Vor 90 Jahren schufen die Anwohner des Brinks einen Platz, der noch heute steht

„Wer Zeit hatte, der half“

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Zahlreiche Bassumer drängen sich auf dem Platz Auf dem Brink. Die Anwohner und der Gärtnereibetreiber Brinkmann haben ihn liebevoll geschmückt. Der Gesangverein Liederkranz trägt Lieder vor, der Dorfspruch sowie Gedichte werden aufgesagt und der Superintendent hält eine Rede. Es herrscht Volksfeststimmung. Auch die Presse in Form des Bassumer Anzeigers ist gekommen, um in dem für 1932 üblich pathetischen Ton zu berichten.

Die Anwohner des Brinks nahmen die Sache selbst in die Hand und richteten den Platz schön her.

Der Anlass ist der etwa einen Meter hohe Findling, der auf dem Platz thront. Aus Albringhausen haben ihn die Mitglieder der Ortsgruppe Bassum der Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener hergeschafft und mit einer Plakette versehen. Sie trägt die Inschrift: „Den in Kriegsgefangenschaft verstorbenen Kameraden zum Andenken“. An diesem Totensonntag im Jahr 1932 soll er nun geweiht werden.

Umgeben ist der Gedenkstein von hübschen Bäumchen und Beeten. Zwei Bänke laden Passanten zum Verweilen ein. Eine schmucke kleine Anlage, die bereits zwei Jahre zuvor eingeweiht wurde.

Unter den vielen Gästen der Feier ist auch Konrad Wöhlke mit seinen beiden Söhnen. Dem Schlachtermeister und mehreren weiteren Anwohnern des Brinks ist es zu verdanken, dass sich an diesem Tag so viele Leute über diese kleine Oase um den Gedenkstein freuen können. Denn sie hatten vor mehr als zwei Jahren zu Spaten und Schaufel gegriffen, weil sie es satt hatten „auf einen Schutthaufen mit Brennnesseln, Steinen und Lumpen zu gucken“. Stattdessen wollten sie „irgendetwas Schmuckes“ schaffen, in dem der Gedenkstein eingebettet werden konnte, der bereits 1919 hergeschafft, aber – wegen der turbulenten Zeit – nicht feierlich eingeweiht worden war.

Mehrere Monate arbeiteten die Nachbarn in ihrer Freizeit und ehrenamtlich mit viel Energie an ihrem Projekt. Sie besorgten beispielsweise die Bäume, pflanzten sie ein oder holten den Kies für die Einfriedigung aus Osterbinde für „2,20 Reichsmark“. Unter anderem sechs Zentner Zement im Wert von insgesamt 17,40 Reichsmark wurden ihnen geschenkt. All diese Gaben, die vielen Helfer und Geber erwähnt die Urkunde, die 1930 zur Einweihung des Platzes ausgestellt wurde.

Die Umsetzung sei kein Problem gewesen, erinnert sich die Enkelin von Konrad Wöhlke. „Es waren ja alles Handwerker, die hier wohnten und die Landwirte liehen ihre Fuhrwerke. Wer gerade Zeit hatte, der half.“ Grete Seger ist drei Tage vor der Einweihung des Platzes geboren, der wie sie in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Sie lebt nur wenige Schritte von ihm entfernt. Wer mit ihr spricht, den nimmt die muntere Seniorin mit auf eine kleine Zeitreise des Brinks.

Eine Zeit, in der Ziehbrunnen an vielen Häusern standen, jede Familie Hühner und mindestens ein Schwein hielt und sich aus dem Garten ernährte. Eine Zeit, in der sie mit den anderen Kindern auf der Straße Brennball spielte und in der es noch den Teich Kattenpohl gab, an dem sie im Sommer angelten und im Winter Schlittschuh lief. Der Name hat hingegen einen grausamen Hintergrund. In ihm sollen die überzähligen Katzen ertränkt worden sein.

Und auch der Platz, den ihr Großvater, Onkel und Vater mit den anderen Anwohnern angelegt hatten und auch danach mit viel Hingabe pflegten, ist Teil ihrer Kindheitserinnerungen. „Der Ort darf kein Tummelplatz für Kinder werden“, mahnte schon der Bassumer Anzeiger in seinem Bericht – und die Anwohner sahen das genauso. „Einmal kamen wir Mädchen mit unseren Puppenwagen dorthin und setzten uns auf die Bank. Schon kam ein Nachbar heraus“, erinnert sich Grete Seger, hebt den Zeigefinger und fällt ins Plattdeutsche: „Deerns, was hab ich euch gesagt? Das ist kein Spielplatz!“

Sieben Einschüsse von Granaten hat das Areal während des Zweiten Weltkrieges abbekommen. Doch es steht noch heute da. Statt Birken und Buchen wächst dort unter anderem Rhododendron und die Pflege übernimmt mittlerweile der Bauhof der Stadt Bassum. Eingerahmt wird der Platz von drei Straßen, die alle Auf dem Brink heißen.

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