Welt-Autismus-Tag

Corona: Wie Autisten die Pandemie erleben

Raum zum Runterkommen: Beata Ciarkowska (links) und ihre Kollegin Jasmin Wortmann zeigen den Snoozle-Raum im neuen Gebäude in Bassum.
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Raum zum Runterkommen: Beata Ciarkowska (links) und ihre Kollegin Jasmin Wortmann zeigen den Snoozle-Raum im neuen Gebäude in Bassum.

Die Corona-Zeit ist für alle belastend. Doch wie erleben Menschen mit Autismus die Pandemie? Anlässlich des Welt-Autismus-Tags berichten Beata Ciarkowska und ihre Kolleginnen vom Therapiezentrum in Bassum, was ihre Klienten erzählen.

  • Für Menschen mit Autismus hat die Pandemie gute und schlechte Seiten.
  • Liste der Hilfesuchenden wird länger.
  • Therapiezentrum ist seit zehn Jahren in Bassum.

Bassum – Corona-Zeit. Für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) eine Mischung aus Himmel und Hölle. Sie nimmt, was so wichtig ist. Struktur, Gewohnheit, Verlässlichkeit. Und gibt, was angenehm ist, aber der Alltag meist verweigert: Zeit zu Hause, wenig soziale Kontakte. Und endlich muss man nicht mehr begründen, warum man keine Hände schütteln oder auf die Party kommen mag.

„Manche Klienten nehmen die Pandemie gern als Grund, um für sie unangenehme Situationen zu meiden“, weiß Beata Ciarkowska, Leiterin des Autismus-Therapiezentrums in Bassum. Doch das sabotiert im Grunde ihre Arbeit und die ihres Teams, dessen Ziel es ist, Menschen mit Autismus in den gewöhnlichen Alltag zu integrieren. Anlässlich des morgigen Welt-Autismus-Tags erinnern Ciarkowska und ihre Kolleginnen Jasmin Wortmann, Petra Lampe und Liana Vickers an die Menschen, die der Lockdown nochmal vor ganz andere Herausforderungen stellt.

Schnelle Wechsel sind ein Problem

„Das Problem ist der schnelle Wechsel. Dass heute etwas beschlossen wird, was zwei Tage später schon umgesetzt werden soll. Damit kommen Menschen mit ASS schlecht klar. Die einen tun sich schwerer als die anderen – denn DEN Autisten gibt es nicht“, betont Ciarkowska. Ein gutes Beispiel sei der abrupte Wechsel vom Präsenz-unterricht ins Homeschooling. „Es gibt einen täglichen Ablauf. Die Schüler sind zuhause, gehen in die Schule, machen dort ihre Aufgaben, gehen nach Hause. Auf einmal sind sie nur noch Zuhause, bekommen Aufgaben für die ganze Woche und sollen sich selbst organisieren.“

Diese Pulverisierung der Struktur sei für viele ihrer Klienten ein Albtraum gewesen. „Sie konnten das einfach nicht leisten. Manche bestanden darauf, die Aufgaben wie gewohnt in der Schule zu machen. Als sie das nicht durften, verweigerten sie. Andere saßen den ganzen Tag an ihren Aufgaben, weil sie nicht wussten, wie sie sie einteilen sollten. Manche fingen erst gar nicht an, weil sie sich überfordert fühlten“, schildern die Frauen. Das Ergebnis: Aufgewühlte Kinder und verzweifelte Eltern.

Dolmetscher für zwei Welten

Das Team des Therapiezentrums macht Hausbesuche, animiert zu Spaziergängen, gibt Rat am Telefon, spendet Trost oder vermittelt zwischen Kind, Eltern und Schule und erklärt, wo gerade der Knackpunkt liegt. Zum Beispiel, dass ein Schüler mit ASS eben nicht einfach den Lehrer anrufen und um Hilfe bitten kann – weil er das sonst auch nicht tut. Im Grunde sind sie Dolmetscher, die für zwei Welten mit verschiedenen Sprachen übersetzen.

„Unsere Klienten sind unsicher, frustriert, manche leiden sogar an depressiven Verstimmungen. Wieder andere freuen sich, dass sie zuhause bleiben dürfen und der Stressfaktor Schule wegfällt. Aber eigentlich ist das kontraproduktiv“, sagt Ciarkowska. „Sie sollen ja lernen, mit den Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, zurechtzukommen. Und sie wollen auch teilhaben – können es aber oft nicht leisten.“

Übungen wie gemeinsames Einkaufen oder Busfahren oder Aufgaben wie „Tritt in einen Verein ein“ fallen weg. Ebenso wie die schönen Dinge wie Ferienangebote, die den Jugendlichen zeigen sollen, dass Gemeinschaft auch angenehm sein kann.

Zahl der Klienten steigt

Mittlerweile habe sich das Homeschooling zwar gut eingespielt, weil die Klienten mithilfe des Zentrums neue Strukturen für sich schaffen konnten. Aber andere Dinge belasten sie nach wie vor, zum Beispiel, dass sie keinen Praktikumsplatz finden. „Menschen mit ASS neigen dazu, alles schwarz oder weiß zu sehen und beziehen viel auf sich, wenn etwas nicht funktioniert.“ Andere ärgern sich jedes Mal sehr, wenn wieder neue Beschlüsse kommen. „Wenn sie hier sind, müssen sie erstmal Dampf ablassen“, sagt Ciarkowska.

Die Corona-Zeit hat die Zahl ihrer Klienten wachsen lassen. Jedoch nicht, weil plötzlich mehr Menschen diese Veranlagung besitzen. „Die Eltern verbringen mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs, stellen fest, dass da etwas nicht stimmt und suchen Rat. Es kommen aber auch einige Klienten zurück, die ihre Therapie schon abgeschlossen hatten.“ Das Zentrum war – bis auf eine kurze Zeit zwischen März und Mai 2020 – durchgängig geöffnet.

Eigentlich hätte es in diesem Jahr Grund zum Feiern gehabt. Denn es ist schon zehn Jahre in Bassum ansässig. Erst in Wedehorn und seit Januar 2020 in der Kernstadt an der Bahnhofstraße. „Wir sind hier viel besser erreichbar, können die angrenzenden Läden in unser Training einbinden, haben mehr Räume und besseres Internet zur Verfügung, was gerade bei den digitalen Therapie-Sitzungen wichtig war.“

Durch die bessere Erreichbarkeit des Standortes kamen auch neue Angebote, wie eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene oder auch ein Elternabend für Eltern von Kindern mit frühkindlichen Autismus. Zudem hält die Autismus-Therapie Weser-Ems einen Fortbildungsbereich vor. Am 22. Mai bieten Ciarkowska und ihre Kollegin daüber ihre Fortbildung „Wie erziehe ich ein autistisches Kind?“ an.

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