Über den Tod hinaus

Ingrid Ayoola hält Erinnerung an ihren Sohn wach – an der Unfallstelle

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Ein Kreuz, Blumen und ein Foto erinnern an der L 333 zwischen Syke und Bassum an Johannes Kuhlmann, der dort mit nur 24 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seine Mutter und ihre Freundin pflegen diesen Platz mit Hingabe.

Bassum - Von Anke Seidel. Seinen 30. Geburtstag hätte Johannes Kuhlmann am Mittwoch gefeiert. Aber ein Unfall hat ihn am Karfreitag des Jahres 2012 aus dem Leben gerissen. Seine Mutter Ingrid Ayoola und seine besten Freunde treffen sich heute – wie an jedem Geburts- und Todestag von Johannes – an der Andenken-Stätte.

Es ist der Baum an der L 333 zwischen Syke und Bassum, gegen den das Fahrzeug damals geprallt war. Ein Kreuz, Blumen und liebevoll ausgesuchte Figuren erinnern seit der schicksalhaften Nacht an Johannes. Sein Foto hat dort auch seinen Platz.

Es ist der 6. April 2012. „Um 5.20 Uhr bin ich mit so einem beklemmenden Gefühl aufgewacht“, blickt Ingrid Ayoola zurück. Die Bassumerin ist irritiert, legt sich dann aber wieder schlafen. Nur wenige Stunden später überbringen ihr Polizeibeamte die unfassbare Nachricht: Ihr 24 Jahre alter Sohn ist bei einem Verkehrsunfall auf der L 333 ums Leben gekommen – um die Zeit, als Ingrid Ayoola aufgewacht ist.

Gemeinsam mit seinem besten Freund Danny Biebert will er sich von einer Party nach Hause fahren lassen – von einem weitläufigen Bekannten. Johannes sitzt deshalb auf dem Beifahrersitz seines eigenen Wagens, Danny auf der Rückbank. Das Auto prallt auf der L 333 gegen einen Baum. Der Fahrer und Danny überleben schwer verletzt. Für Johannes kommt jede Hilfe zu spät.

Für seine Mutter ist es unbegreiflich – wie ein völlig unwirklicher Traum. Schon am Tag nach der Schicksalsnachricht fährt sie zur Unfallstelle an der L 333: „Das betraf ja gar nicht Johannes. Das war jemand anders“, erinnert sie sich an ihre Gefühle damals.

Janine Fischer, Danny Biebert, Ingrid Ayoola und Anja Biebert mit dem Foto, unter dem Zuhause Kerzen stehen.

Nachdem Dannys Mutter ihren Sohn auf der Intensivstation besucht hat, macht sie sich auf den Weg zu Ingrid Ayoola. Es ist ein schwerer Weg. „Sie hat gleich gefragt: Wie geht es Danny?“, erinnert sich Anja Biebert an die Erleichterung, die dieses Mitgefühl damals in ihr ausgelöst hat. Auch sie fährt zur Unfallstelle – und legt dort einen Strauß weißer Rosen nieder. Sie staunt: „Da standen Menschen, Freunde von Danny und Johannes.“

Deren Mütter schweißt der unabänderliche Schicksalsschlag zusammen. Beide fahren regelmäßig zur L 333, schmücken die Stelle mit Blumen, dem Kreuz und Figuren. Bald ist auch ein Foto zu sehen. Es zeigt einen jungen Mann, der entspannt in die Kamera lächelt.

Johannes war Bürokaufmann, ging gern Schwimmen und ins Fitnessstudio. „Er war ein lebensfroher, hilfsbereiter Mensch“, sagen Ingrid Ayoola und Anja Biebert. Genau wie sie ist Janine Fischer oft an der Stelle, die zur Grenze zwischen Leben und Tod geworden ist. Auch sie bringt immer wieder Blumen.

