Besuch auf der Baustelle: 180-Meter-Kran zieht die Flügel in die Höhe

Warten auf die Flaute

Gigantisch: Der Kran mit dem 180-Meter-Ausleger ist ein Hingucker. Er kostet 8000 bis 10 000 Euro am Tag.
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Gigantisch: Der Kran mit dem 180-Meter-Ausleger ist ein Hingucker. Er kostet 8000 bis 10 000 Euro am Tag.

Albringhausen – „Der Windpark Albringhausen war in den vergangenen Monaten gut besucht. Das kann man sagen. Vor allem an den Wochenenden. Mit einer Bratwurstbude hätten wir noch ein richtig gutes Geschäft gemacht.“ Andre Meyer, Projektleiter der Firma Westwind, kann sich das Lachen nicht verkneifen. Der Planer freut sich über das Interesse der Menschen aus der Region. „Sie haben auch gute Fragen gestellt.“ Meyer hat Verständnis dafür, dass es die Bassumer interessiert, was da in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gebaut wird. Allein der Kran mit dem 180-Meter-Ausleger ist ein Hingucker. Allerdings haben Zuschauer auf Baustellen nichts zu suchen. Es ist zu gefährlich.

Auch an diesem Tag müssen die Gäste großzügig Abstand halten. Am Haken des Krans hängt der Trafo für das Maschinenhaus. „Mit ein bisschen Glück ziehen die gleich einen Flügel hoch“, sagt Meyer und blickt auf sein Handy. Die Wetter-App zeigt detailliert die Windgeschwindigkeit an. Um die 75 Meter langen Flügel schadensfrei und ohne Beule hochzuziehen, darf fast kein Lüftchen wehen. „Da hatten wir in den vergangenen Wochen wirklich Glück“, sagt Meyer. Denn die Anlage ist die letzte der sieben Riesen, deren Flügel noch fehlen.

„Wir hoffen, dass wir bis zum Wochenende fertig werden“, so Meyer. Die Arbeiter wollen Weihnachten zu Hause verbringen. Wer kann es ihnen verdenken? Sie sind seit drei Monaten unentwegt auf der Baustelle, haben sogar bis tief in die Nacht gearbeitet, mithilfe riesiger Scheinwerfer. Jede windstille Minute muss ausgenutzt werden.

Die Aufstellung der Anlagen hat die amerikanische Firma General Electric (GE) übernommen – „und es hat alles wunderbar gepasst. Es gab keine Probleme“, sind Meyer und sein Kollege Christian Meindertsma zufrieden mit der Zusammenarbeit.

Während die Arbeiter unten am Boden die Gurte an den Flügeln befestigen, sind oben in 161 Meter Höhe drei Männer im Maschinenhaus damit beschäftigt, den Trafo zu installieren – allesamt gut gesichert, versteht sich.

„Was so klein aussieht, ist relativ geräumig“, setzt Meyer die Dimension ins rechte Licht. Das Maschinenhaus habe ungefähr die Größe eines kleinen Hauses. Es ist etwa 12 Meter tief und 5,50 Meter breit. Im Inneren befindet sich das Herz der Anlage – das Getriebe.

Da der Wind immer noch nicht abflaut, bleiben die Blätter vorerst unten. Zeit für Meyer und Meindertsma, die Planung Revue passieren zu lassen: Mit dem letzten Turm liegen gut zwölf Monate Bauzeit hinter ihnen. „Das Wetter hat uns in die Karten gespielt“, sagt Meyer. Herbst und Winter seien bisher regen- und windarm gewesen. „Im Januar haben wir mit den Erdarbeiten angefangen, inklusive Wegebau.“ Entstanden sei ein etwa zehn Kilometer langes Wegenetz. „Das Ganze hat bis etwa März gedauert. Dann folgte der Fundamentbau. Auch da spielte das Wetter mit. Es war trocken, und wir hatten kaum Probleme mit Grundwasser“, erinnert sich der Projektleiter an die Flachgründung.

Im Boden unter den Stahlgiganten ist jede Menge Beton und Eisen verbaut. Der Durchmesser jedes einzelnen Fundaments misst rund 26 Meter und hat ein Volumen von 750 Kubikmeter – schließlich muss es ein Gesamtgewicht von 2000 Tonnen tragen.

Nach dem Fundamentbau folgten die Türme. Die bestehen aus mehreren Elementen, die vor Ort zusammengebaut werden. Der untere besteht aus Betonteilen und ist 100 Meter hoch. Die letzten 60 Meter setzen sich aus drei Stahlrohren von je 20 Meter Länge zusammen. Am Ende ragt die Anlage 161 Meter in die Höhe.

„Das Höchste, was an Land derzeit geht“, sagt Meindertsma. Offshore gebe es noch höhere. Doch an Land „begrenzt der Transport auf der Straße das Blatt“. Größere Anlagen ließen sich nicht problemlos transportieren.

Doch 161 Meter sind auch schon stattlich. Die sieben Riesen überragen bei Weitem alles, was in der flachen niedersächsischen Landschaft steht, auch die alten Anlagen, die zum Vergleich 120 Meter hoch sind. Deren Jahre sind gezählt. Westwind plant, sie in ein bis zwei Jahren gegen neue, größere auszutauschen.

„Die großen Windanlagen sind viel wirtschaftlicher“, erläutert Meindertsma den Hintergrund. Sie bräuchten weniger Wind und hätten eine bessere Ausbeute. In diesem Zusammenhang räumt Meyer mit einem oft verbreiteten Irrtum auf. Sollten die Anlagen still stehen, bedeute das nicht, dass sie den Strom nicht einspeisen können. „Wir haben hier das Glück, dass wir unseren Strom fast zu 100 Prozent gen Ruhrpott transportieren können – dank der 380-Volt-Trasse in der Nähe.“ Stehen die Räder still, gebe es entweder keinen Wind, oder aber die Anlage werde gewartet. Möglich sei auch automatische Abschaltung wegen Schattenwurf.

Bei regelmäßiger Wartung rechnet Westwind mit einer Haltbarkeit von gut 25 Jahren. „In 15 Jahren könnte vielleicht mal ein Blatttausch in Erwägung gezogen werden.“ Apropos Blatt. Wie sieht es aus? Die Arbeiter winken ab. Es ist immer noch zu windig. Sie gehen kein Risiko ein, auch wenn die Zeit läuft. Allein der Kran kostet am Tag 8 000 bis 10 000 Euro. Einer fährt los, was zu essen holen. Wird wohl wieder auf eine Nachtschicht hinauslaufen.

„Wir haben Bilder vom Blattzug, die kann ich zuschicken“, vertröstet Meyer. „Die Flügel werden waagerecht hochgezogen, damit sie oben in die Vorrichtung der Nabe gesteckt werden können. Sie können sich vorstellen, das geht nur, wenn es wirklich windstill ist.“

Gute Chancen also für die Nachbarn, am Wochenende wieder das Baustellenkino besuchen zu können.

Sind die Flügel erst einmal gesetzt, dauert es nicht mehr lange, bis sie sich drehen. Meindertsma will spätestens im Januar ans Netz gehen.

Von Frauke Albrecht

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