses Angebot den Kommunen bereits unterbreitet. Betroffen sind die Stadt Bassum sowie in der Samtgemeinde Schwaförden die Gemeinden Schwaförden, Scholen, Sudwalde und Neuenkirchen.

Trailing-Edge-Serrations

Dabei handelt es sich um gezackte Flügelkanten. Diese verringern die Luftverwirbelungen hinter dem Rotorblatt. Dadurch laufen die Windräder geräuschärmer als ältere Windmühlen ohne TES.

Bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung:

In Kürze sollen die Lichter an den Windanlagen in Albringhausen nachts bedarfsgerecht abgeschaltet werden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Meistgelesene Artikel

Achtung: Vollsperrung der B51 ab Montag

Achtung: Vollsperrung der B51 ab Montag

Achtung: Vollsperrung der B51 ab Montag
Diepholz: Radmuttern an Streifenwagen gelöst – Polizei ermittelt

Diepholz: Radmuttern an Streifenwagen gelöst – Polizei ermittelt

Diepholz: Radmuttern an Streifenwagen gelöst – Polizei ermittelt
Baustelle B 214: Groß Lessen ist bald „wieder erreichbar“

Baustelle B 214: Groß Lessen ist bald „wieder erreichbar“

Baustelle B 214: Groß Lessen ist bald „wieder erreichbar“
„Traf den Nerv der Zeit“: Ohne Frank Pinkus steht dem Weyher Theater ein Kraftakt bevor

„Traf den Nerv der Zeit“: Ohne Frank Pinkus steht dem Weyher Theater ein Kraftakt bevor

„Traf den Nerv der Zeit“: Ohne Frank Pinkus steht dem Weyher Theater ein Kraftakt bevor

Kommentare