Andenken-Ort pflegen und gestalten

Den Andenken-Ort zu pflegen und zu gestalten, „das gibt mir Ruhe, Zufriedenheit und Verbundenheit“, sagt Ingrid Ayoola. Denn das Band zwischen ihr und ihrem Sohn ist nicht zerrissen: „Das ist so wie ein Vorhang. Johannes ist immer noch präsent. Ich spüre seine Nähe.“ Deshalb ist der Friedhof für sie kein Ort der Verzweiflung und der Trauer: „Da ist Ruhe. Da ist Frieden. Ich liebe den Friedhof!“

Anja Biebert pflegt dort nicht nur das Grab ihres Vaters, sondern auch das von Johannes mit. An Weihnachten schmückt sie sogar eine kleine Tanne auf seinem Grab mit Lichtern. Ein Traum ihrer Mutter hat sie sehr beeindruckt: „Sie hat von Verstorbenen geträumt, die an einem Tisch sitzen und Knipp essen. Auch Johannes war dabei.“ Als sie Ingrid Ayoola davon erzählt, löst deren Reaktion eine Gänsehaut bei Anja Biebert aus: „Sie hat mir gesagt, dass Johannes Knipp geliebt hat – das wusste ich vorher nicht!“

Unbekannte legen Gegenstände ab

Ingrid Ayoola erlebt, dass ein Unbekannter eine Engelfigur unter das Foto von Johannes stellt. Dann findet sie unter einem Stein den Brief einer Frau, die sich beeindruckt zeigt von dieser Andenken-Stätte. „Ihr habe ich dann auch geantwortet“, sagt Ingrid Ayoola.

Traurig war sie allerdings über die Zerstörungen, die ein 52-Jähriger in diesem Jahr unfreiwillig angerichtet hat: Auch er war mit seinem Auto von der Straße abgekommen – und gegen denselben Baum geprallt.

Der Mann kam mit leichten Verletzungen davon. „Vielleicht war Johannes sein Schutzengel“, überlegen Anja Biebert und Ingrid Ayoola. Sie sind froh, dass dem Fahrer nicht mehr passiert ist.

Was wünschen sie Menschen, die plötzlich einen Angehörigen verlieren? „Dass sie jemanden zum Reden haben. Das ist wichtig“, sagt Anja Biebert. Ingrid Ayoola wünscht ihnen Erkenntnis: „Die Seelen sind nicht verloren. Sie sind hier. Aber man muss achtsam sein, um das zu spüren.“

Als Warnung toleriert

In diesem Jahr registrierte die Polizei im Landkreis Diepholz bisher 15 tödliche Unfälle. In drei Fällen starben Insassen von Fahrzeugen nach einem Zusammenstoß mit einem Baum. 2016 endeten insgesamt zwölf Unfälle mit dem Tod. Zweimal waren Bäume in Spiel. 

An mehreren Unfallstellen erinnern Kerzen und Kreuze an das Unglück. Normalerweise ist es nicht erlaubt, ohne Erlaubnis etwas direkt am Straßenrand aufzustellen. Bei solchen Erinnerungsstätten verzichtet der Landkreis allerdings auf verkehrsbehördliche Einschränkungen. „Es wird toleriert“, sagt Volker Töllner vom Team Verkehrssicherung. Das Thema sei mit den Straßenmeistereien besprochen worden. 

„Wir hoffen, dass andere Verkehrsteilnehmer eine Lehre daraus ziehen.“ Laut Anja Thorns, Trauergefährtin aus Syke, kann es für Trauernde hilfreich sein, die Unfallstelle in Ehren zu halten. „Da war das letzte Leben“, erklärt sie. Das sei etwas anderes als auf dem Friedhof, wo Leichen begraben liegen. 

Der Ort des Unfalls markiere den Übergang zwischen Leben und Tod. Doch nicht jeder Trauernde ist gleich, weiß Thorns. Manche nähmen Umwege in Kauf, um zu vermeiden, an der Todesstelle eines geliebten Menschens vorbeizukommen. „Sie verbinden damit Gefahr, Schmerz und Blut.“

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