Präventionsprogramm

Wer Beifall klatscht, wird zum Mittäter

Polizist Ingo Müller instruiert eine Gruppe Schüler.
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Gleich gehts rund: Schüler der OBS Bassum sollen in einer Übung zwei Kontrahenten anfeuern, die mit „Eisenstangen“ (aus Schaumstoff) aufeinander einschlagen werden. Polizist Ingo Müller instruiert die Gruppe.

Zwei Kontrahenten geraten aneinander. Sprüche drohen in Gewalt umzuschlagen. Eine Situation, wie sie häufig auf Schulhöfen und anderswo passiert. Wie verhalte ich mich bei einer Schlägerei? Die Antworten darauf kennt der Polizist Ingo Müller.

Bassum – Wie verhalte ich mich bei einer Schlägerei auf dem Pausenhof? Ingo Müller ist Polizeibeamter und zuständig für die Jugendsacharbeit. Er will Kinder stark machen, wie er sagt. Dazu ist er zusammen mit Präventionslehrerin Eva Launus und einer 7. Klasse der Oberschule Bassum am Mittwoch und Donnerstag in das Jugendhaus Fönix gekommen.

In insgesamt 17 Übungen durchleben die Jugendlichen spielerisch den Ernst des Lebens und erlernen vertrauensbildende Maßnahmen im Klassenverbund. „Praktische Übungen sind allemal besser als graue Theorie“, so Müller. Dabei werden die Jugendlichen mit Situationen aus der Welt der Kriminalität konfrontiert, lernen in bedrohlichen Lagen „Nein“ zu sagen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Das findet Teilnehmerin Lena Lange „definitiv gut“. Außerdem: „Die Gruppendynamik wird besser“, sagt die Schülerin und ist gespannt auf den weiteren Kurs.

Es ist der erste Durchlauf dieser Art. Lehrerin Launus: „Wir wollen das fest in Oberschulen in Bassum installieren und das Präventionstraining aufbauen“.

Müller ist mit dem Projekt bis November ausgebucht. Bassum sieht er derweil aus polizeilicher Sicht nicht als Hochburg der Kriminalität. Ähnlich sei es mit Twistringen, Bruchhausen-Vilsen und anderen Orten der Region.

Die nächste Übung. Es wird still. Müller instruiert die Schüler-Gruppe als Statisten des Folgenden: Zwei Jungs weist der Beamte besonders ein – um sie soll es gehen. Eine Schlägerei wird nachgestellt. Die zwei agieren in der Übung als Kontrahenten, sollen mit Eisenstangen aus Schaumstoff aufeinander einschlagen. Die übrigen Teilnehmer sollen die Streithähne lautstark anfeuern.

Ähnliches hat sich laut Ermittlungen der Polizei so beispielsweise in Stuhr-Brinkum im März dieses Jahres zugetragen. Zwei polizeibekannte Heranwachsende stritten sich um ein Mädchen. Im weiteren Verlauf kamen bis zu 50 Verwandte und Schaulustige hinzu, was die Stimmung weiter anheizte.

Zurück zum Präventionskurs. Die zwei Schüler treten in den Raum, und beginnen – zögerlich – sich mit den „Eisenstangen“ zu touchieren. Die Rufe der jeweiligen Namen aus der Gruppe heraus beginnen. Es wird lauter. Gejohle. Die Schläge werden intensiver. Die Köpfe der zwei Raufbolde färben sich rot. Kursleiter Müller beendet die Simulation. „Bevor noch wirklich etwas passiert.“

Was war geschehen? Die Menschentraube aus Mitschülern habe die zwei Gegner immer weiter angeheizt, „sie angestachelt“, schildert Polizist Müller. „Die Motivation ist da, der Schub ist da.“ So eine Situation komme auf Schulhöfen vor, so der Beamte. Das zeigten häufig die Ermittlungen.

„Ganz oft ist es so, dass Täter aufhören, aufeinander einzuschlagen, wenn das Anfeuern aufhört.“ Müller appelliert daher an die Schüler, gar nicht erst einzusteigen.

Heutzutage werde außerdem fast alles mit dem Handy aufgenommen. Filmt jemand eine Schlägerei, könne es sein, dass das Mobiltelefon vom Landeskriminalamt sichergestellt und „ausgespiegelt“ werde, so Müller. Stellt sich bei der Handy-Auswertung nun heraus, jemand habe eine Schlägerei mitangestachelt, werde er wie ein Mittäter bestraft, betont Müller. Er appelliert an die Schüler: „Macht nie den Fehler, jemanden bei einer Schlägerei anzufeuern. Ihr werdet genauso bestraft, wie der Beschuldigte.“

Ein weiteres Thema war das „Gaffen“ bei Unfällen. Schüler Till Kölm meldet sich bei dieser Übung als Freiwilliger. „Ich wusste nicht, was passieren wird. Nur, dass es nicht wehtut“, sagt der 13-Jährige. Ein weiterer Mitschüler fixiert Till auf einer Trainingsmatte. Er soll sich nicht bewegen können. Die übrigen warten währenddessen im Nebenraum. Auf ein Zeichen kommen sie herein, stellen sich im Kreis um den auf dem Boden liegenden Mitschüler. Sie starren ihn an und tun absolut gar nichts. „Kein gutes Gefühl“, findet Till.

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